Feuer in der Lunge

Alternativmedizin Die jahrtausendealte Heilkunde aus China soll in Österreich bald akademisches Studium werden. Vom Patienten bereits akzeptiert, hat sie seitens der westlichen Medizin noch mit Imageproblemen zu kämpfen.

Kirstin Breitenfellner | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

In der Gesundheitsabteilung von Wiens größter Buchhandlung ist ein ganzes Regal mit einem Kürzel beschriftet, das Herr und Frau Österreicher anscheinend mühelos zu dekodieren wissen: TCM. Die Traditionelle Chinesische Medizin ist auch hierzulande groß im Kommen. Das liegt sicherlich an den altbekannten Schwächen der so genannten westlichen Schulmedizin, die immer mehr Patienten nach einer Alternative zur Anonymität ihrer Apparatemedizin suchen lässt.

Gerade bei Störungen, denen der Westen nach wie vor einigermaßen ratlos gegenübersteht - wie Migräne, Allergien oder Tinnitus - kann die TCM offenbar Heilungserfolge vorweisen, die über die bloße Bekämpfung der Symptome hinausgehen. Da nimmt es der Patient dann auch in Kauf, dass in dieser exotischen Welt Wind Schlaganfälle auslöst, Tumore eine Ansammlung von Schleim darstellen und Vergesslichkeit mit "Nieren-Yin-Mangel" zusammenhängen kann. Dass ihm Nadeln in die Haut gesteckt und Schröpfköpfe angesetzt werden.

Noch immer sind Heilpflanzentherapie, Akupunktur, Diätetik, Tuina-Massage und die Atem- und Bewegungstherapie Qi-Gong die fünf Säulen der TCM und ein über 2000 Jahre altes Buch ihre "Bibel" (siehe Kasten). Kann ein so fremd anmutendes System überhaupt in unser Gesundheitssystem integriert werden? Diese Frage diskutierten TCM-Spezialisten von US-amerikanischen und asiatischen Universitäten mit Vertretern der westlichen Medizin am ersten europäischen Kongress für Traditionelle Chinesische Medizin Ende Oktober in Wien.

"Wegen ihrer Ablehnung durch die moderne Medizin ist die TCM zu Unrecht in den Dunstkreis der Esoterik abgerutscht", meint der Mitveranstalter Andreas Bayer, Präsident der Wiener TCM-Akademie und Professor an der Kyung-San-Universität in Los Angeles und der renommierten China Academy of TCM in Peking, im Gespräch mit heureka! - und gibt sich optimistisch, sie dort wieder herausholen zu können.

Dass die TCM weniger "wissenschaftlich" sei als die westliche Medizin, davon will Bayer nichts wissen. Beides seien logische, in sich stringente Systeme, die allerdings auf höchst unterschiedliche Weise mit dem Phänomen Krankheit umgingen. Die westliche Medizin legt, so Bayer, enorm viel Wert auf Messparameter und filtert die Informationen des Patienten aus, die sie braucht, um seine Symptome einer Krankheit zuordnen zu können. Auf diese Weise "bleibt von den Bronchitis kaum mehr übrig als ein Leukozytenwert. Ein europäischer Arzt würde etwa bei einem Patienten mit Husten mit Schleimauswurf und Kopfweh eine Bronchitis diagnostizieren - und beim nächsten mit Husten, Schüttelfrost und Bauchschmerzen ebenfalls. Die TCM hingegen legt großen Wert auf die Erfassung der Detailsymptome. Eine Bronchitis mit Kopf- oder mit Knieschmerzen - das sind zwei unterschiedliche Störungen, die auch antagonistisch behandelt werden." Während die moderne Medizin also abstrahiert, geht die chinesische "empirisch" vor - sie beruht auf der Sammlung von Erfahrung, wobei ihr freilich ihr hohes Alter zugute kommt. Und ist sich bewusst, dass sie symbolisch spricht, wenn die Diagnose einer Erkältung mit trockenem Husten und gelblichem Schleim auf "Feuer in der Lunge" lautet.

Auch ihr Körperbild ist dem des Westens diametral entgegengesetzt. "Es gibt in der TCM keine Krankheiten, nur den kranken Menschen", erläutert Bayer. Störungen werden in diesem Harmoniekonzept als Abweichungen vom individuellen Gleichgewicht interpretiert. Und da die Behandlung nicht nur die Symptome, sondern auch die zugrunde liegende Konstitution berücksichtigt, wird sie stets auf den Einzelfall abgestimmt. Fertige Medikamente für bestimmte Krankheiten gibt es nicht. In Zeiten, wo das Bild des Menschen als (Körper-)Maschine auch hierzulande immer mehr ins Wanken gerät, nimmt es allerdings kaum mehr wunder, dass in der TCM die körperliche, geistige und emotionale Dimension sowie Umwelteinflüsse gleichzeitig betrachtet werden.

Könnten sich die unvereinbar scheinenden Wissenschaftssysteme einander annähern? Oder ist die TCM eher eine Alternative zur europäischen Medizin? Da die beiden Traditionen ihre Stärken auf unterschiedlichen Gebieten haben, bevorzugt Andreas Bayer den Begriff "Kooperationsmedizin". Für akute Störungen wäre dabei die westliche Medizin zuständig, für Prophylaxe sowie funktionelle und chronische Krankheiten die TCM. Einen Patienten mit einer Blinddarmentzündung würde er also zu einem westlich orientierten Kollegen schicken - chronische Darmbeschwerden hingegen selbst behandeln, vor allem, wenn die apparative Untersuchung kein Ergebnis zeitigt und der Patient - wie es nicht selten vorkommt - als gesund nach Hause geschickt wird, obwohl er sich krank fühlt.

Denn die TCM setzt mit ihren Diagnosemethoden bereits dort an, wo die Instrumente noch nicht greifen. Die detaillierte Befragung des Patienten und die körperliche Untersuchung mit einer äußerst komplexen Zungen- und Pulsdiagnose (allein 28 Pulsqualitäten werden in drei Ebenen und an sechs Positionen abgetastet!) erfordern allerdings einiges an Erfahrung und Feingefühl seitens des Behandelnden - und eine jahrelange Ausbildung. Dass der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit nicht so leicht zum Verstummen zu bringen ist, liegt sicher nicht nur in der ungewohnten Denkweise der Chinesen begründet. Wer weiß schon, dass allein 7000 Mitarbeiter in der Forschungsabteilung der China Academy in Peking und immerhin 300 in der statistischen Abteilung der Nanking-Universität beschäftigt sind? Oder dass auch dort Behandlungsmethoden und Medikamente anhand von Tierexperimenten evaluiert werden?

Dass westliche Studien, anders als asiatische, immer wieder die Unwirksamkeit der TCM belegen, führt Bayer auch auf die unzureichende Ausbildung der hiesigen Therapeuten zurück: "Für das Akupunktur-Diplom der Österreichischen Ärztekammer werden 100 Stunden Theorie und 40 Praxis verlangt - das einzige Land, in dem man noch weniger Stunden braucht, ist Venezuela!" Um dem abzuhelfen, nimmt die TCM-Akademie Wien das im November dieses Jahres in Kraft getretene Akkreditierungsgesetz für Privatuniversitäten (siehe Kasten) als Chance wahr und wird im Jänner 2000 zusammen mit anderen renommierten TCM-Einrichtungen die erste akademische Ausbildungsstätte für TCM in Europa beantragen. Verhandlungen mit dem steirischen Kurort Bad Blumau, wo das Universitätsspital entstehen soll, und mit der Universität Wien, die idealerweise den ersten Teil des Studiums - mindestens drei Jahre Grundausbildung in westlicher Medizin - übernehmen soll, sind bereits am Laufen. "Ein TCM-Arzt, der hier arbeitet, muss etwa wissen, wie unsere Medikamente wirken, wenn seine 70-jährige Patientin schon seit 10 Jahren ein Mittel nimmt, das sie nicht so einfach absetzen kann."

Gerade das Problem der drohenden Überalterung der Bevölkerung und das damit einhergehende Ansteigen von entsprechenden altersspezifischen Erkrankungen, in deren Behandlung Bayer eine der Stärken der TCM sieht, sowie die abzusehende Unfinanzierbarkeit des derzeitigen Gesundheitssystems machen die TCM interessant für Europa, denn eines ist sie sicher: billig. So errechnete der World Health Report für das Jahr 1994 für die Industrieländer Gesundheitsausgaben von 2100 Dollar pro Kopf - bei einer Lebenserwartung von 74 Jahren. In China betrug diese immerhin 68 Jahre - dafür musste man ganze 21 Dollar aufwenden. "Nicht dass die sechs Jahre Unterschied dieses Geld nicht wert wären. Aber das ist der Grund, warum die TCM von der WHO stark gefördert wird", meint Bayer, "nicht bei uns - sondern in Afrika."

Auch Josef Deszy, Gesundheitsökonom und Direktor des Wiener Rudolfinerhauses, strich während des Kongresses diesen Aspekt der TCM heraus und verwies auf einen Modellversuch der Schweizer Krankenkassen von 1993, bei dem die volle Kostenübernahme für komplementäre Therapien keine Ausgabensteigerungen verursacht hat. Im Gespräch mit heureka! bezeichnet auch er die TCM als "weit entfernt davon, Hokuspokus zu sein" - auch wenn ihre Evaluierung schwieriger sei und sich deswegen über ihr Outcome noch nichts sagen lasse. Menschlich jedoch sei die TCM, fügt er hinzu, "natürlich aufwendiger als unsere Medizin".

Der Patient weiß es zu schätzen. Und das, obwohl er hier in weit größerem Maße gefordert ist und eventuell seinen Lebensrhythmus, sein Ess- und Arbeitsverhalten umstellen muss. Statt substitutiv zu arbeiten wie die westliche Medizin und den Patienten dabei zu entmündigen, ist die chinesische modulierend orientiert, das heißt, Patient und Arzt stehen zueinander wie Tennisspieler und Trainer. Die Akzeptanz seitens des Patienten lässt nichts zu wünschen übrig. Für ihn zählt - Wissenschaftlichkeit hin oder her - sowieso nur ein Argument: Wer heilt, hat Recht.

Die Bibel der TCM: Strahlender Schmerz Qi Bo sagte: ,Bei Rückenschmerzen, die ihren Ursprung in der Fuß-Taiyang/Blasen-Leitbahn haben, strahlt der Schmerz vom Hals in die Wirbelsäule aus. (...) Man soll Weizhong (B 40) nadeln. Im Frühling sollte allerdings kein Blut austreten.'" "Ich danke Euch für diese Unterweisung", pflegt sein Gesprächspartner zu antworten. Es ist der legendäre Kaiser Huangdi, der sich von seinem Minister Qi Bo über die wesentlichen Dinge des Lebens und der Medizin belehren lässt: über die Entstehung von Krankheiten, ihre Diagnose und Therapien. Seine Instruktionen scheinen heute so sachdienlich zu sein wie vor über 2000 Jahren, denn "Der Gelbe Kaiser" ist immer noch so etwas wie die "Bibel der TCM". K. B.

Der Gelbe Kaiser. Das Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin. Hg. und kommentiert von Maoshing Ni. Bern/München/Wien 2. Aufl. 1999 (O. W. Barth). 416 S., öS 496, Privatunis: Belebung oder Gefahr?

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist mit dem im November in Kraft getretenen Akkreditierungsgesetz für Privatuniversitäten eine einschneidende legistische Veränderung in der Bildungslandschaft der Zweiten Republik über die Bühne gegangen. Steht damit auch dem Sozialstaat Österreich langfristig eine Staffelung beim Bildungszugang ins Haus, wie sie in den USA oder Großbritannien schon lange gang und gäbe ist? Davon will man im zuständigen Wissenschaftsministerium (BMWV) nichts hören - obwohl eine "Gefahr in dieser Richtung" nicht völlig ausgeschlossen werden könne.

In der zunehmend internationalisierten Universitätslandschaft fühlt sich Österreich unter Zugzwang, etwa um keine Standortnachteile für die Ansiedlung von Zweigstellen US-amerikanischer Kaderschmieden in Kauf nehmen zu müssen. Um der Gefahr eines Wildwuchses wie in manchen osteuropäischen Reformstaaten zuvorzukommen, so Gerald Bast, der mit legistischen Ausarbeitung des Gesetzes betraut war (und gerade zum Rektor der Wiener Universität für angewandte Kunst gewählt wurde), wurden strenge Bedingungen formuliert und ein Akkreditierungsverfahren ausgearbeitet. Dieses soll durch einen Akkreditierungsrat durchgeführt werden, der in den nächsten Wochen formell installiert werden wird. Er setzt sich aus Delegierten der Regierung und dem akademischen Bereich zusammen, die von der Rektorenkonferenz vorgeschlagen werden und das Niveau der Studiengänge und den freien (nicht aber den kostenlosen) Zugang zum Studium zu gewährleisten haben.

Ob die "belebenden Effekte", die man sich von der Diversifizierung des Angebots auch für die staatliche Universität erwartet, parallel zum projektierten Innovationsschub durch die Neufassung der Studienpläne gemäß Universitätsorganisationsgesetz 93 auch eintreten werden, bleibt abzuwarten. Dass der Bund sich zur Ergänzung seines Studienangebotes unter gewissen Bedingungen auch Leistungen von Privaten zukaufen kann, könnte einer diesbezüglichen Bequemlichkeit jedenfalls Vorschub leisten. Wie viele und welche Studienrichtungen unter den ersten Anträgern sein werden- "ob zwei oder zehn oder darüber hinaus" -, darüber wagt Heinz Kasparovsky, der für die Umsetzung des Gesetzes verantwortlich ist, derzeit noch keine Prognosen abzugeben. Dass etwas Wirtschaftliches dabei sein wird, dessen ist er sich allerdings gewiss. K. B.

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