Zwischen Leben und Tod/Xenotransplantation: Schweine als Organspender

Robert Triendl | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Wann ist mit den ersten klinischen Tests zu rechnen? Mit welchem Organ wird man beginnen? Mit welcher Überlebensdauer für Spenderorgan und Patient ist zu rechnen? David White kennt solche und ähnliche Journalistenfragen nur allzu gut: Mitte der Neunzigerjahre hatte der Forschungschef der britischen Biotechnologiefirma Imutran die ersten klinischen Tests mit genetisch manipulierten Schweineorganen angekündigt.

Seither wird die Frage, ob man klinische Tests mit Xenotransplantationen zulassen soll, heftig diskutiert. In Tests mit Menschenaffen sollte gezeigt werden, dass die erreichbaren Transplantat-Überlebenszeiten - also die Zeitspanne, in der das Spenderorgan vom Immunsystem des Empfängers zerstört wird - klinische Tests beim Menschen nunmehr rechtfertigen. Nach mehreren Jahren intensiver Forschung und beträchtlichen Investitionen ist man allerdings im besten Fall über ein paar Affenlebenswochen nicht hinausgekommen.

Optimisten wie White halten dem entgegen, dass es auch bei gewöhnlichen Organverpflanzungen Jahrzehnte gedauert habe, bis man die immunologischen Probleme halbwegs in den Griff bekam. Freilich halten diesen Vergleich nicht alle Experten für angebracht. Eine Organverpflanzung von Mensch zu Mensch sei etwas grundlegend anderes als von Tier zu Mensch. Auch beim kürzlich im japanischen Nagoya abgehaltenen Kongress der Internationalen Vereinigung für Xenotransplantationen war eine gewisse Enttäuschung nicht zu übersehen. White will dennoch so bald wie möglich mit klinischen Tests beginnen. "Wer ist schon an Primaten interessiert?", meint er.

Vor ein paar Jahren hat der Brite sein Unternehmen an den Novartis-Konzern verkauft, und seither gibt es bei jedem Xenotransplantationskongress einen eigenen Repräsentationsbereich des Pharma-Multis. Eine britische PR-Firma erledigt die notwendige Pressearbeit, in der von einem riesigen Zukunftsmarkt geschwärmt wird. Tatsächlich werden die Wartelisten für Organe immer länger, je mehr transplantiert wird. Mehr als 36.000 Organe werden jährlich verpflanzt - und mehr als 200.000 Patienten warten vergeblich.

Gut ein Dutzend kleiner Biotechnologiefirmen arbeiten heute auf dem zukunftsträchtigen Gebiet. Bei PPL-Therapeutics in Schottland etwa versucht man, die Technik des "Klonens" dafür weiterzuentwickeln. Bei der US-amerikanischen Firma BioTransplant arbeitet man an neuen immunologischen Techniken, die eine Koexistenz der Immunsysteme von Spender und Empfänger ermöglichen sollen. Mit dem Interesse der Investoren sind auch die Ausgaben für Transplantationsimmunologie und für die genetische Manipulation von Schweineorganen - die gelten nach wie vor als die brauchbarsten - deutlich angestiegen.

Seit allerdings bekannt ist, dass sich Retroviren im Erbgut der Paarhufer zumindest im Experiment auch auf menschliche Zellen übertragen lassen, wird über die Gesundheitsrisiken heftig diskutiert. Eine Expertengruppe um den Harvard-Chirurgen Fritz Bach hat sogar zu einem Moratorium für Xenotransplantationen aufgerufen. Neben diesen Fachleuten nehmen längst auch Journalisten, Bioethiker und Gesundheitsexperten an der Diskussion teil, die längst überfällig ist: Denn erste klinische Experimente sind bereits durchgeführt worden, bei denen man Patienten tierische Zellen verabreicht hat.

Die Verpflanzung von ganzen Tierorganen, so fordern kritische Beobachter auf der einen Seite, gehöre aber nach wie vor ins Labor - und nicht in die Klinik. Auf der anderen Seite hat es den Anschein, als hätten die Investitionen eines großen Pharmakonzerns ebenso wie heftige öffentliche Diskussionen über die ethischen oder politischen Aspekte von Xenotransplantationen eine Situation geschaffen, in der man an klinischen Tests kaum mehr vorbeikommt.

Keith Reemtsma, Professor für Chirurgie an der New Yorker Columbia University, geht es in seiner Arbeit längst nicht nur mehr um die bloße Suche nach tierischem Ersatz für menschliches Organmaterial. Reemtsma hatte bereits Anfang der Sechzigerjahre die ersten Transplantationen von Schimpansennieren durchgeführt; zusammen mit anderen Wissenschaftlern plant er nun, einem Aids-Kranken eine Schimpansenleber einzupflanzen, um die Dynamik viraler Infektion zu studieren. "Ein besseres Modellsystem", so Reemtsma, "kann man sich kaum vorstellen."

Dann redet der hochgewachsene US-Amerikaner, der in einem Navajo-Reservat aufgewachsen ist, von einer Medizin, die zunehmend in der Lage ist, die erstaunlichen Fähigkeiten von Tieren für die Humanmedizin zu mobilisieren. "Nehmen Sie nur die Augen eines Adlers", sagt er, "oder die Tatsache, dass sich Haarzellen bei manchen Tierarten regenerieren. Beim Menschen ist das nicht der Fall." Den Entwicklungen der letzten Jahre steht er hingegen zunehmend skeptisch gegenüber: Die Leber von Schweinen, so Reemtsma, hätte er dann doch lieber auf dem Esstisch.

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