WISSENSCHAFTSVERMITTLUNG

Verfälscht Vereinfachung die Wissenschaft?

Der Mathematiker Michael Sedlmayer über die Problematik von Wissenschaftskommunikation

USCHI SORZ
vom 26.10.2022

Herr Sedlmayer, was bedeutet Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien?

Michael Sedlmayer: Forschungsinhalte sind oft sehr abstrakt, darum birgt populärwissenschaftliche mediale Kommunikation immer die Gefahr, dass sie zu verkürzt, verzerrt oder sogar falsch wiedergegeben werden. Das Video "We Lied to You - And We'll Do It Again" des YouTube-Kanals "Kurzgesagt", der komplexe Zusammenhänge aus Wissenschaft und Technik auf Zehn-Minuten-Filmchen herunterbricht, schildert das Dilemma solcher Unterfangen. Um einem breiten Publikum etwas nahezubringen, das auf der Arbeit vieler Forschender beruht, braucht es Analogien und Geschichten, die dem möglichst gerecht werden. Trotzdem können sie nie das Ganze abbilden. Die Macher*innen von "Kurzgesagt" vergleichen das mit der Aufbereitung komplizierter Sachverhalte für Kinder und nennen die dabei entstehenden Unschärfen "Kinderlügen". Sie erklären aber auch, warum man nicht darum herumkommt und was die Gratwanderung dabei ist.

Kann man faktenbasiertes Wissen trotz "Kinderlügen" so vermitteln, dass das auch den Ansprüchen von Wissenschaftler *innen entspricht?

Sedlmayer: Für das Verständnis sind bildhafte Erklärungen wichtig, man muss aber auch aufzeigen, wo die Grenzen der Forschung sind. Also dass es auch vieles gibt, das man nicht oder noch nicht beantworten kann, oder dass ein Forschungsergebnis oft nur für einen eingeschränkten Bereich gilt. Wissenschaft kann nicht mit Heilsversprechen und unumstößlichen Wahrheiten aufwarten, sie ist ein Prozess. Sicherlich ist es für alle Medien eine Herausforderung, hochkomplexe Inhalte möglichst authentisch und trotzdem für die Allgemeinheit interessant wiederzugeben. In den sozialen Medien ist das aber noch einschneidender, denn für Plattformen wie TikTok, YouTube &Co. zählen nur Werbeumsätze, sprich Klicks. Hier mit seinem Feature Erfolg haben zu wollen, verleitet vielleicht eher zum Clickbaiting.

Welche Rolle spielen die Kommentarfunktionen?

Sedlmayer: Das Feedback ist dadurch direkter und schneller, was grundsätzlich positiv ist. Und man stößt innerhalb dieser virtuellen Auseinandersetzung oft auf interessante weiterführende Aspekte und Quellenverweise. Allerdings ist man da auch mit einer Menge haltlosem Blödsinn konfrontiert, das kann für ernsthafte Kanal-Betreiber*innen demotivierend sein. Durch die Kommentarfunktion kann man dem immerhin entgegentreten.

Sind soziale Medien ein Verstärker von Falschinformation?

Sedlmayer: Ja, leider, die den Empfehlungssystemen der Plattformen zugrunde liegenden Algorithmen unterscheiden nicht zwischen seriösen und fragwürdigen Kanälen. Durch ihre automatisierten Vorschläge ist der Weg zu selbst ernannten Gurus nicht weit und man kann recht schnell in einer Filterblase aus alternativen Fakten und Verschwörungstheorien landen.

Wie können Laien seriöse Wissenschaftskanäle von Fake-News unterscheiden?

Sedlmayer: Am besten auf gute und nachverfolgbare Quellenangaben achten und sich den facheinschlägigen Hintergrund der Betreiber*innen genau anschauen. Bestehen Kanäle schon länger, ist wie bei Printmedien das Renommee ein Qualitätsmerkmal.

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