Mitsprache für Taubstumme

Implantate Neuroprothesen, die auf der Kopplung von Elektronik und Nervenzellen basieren, sollen in Zukunft Wunder wirken. Die bereits funktionierenden Gehörimplantate sind bei Patienten allerdings nicht unumstritten.

Robert Triendl | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Die Neuroprothetik ist ein florierender Forschungsbereich. Und ein spektakulärer obendrein. Das öffentliche Interesse an futuristischen Technologien wie künstlichen Netzhautimplantaten oder elektronischen Vorrichtungen zur funktionalen Muskelstimulation ist groß, zumal sie biblische Wunder versprechen: Blinde sollen sehen, Lahme gehen können.

So fern scheint diese Zukunft längst nicht mehr: Augenchirurgen an der Johns Hopkins University in Baltimore haben bereits erste klinische Tests mit Retina-Implantaten durchgeführt. Von voller Sehfähigkeit ist zwar noch keine Rede - immerhin ist es aber gelungen, den behandelten Patienten eine Art "Hell-dunkel-Eindruck" zu vermitteln. Auch klinische Tests mit Technologien zur funktionellen elektronischen Stimulierung von Muskelgewebe sind bereits angelaufen: Externe Elektronik soll dabei die komplexe Programmierung von Bewegungsabläufen übernehmen.

In Labors in Europa, den USA und Japan wird intensiv über die Kopplung von Nervenzellen und Elektronik - eine Grundlagentechnologie für die Neuroprothetik - geforscht. Auch wenn vieles in diesem Bereich nach wie vor eher der Science-Fiction zuzurechnen ist, sind bestimmte Neuroprothesen längst zu Tausenden in Gebrauch: Beim so genannten "Cochlea-Implantat" werden die Gehörnerven von schwer hörbehinderten Personen elektrisch stimuliert. Mit dieser verhältnismäßig unkomplizierten Methode lässt sich zumindest eine rudimentäre Regenerierung der Hörfunktion erreichen. Diese Gehörimplantate gelten denn auch als Vorzeigebeispiel dafür, dass Neuroprothetik funktionieren kann: kaum ein populärer Aufsatz, kaum ein Forschungsantrag zum Thema, in dem nicht auf ihren Erfolg hingewiesen wird.

Dabei sind Cochlea-Implantate keineswegs unumstritten. Die Technologie wird häufig bei stark gehörgeschädigten Kindern eingesetzt, um eine normale Sprachentwicklung zu ermöglichen. Von normal, so argumentieren Gegner, könne indes keine Rede sein. Kritisiert wird, dass tauben Kindern mit einer unausgereiften Technologie die Möglichkeit zu einer adäquaten Sozialisierung und zum vollständigen Erwerb einer Kommunikationssprache - der Zeichensprache nämlich - genommen werde. Tatsächlich klingt die Sprache von Kindern, die ein Cochlea-Implantat erhalten haben, alles andere als normal. Trotz deutlicher Verbesserungen in den letzten Jahren scheint die akustische Dynamik der am Markt erhältlichen Geräte nach wie vor begrenzt.

Dabei wurde das "bionische Ohr" bereits Anfang der Achtzigerjahre von vielen Journalisten als ideale Lösung für Patienten mit schweren Hörschäden angepriesen. Der "tragischen" Rhetorik von Behinderung, so der Medizinsoziologe Stuart Blume, der den Fall aufgearbeitet hat, wurde die "heroische" Rhetorik des technologischen Fortschritts entgegengesetzt. Den Pionieren der Technologie konnte die Publicity nur recht sein. Cochlea-Implantate wurden zu einer medizinischen Erfolgsgeschichte und Unternehmen wie die Innsbrucker Firma MED-EL - einer der weltweit führenden Hersteller von Cochlea-Implantaten - gelten als vorbildliche Hightech-Unternehmen.

Mit der zunehmenden Verbreitung der hochtechnischen Gehörhilfen begannen Betroffene - und deren Sprecher - allerdings zusehends die Gültigkeit dieser rhetorischen Konstruktion in Frage zu stellen. Taubheit, so wurde zum einen argumentiert, sei keineswegs so tragisch wie von den Verfechtern einer Medikalisierung gerne dargestellt. Zum anderen sei die Technologie, mit denen taubstummen Kindern ein normales Leben ermöglicht werden solle, unausgereift und letztendlich sogar gefährlich. Allenfalls werde Kindern mit Cochlea-Implantaten eine normale Sozialisierung innerhalb der taubstummen Gemeinschaft verwehrt.

In Frankreich erreichte eine Koalition von Patienten, Eltern, Therapeuten und Taubstummenverbänden, dass sich das Nationale Komitee für Ethik in den Gesundheitswissenschaften mit der Problematik von Cochlea-Implantaten auseinandersetzte. Wenn auch die Forderung nach einer rigiden öffentlichen Kontrolle der Technologie zurückgewiesen wurde, so hielt das Komitee doch fest, dass in absehbarer Zeit mit einer eindeutigen Antwort auf die Frage nach dem Nutzen von Cochlea-Implantaten nicht zu rechnen sei. Weiters wurde empfohlen, taubstumme Kinder in jedem Fall - und unabhängig von einer späteren Einpassung eines Implantats - in der Zeichensprache zu unterrichten.

Stellen schwere Gehörschäden bloß eine medizinische Indikation dar, die mit technologischen Mitteln behandelt werden soll? Oder handelt es sich vielmehr um ein soziales Problem, dem mit adäquater Unterstützung und Therapie zu begegnen ist? Die Alternative zwischen Technik und sozialem Netz scheint fehl am Platz. Zumal die Qualität von Cochlea-Implantaten mit der Entwicklung neuartiger Elektroden und verbesserter Signalverarbeitung in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Allerdings sind Cochlea- Implantate teuer und stehen einer intensiven Betreuung in den notwendigen Kosten kaum nach.

Richtig ist allerdings auch, dass technischer Wandel im medizinischen Bereich nach wie vor von einer geschlossenen Allianz aus Unternehmen und der medizinischen Profession dominiert wird. Dabei sind im Fall von Cochlea-Implantaten - auch darauf hat Stuart Blume verwiesen - die Anwender und Benutzer natürlich nicht die Ärzte, sondern Patienten. Ihnen gilt es, ein Mitspracherecht im Prozess technischen Wandels einzuräumen. Bedenkt man, dass neue Therapieformen und medizinische Technologien zunehmend in Bereiche vordringen, die konstitutiv für die Persönlichkeit und soziale Identität sind, so ist dies in der Tat eine dringende Notwendigkeit. Die widersprüchliche Geschichte der Cochlea- Implantate könnte dazu Ideen liefern.

Robert Triendl arbeitet zur Zeit als Projektmanager für das Asian Technology Information Program in Tokio (www.atip.or.jp). E-Mail: rtriendl@atip.or.jp.

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