Wo die Schweiz wild sein könnte

Romantisch verklärt oder schlicht abgelehnt: Wildnis in der Schweiz. Wo aber hätte sie Platz?

TEXT: DOROTHEE NEURURER
vom 26.10.2022

Die NGO "Mountain Wilderness Schweiz" hat die Schweizer Wildnis in einer Studie geografisch und soziologisch begreifbar gemacht und damit eine Basis für einen öffentlichen Diskurs über Wildnis in der Schweiz geschaffen. Einer der Studienautoren, Sebastian Moos, erklärt die Möglichkeiten.

Herr Moos, in der Studie "Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz" wurde die Wildnis in der Schweiz zum ersten Mal systematisch und in einer breiten Öffentlichkeit thematisiert. Wie war die Reaktion?

Sebastian Moos: Die Studie ist auf großes Interesse und sehr positive Resonanz gestoßen. Dank zahlreicher Rückmeldungen konnten wir die Grenzwerte für die Wildnisqualität und die kleinste Gebietseinheit je nach biogeografischer Region in einer Folgearbeit anpassen. Der Alteschgletscher mit Tausenden Quadratkilometern ist nur schwer mit kleinen Gebieten in dicht besiedelten Regionen wie dem Wildnispark Zürich im Sihlwald vergleichbar. Aus den Kernbotschaften haben wir die "Wildnisstrategie Schweiz" formuliert. Sie will ein Bewusstsein für Wildnis schaffen, sie erhalten und fördern. Es ist ein unbürokratisches Awareness-und Kommunikationsinstrument für Akteure im Naturschutz, das Transparenz schafft.

Offenbar stehen die Menschen in der Schweiz der Wildnis kritisch gegenüber. Was sind die Bedenken?

Moos: Tendenziell sehen Menschen in der Stadt Wildnis positiver als Menschen auf dem Land und in den Bergen. Für Städter ist Wildnis häufig etwas Romantisches. Sie steht für Freiheit, einen anderen Rhythmus und drückt eine Sehnsucht als Gegenbewegung zur Technisierung aus. Die Bedenken sind vielfältig. Die einen fürchten, dass Naturgefahren oder potenzielle Raubtiere zunehmen, andere, dass Wanderwege oder Bike-Strecken nicht mehr betretbar sind oder gar zuwachsen. In den Berggebieten bedeutet Wildnis oft, dass gewisse Alpen in Folge von Nutzungsaufgabe zuwachsen und damit Kultur und Tradition verloren gehen. Alpen werden seit Jahrhunderten bewirtschaftet. Ich kann nachvollziehen, dass es schwerfällt, solche Gebiete loszulassen. Die enge emotionale Bindung Mensch-Natur stiftet Identität über Generationen hinweg.

Welchen Einfluss hat Wildnis auf die Biodiversität?

Moos: Diese Frage ist sehr wichtig. Der Verlust von Biodiversität wird oft als Killerargument gegen Wildnis verwendet. Es werden dann Bilder von bunten Blumenwiesen gezeigt, die sich nach der Nutzungsaufgabe in monotones Erlengestrüpp verwandeln. Das greift aus meiner Sicht zu kurz, denn erstens sind die Blumenwiesen infolge der Intensivierung der Landwirtschaft oft gar nicht mehr so artenreich. Zweitens werden zwei Faktoren vergessen, die entscheidend sind: Zeit und Raum. Es ist durchaus so, dass die Biodiversität am größten ist, wenn die Nutzung eines Kulturlandes frisch aufgegeben wurde. Wenn wir der neu entstehenden Landschaft jedoch genügend Raum und Zeit geben, dann können die natürlichen Prozesse wieder zu wirken beginnen. Wir sprechen von Zeiträumen von über 200 Jahren. Lawinen, Murgänge, Wildtiere usw. reißen Schneisen auf, so entsteht eine andere Biodiversität, vielleicht anders, als von uns geplant, dafür weist sie das volle Evolutionspotenzial auf. Nicht wir Menschen entscheiden, was wächst und gedeiht, sondern das Spiel der Evolution. Diese Arten sind dann besonders gut an Standorte und den Klimawandel angepasst. Für diesen Prozess brauchen wir genügend Raum. In Summe geht es um ein ausgewogenes Verhältnis von extensiv und nachhaltig genutztem Kulturland und Gebieten, wo die Natur noch Natur sein kann.

Wie hat sich das Wildnispotenzial in der Schweiz seit Beginn der Studie entwickelt?

Moos: Fünf Jahre sind aus Wildnissicht ein kurzer Zeitraum. Ich schätze, das Wildnispotenzial hat dort zugenommen, wo die Nutzungsaufgabe voranschreitet, gerade in der Südschweiz. Gleichzeitig nimmt der Druck auf die Wildnis mit ungeahnter Intensität zu. Unter dem Schlagwort der Energiewende werden Staumauern und frei stehende alpine Solarparks gefordert, die sehr wertvolle, teils kaum erschlossene Gebiete zerstören würden. Die Herausforderung ist, wie schaffen wir die Energiewende, hinter der Mountain Wilderness steht, ohne die letzten unerschlossenen Gebiete zu opfern. Sie sollte in bereits erschlossenen Gebieten geschehen und auch die Suffizienz als wichtigen Pfeiler einbeziehen. Biodiversität und Klima können wir nur Hand in Hand schützen.

Stehen Sie da im Austausch mit der Energiewirtschaft und Politik?

Moos: Bisher nur am Rande. Wir sehen unsere Aufgabe in erster Linie darin, auf Schönheit und Bedeutung von Wildnis und unerschlossenen Räumen hinzuweisen und ihnen eine Stimme zu geben.

In Kärnten am Dobratsch hat man schon vor vielen Jahren die Skilifte abgebaut. Gibt es auch in der Schweiz Projekte, die auf Hightech-Infrastruktur verzichten und auf Slow Tourism setzen?

Moos: Ja, jedoch noch nicht sehr verbreitet. Das Safiental im Kanton Graubünden ist zum Beispiel bekannt für seinen naturnahen Tourismus. Der Skilift läuft noch, wird jedoch mit Sonnenstrom betrieben. Im Goms im Kanton Wallis wurde der defizitäre Betrieb des Skigebiets Chäserstatt-Ernergalen 2008 eingestellt. Die Bergstation und das Restaurant sind heute beliebte Ziele für Skitourengänger*innen und Ruhesuchende.

Studie "Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz"

SEBASTIAN MOOS, SARAH RADFORD, ALINE VON ATZIGEN, NICOLE BAUER, JOSEF SENN, FELIX KIENAST, MAREN KERN, KATHARINA CONRADIN, BRISTOL-SCHRIFTENREIHE 60, 1. AUFLAGE 2019,145 SEITEN

MOUNTAINWILDERNESS. CH/ AKTUELL

Mehr aus diesem HEUREKA

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!