Zwischen Leben und Tod

Organspende Als hirntoter Patient hat man es in Österreich relativ leicht, zum Organlieferanten zu werden. Ein Bericht über die Praxis der österreichischen Transplantationsmedizin - und jene heikle Grenzzone, wo der Spenderkörper zwar noch lebt, das Hirn jedoch bereits abgestorben ist.

Ulrike Baureithel | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Was als harmlose Tour in die Tiroler Bergwelt begann, hatte für Hans S. und seine Familie schreckliche Folgen: Der versierte Bergsteiger kommt ins Rutschen, findet kurz Halt, ehe ihn ein nachrollender Stein am Schädel trifft. Als der Schwerverletzte in die Unfallklinik in Innsbruck eingeliefert wird, liegt er bereits im Koma. Die Ärzte überprüfen die dem Hirnstamm zugeordneten Reflexe von Hans S.: Er wird Licht- und Berührungsreizen ausgesetzt, seine Gehörgänge werden mit Eis durchspült, mit Nadeln und Spateln werden ihm starke Schmerzreize zugefügt.

Schließlich führt der Neurologe mehrere EEGs (Messungen der Hirnströme) durch, um den Ausfall aller Hirnfunktionen zu beweisen. Die Versuche fallen allesamt negativ aus, und das EEG weist eine so genannte "Nulllinie" auf: Nach derzeitigem Stand der medizinischen Erkenntnis gilt Hans S. damit als hirntot. Ein Neurologe bestätigt den Befund, und von einem Augenblick zum anderen wird Hans S., an dessen Zustand sich überhaupt nichts verändert hat, von einem ganz normalen Unfallpatienten zu einem "potenziellen Organspender".

Der vierzigjährige Hans S. hat sich zeitlebens keine Gedanken um Organspenden gemacht. Er hatte wie die meisten seiner Landsleute keine Ahnung, dass er in Österreich im Falle des Hirntods automatisch in den Kreis der möglichen Organspender gerät, wenn er sich nicht in Wien im so genannten "Widerspruchsregister gegen Organentnahme" hat registrieren lassen (dieser Kasten ist auf S. 6). Und im Unterschied zur Zustimmungsregelung in Deutschland, wo die Angehörigen der Organspende zustimmen müssen, wenn kein Organspendeausweis vorliegt, müssen hier die Verwandten weder um Erlaubnis gefragt noch informiert werden. Seit den Zeiten Maria Theresias nämlich gehört ein in einer Krankenanstalt verstorbener Patient dem Staat - das heißt, eine Leiche kann grundsätzlich obduziert werden. Deshalb hatte es die österreichische Transplantationsmedizin von Beginn an leichter, an Organe heranzukommen, als anderswo.

Als Pionier der österreichischen Transplantationschirurgie gilt Professor Raimund Margreiter, der seit 1975 das Transplantationszentrum in Innsbruck leitet. Außer in Innsbruck wird in Österreich vor allem noch in Wien, Linz und Graz transplantiert. "Einzigartig" nennt er das Innsbrucker Zentrum, "weil hier alle Organe innerhalb einer Abteilung transplantiert werden". Die Palette reicht von jährlich bis zu 125 Nierentransplantationen über Leber-, Herz- und Lungenübertragungen bis hin zu Bauchspeicheldrüsen, Inselzellen und Därmen. In Innsbruck fand 1977 die erste Lebertransplantation statt, die erste Herzübertragung 1983 und zwei Jahre später die erste Herz-Lungen-Verpflanzung. "In Innsbruck haben wir viele Unfallpatienten", erklärt eine Krankenschwester die positive "Organbilanz" des Transplantationszentrums. "Im Sommer gibt es sehr viele Urlauber und im Winter Skifahrer und Bergsteiger." So wie der für hirntot erklärte Hans S. Jedoch werden die meisten Betroffenen nicht durch ein unfallbedingtes (sekundäres) Hirntrauma zum Organspender, sondern durch eine primäre Einwirkung - eine Hirnblutung oder ähnliches.

Das Hirntodkriterium als Voraussetzung für eine Organentnahme wurde eher "by doing" in die Transplantationsmedizin eingeführt: Wenige Monate nach der ersten spektakulären Herzverpflanzung durch Christian Barnard in Kapstadt 1967 und dem daraufhin einsetzenden weltweiten Transplantationswettlauf hat eine internationale Kommission den "Hirntod" als definitives Todeskriterium definiert, um der Transplantationsmedizin eine "legale Basis" zu liefern.

Umstritten ist die Hirntoddefinition auch unter Fachmedizinern nicht nur aufgrund der Diagnosetechniken, sondern auch wegen des damit verbundenen Umgangs mit den schwer kranken Patienten: "In jede Körperöffnung", kritisiert etwa der Oldenburger Neurochirurg Andreas Zieger, "darf eine Sonde gesteckt und es dürfen Schmerzen zugefügt werden, weil sich dadurch die Messgenauigkeit erhöhen lässt." Das zentrale Problem des Hirntodkonzepts besteht jedoch in seiner dualistischen Leibvorstellung, nach der die Personalität des Menschen ausschließlich im Gehirn sitzt, während der übrige so genannte "lebende Restkörper" auf seine Organfunktionen reduziert wird. Dem Gehirn wird das "Menschliche" zugeschrieben, alles Übrige untergeordnet und - wie im Falle der Organentnahme - vernützlicht.

Derweil liegt der Patient Hans S. ganz rosig in seinem Bett auf der Intensivstation, er ist gut durchblutet und sein Herz schlägt, wie die Monitore zeigen, regelmäßig. Er wird rund um die Uhr versorgt, damit die "Vitalfunktionen" der Organe, die später entnommen werden sollen, erhalten bleiben. Das Pflegepersonal indessen ist in einer schizophrenen Situation: "Die Körperfunktionen sind da", erzählt eine österreichische Krankenschwester von dieser Erfahrung, "die Atmung ist regelmäßig, mir wird aufgetragen, immer wieder die Glieder des Patienten zu bewegen. Und trotzdem sagt man mir: ,Der ist tot.'"

Mit diesem Widerspruch zwischen dem sinnlichen Eindruck eines tief schlafenden Menschen einerseits und der Behauptung, es handle sich um einen Toten andererseits, ist vor allem das Pflegepersonal auf der Intensivstation konfrontiert. Wiederholt berichteten Pfleger und Krankenschwestern von ihren eigenen Wahrnehmungen des angeblich Toten, von seinem Aussehen und von den Regungen. Diese Erfahrungen treten in Konkurrenz zu den visualisierten und verschriftlichten Messergebnissen, von denen behauptet wird, sie seien objektiv.

Im Fall von Hans S. dauert es an die 36 Stunden, bis über die Zentrale von Eurotransplant im niederländischen Leiden geeignete Empfängerpatienten für seine Organe gefunden werden; länger als die sonst übliche Frist. So lange bleibt "der Tote" auf der Intensivstation und wird gepflegt. "Ich war immer sehr froh", berichtet eine Schwester, "wenn ich nicht miterleben musste, wie ein Patient in den Operationssaal verlegt wurde. Das ist ein ganz trauriges Gefühl." Eine Kollegin ergänzt: "Der kommt ja in den OP, um ihm die Organe herauszunehmen, nicht, um ihn zu heilen, sondern - ja, dass er dann stirbt."

Im Operationssaal herrscht Hektik. Der Patient wird zur Entnahme vorbereitet, die verschiedenen Transplantationsteams von außerhalb treffen ein, es gibt viel zu tun. "Dann gibt es einen Moment", erzählt eine erfahrene OP-Schwester, "wo der Patient sehr viel Blut verliert und wo man daneben steht und zuschaut, wie das Herz aufhört zu schlagen. Für mich ist es so, als wenn der Patient nun stirbt, das Herz steht still, man sieht auch die Todeszeichen."

OPs sind keine "normalen" Räume, es wird weniger "geblödelt". Auf "Pietät" während einer Organentnahme achtet auch Professor Margreiter: "Popmusik und solche Dinge dulde ich nicht." Und er legt Wert auf Ästhetik, dass man die Narben nicht so sieht. Eine Schwester hat andere Erfahrungen: "Viel Mühe macht man sich beim Nähen nicht."

Wie das Menschenbild der Transplantationsmedizin dem Maschinenmodell nachempfunden ist, so funktioniert auch das Transplantationssystem selbst. Extreme Arbeitsteilung garantiert, dass ein Rädchen ins andere greift, dem Einzelnen der generelle "Überblick" jedoch erspart bleibt: Die Organisationszentralen von Eurotransplant (siehe Kasten unten) wickeln das Datengeschäft ab, die Neurologen sind für die Hirntoderklärung verantwortlich, das Pflegepersonal versorgt die "hirntoten" Patienten, das OP-Team entnimmt die Organe, ein weiteres OP-Team übernimmt diese und verpflanzt sie in den Körper des Empfängerpatienten.

Und die Organempfänger, denen die Spender, wie es heißt, "neues Leben schenken"? Ihr Körper wird gefügig gemacht, angepasst an das Organ eines anderen Menschen. Die lebenslange Einnahme von Immunsuppressiva greift das körpereigene Immunsystem vehement an und wirkt obendrein noch krebsfördernd.

Die "Gewöhnung" an das fremde Organ verläuft also nicht so reibungslos wie die Autoreparatur in der Werkstatt: Der Körper verweigert seine Anpassung aus vielfältigen Gründen - ebenso wie das Organ mit seinem "Zellgedächtnis" sich gegen die neue Umgebung sträubt. Mit den körperlichen Folgen und den peinigenden Schuldgefühlen gegenüber den Organspendern bleiben die Betroffenen alleine. Die Hirntoten werden in den Dienst der Überlebenden genommen. Doch das "einverleibte andere" bleibt fremd - und wirkt in vielen Fällen traumatisierend.

Ulrike Baureithel lebt als Wissenschaftsjournalistin in Berlin und hat zusammen mit Anna Bergmann ein Buch über Organspenden in Deutschland und Österreich verfasst (Herzloser Tod. Das Dilemma der Organspende. Stuttgart 1999, Klett-Cotta), E-Mail: ypo@komma.zedat.fu-berlin.de

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