Der Arzt als Patient

Heilkunst Der Soziologe Bernhard Kathan hat eine faszinierende, andere Geschichte der Medizin geschrieben. Ein Gespräch mit dem Autor über die Technisierung der Medizin, über Gesundheit als Ware und die Nöte der Ärzte.

Klaus Taschwer | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Das Elend der ärztlichen Kunst". So lautet der provokante Titel eines neuen Buches, in dem der Innsbrucker Sozialwissenschaftler Bernhard Kathan den problematischen Seiten der westlichen Medizin und ihrer Geschichte nachspürt. Nicht von den spektakulären Erfolgen und Fortschritten der Medizin ist da zu lesen, sondern von ihren sozialen Kosten, von der Entfremdung zwischen Arzt und Patienten, vom Verlust einer gemeinsamen Sprache. Es mögen Gesundheitsratgeber von Ärzten auf den Bestsellerlisten ganz oben stehen: Dem Buch von Kathan wäre zu wünschen, dass es zu einem viel gelesenen Ratgeber für Ärzte wird. Und uns, ihren Patienten.

heureka!: Wie kommt ein Sozialwissenschaftler dazu, sich mit der Geschichte der Medizin zu beschäftigen?

Bernhard Kathan: Ich habe mich zwanzig Jahre lang mit Medizin beschäftigt. Das hat damit begonnen, dass ich während des Studiums im Krankenhaus gearbeitet habe. Meine Frau ist Krankenschwester - und die Medizin oder ihre Erfahrungen im Krankenhaus waren zwischen uns immer ein Gesprächsthema. Dazu kommt, dass die Medizin eine ahistorische Wissenschaft ist und keinerlei reflexives Wissen über sich selbst hat. Es gibt zwar medizingeschichtliche Institute, aber diese Institute sind meist der Anatomie zugeordnet. Das ist zwar historisch verständlich, hat aber dazu geführt, dass die Geschichtsschreibung bis auf wenige Ausnahmen keinerlei soziale Dimension hat: Denn da werden bloß Knochen, Körperteile und Geräte gesammelt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Geschichte der Medizin nicht als eine des Fortschritts - so wie es Mediziner gewöhnlich tun -, sondern in gewisser Weise als Verfallsgeschichte. Was hat sich denn Ihrer Meinung nach verschlechtert?

Zunächst muss ich klarstellen, dass ich nichts von der populären Medizinkritik halte, die behauptet, dass früher alles besser war. Die meistverkauften medizinkritischen Bücher sind ja dumm von vorn bis hinten, weil sie in einem Schwarz-weiß-denken verhaftet sind. Solche Bücher reflektieren bestenfalls Ängste von Patienten, helfen aber nicht, die Medizin besser zu verstehen. Ich versuche vielmehr zu zeigen, dass sich Erfahrungs- und Interaktionsmuster zwischen Arzt und Patienten im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Dabei ist es wohl so, dass die Technisierung in der Medizin die sozial-interaktive Ebene zunehmend unbedeutender werden lässt - obwohl wir nach wie vor einen Körper haben, der nach einem sozialen Ausdruck sucht. Aber im Grunde haben wir heute bloß jene Medizin, die unsere Gesellschaft verdient.

Was meinen Sie damit?

Diese Gesellschaft geht davon aus, dass alle Probleme technisch lösbar sind. Warum sollte man in einer solchen Gesellschaft nicht auch körperliche und seelische Krankheiten zunehmend der Technik überantworten? Heute befinden wir uns an einer entscheidenden Schwelle. Gesundheit wird zu einer Ware. Und das ist ein ganz dramatischer Bruch, den man nicht über die Medizin allein erklären kann.

Wie dann?

Meines Erachtens ist der Körper so etwas wie die letzte Selbstvergewisserung gesellschaftlichen Daseins. Und in einer Gesellschaft, in der sich die Leute nicht mehr über soziale Kontakte erleben, müssen sie diese Kontakte im gesunden Körper simulieren, um für den Markt verfügbar zu sein - aber jetzt spreche ich selbst schon in dieser vertrottelten Marktsprache.

Zugleich gibt es in dieser Gesellschaft doch auch eine wachsende Kritik am Zustand der westlichen Schulmedizin.

Das stimmt. Tatsächlich wünschen sich viele Patienten einen Arzt, der sie als Person wahrnimmt. Und auch Ärzte fühlen sich in diesem System zunehmend unwohl. Meine Hausärztin etwa hat keine Sprechstundenhilfe und auch keine Verträge mit Kassen. Man muss sich persönlich anmelden, und es kann vorkommen, dass man drei Monate warten muss. Dafür hat sie nur wenige Patienten pro Tag, für die sie sich wirklich Zeit nimmt. Es gibt ja auch unter den Ärzten viele, die unglücklich sind mit den bestehenden Verhältnissen.

Warum ist es denn so, wie es ist?

Das beginnt bei der Ausbildung. Die müsste meines Erachtens schon viel früher zwischen einer Ausbildung für medizinisch-biotechnische Dienstleistungen am Körper und dem großen Feld der personenorientierten Medizin differenzieren, wo in der Behandlung die Beziehungsebene von zentraler Bedeutung ist. Ein anderer Grund ist das Abrechnungsschema der praktischen Ärzte: Wie soll man sich da um einzelne Leute kümmern können? Für mich ist eine entscheidende Frage, welchen Gewinn Ärzte aus all diesen Strukturen ziehen, die sie beklagen. Ich verstehe sehr gut, dass die Medizin heute auf auf das Kundenmodell setzt.

Was ist so schlecht daran?

Da wird eine Art Schuldumkehr betrieben, indem es zugleich auch fordert, dass Patienten mündig sein sollen. Meines Erachtens müssten die aber das Recht haben, "verrückt", schwach oder unwissend zu sein. Es ist Aufgabe professioneller Helfer - egal ob Psychotherapeut oder Arzt -, damit umzugehen. Es macht den Patienten aus, dass er in seinen physischen, psychischen und sozialen Möglichkeiten eingeschränkt ist. Das Kundenmodell fordert vom Einzelnen nicht nur Vorsorge, sei es eine Zusatzversicherung oder ein entsprechendes Gesundheitsverhalten, sondern ein Engagement, welches er im Krankheitsfall oft nicht in der Lage ist zu erbringen. Heute besteht die Gefahr, dass die Medizin aus ihrer Pflicht entlassen wird.

Bürden Sie den Ärzten mit diesen Forderungen nicht ein bisschen viel auf?

Im Gegenteil, ich denke, dass diese Auseinandersetzung auch für Ärzte wichtig wäre. Wie viele von ihnen sind verbittert oder haben das Interesse an ihrer Arbeit verloren! Man muss sich nur ihre Gesundheitsstatistiken anschauen, den Anteil der suchtkranken Ärzte oder ihre Selbstmordraten. Das ist absolut bedenklich! Der Medizin fehlt eine Metatheorie. Das wäre eine wesentliche Voraussetzung, die eigene Arbeit zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Jene der Psychotherapeuten lässt sich nicht übernehmen, da Medizin trotz aller überschneidungen etwas anders ist. Ich finde es erstaunlich, dass Ärzte sich zwar mit modernster Technologie umgeben, für alles Zwischenmenschliche aber mit den bescheidensten Alltagstheorien auskommen.

Bernhard Kathan: Das Elend der ärztlichen Kunst. Eine andere Geschichte der Medizin. Wien 1999 (Döcker). 304 S., öS 398,

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