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Oliver Hochadel und Klaus Taschwer | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Über eine halbe Million Menschen strömten diesen Sommer zur "Körperwelten"-Ausstellung des deutschen Anatomen Gunther von Hagens ins Wiener Messegelände. Aber nicht nur die Öffentlichkeit interessiert sich für den menschlichen Körper. Vor allem die Sozial- und Geisteswissenschaften haben in den Neunzigerjahren die Leiblichkeit entdeckt. Doch je mehr sich der Körper in eine Schnittstelle für die Wissenschaften verwandelt, desto häufiger mutiert er auch zum Zankapfel und wird zu einem Schlachtfeld verschiedenster Interpretationen und moralischer Vorstellungen.

Denn die Frage, wem der menschliche Körper "gehört", ist nicht nur eine akademische. Ulrike Baureithel problematisiert die gängige Organspendepraxis vor allem in Österreich und damit auch die zunehmend fließenden Grenzen zwischen Leben und Tod. Ob die Xenotransplantation hier Abhilfe schaffen kann, fragt Robert Triendl. Für Bernhard Kathan gehen Fortschritt der und Ungenügen an der westlichen Medizin jedoch Hand in Hand. Am Beispiel der Traditionellen Chinesischen Medizin zeigt Kirstin Breitenfellner schließlich, dass beide Traditionen auch komplementär gedacht werden können.

Ist der Körper ein gesellschaftliches Konstrukt oder eine gegebene Realität? Die heftig geführte Auseinandersetzung zwischen essentialistischen und sozialkonstruktivistischen Ansätzen hat zu einem unfruchtbaren Patt geführt, sagt Franz X. Eder. Bewegung in die Debatte bringen die Transsexuellen, da sie die Kategorien biologisches und soziales Geschlecht durcheinander würfeln, berichtet Patricia Soley Beltran. Den eigenen Körper zu verändern ist ein Kennzeichen der Moderne überhaupt, nicht nur der westlichen, wie Sander Gilman an der Geschichte der Schönheitschirurgie zeigt. Sabine Frühstücks Blick auf die Transformation des Gesichts in Japan bestätigt dies.

Grausam verunstaltete Gesichter jeder Art sind im Wiener "Narrenturm" ausgestellt, wo Körper buchstäblich eine Schnittstelle im Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit bilden. In den letzten Jahren gewann die Sammlung wieder an wissenschaftlicher Bedeutung - was neue medizinische Erkenntnisse und damit auch positive Rückwirkungen auf unsere eigene körperliche Verfassung zeitigen könnte.

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