Maßstab Körper

Anthropometrie Körpergröße und Sozialstruktur haben sehr viel mehr miteinander zu tun, als man denkt. Wie sich soziale Ungleichheit leibhaftig manifestiert.

Gerhard Fröhlich | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Helmut Kohl war ein großer Kanzler. Mit knapp zwei Metern überragte er alle. Bilder von Staatsempfängen mit kleingewachsenen Staatsoberhäuptern wie Gorbatschow wirkten daher immer etwas seltsam, fast peinlich. Zum offiziellen Foto setzte man sich daher lieber nieder. Die Gründe für diese Höhenunterschiede mögen vielfältig sein, aber die gute Pfälzer Luft sowie der vom Altkanzler so innig geliebte Saumagen einerseits und die sowjetische Mangelwirtschaft andererseits sind als mögliche Ursachen nicht zu unterschätzen.

So haben die Untersuchungen von physischen Anthropologen, Medizinern, Ergonomen, Sozial- und Wirtschaftshistorikern einen direkten Zusammenhang zwischen Körpergröße und Umweltbedingungen wahrscheinlich gemacht. Unterschiede bei den Körpergrößen von Ethnien, Klassen, Geschlechtern werden als "harte Indikatoren" (Stellvertretergrößen) von unterschiedlichen Umwelt-, Arbeits- und Ernährungssituationen angesehen - übrigens in der Tradition von Karl Marx. Kurz: Je höher der Lebensstandard von Menschen (vor allem in puncto Ernährung), je besser die Umweltbedingungen (inklusive Luftqualität) und je weniger sie als Kinder körperlich schwer arbeiten müssen, desto größer werden sie.

Wie augenfällig die soziale Ungleichheit auch heute noch den Körpern eingeschrieben ist, zeigt eine Million Zwergmenschen in Brasilien - Erwachsene mit einer Körperhöhe von höchstens 1,2 bis 1,3 Metern. Aufgrund extremer Mangelernährung der Mütter kommt es bereits während der Schwangerschaft zu irreversiblen Schäden. Bei interkulturellen Vergleichen haben Forscher herausgefunden, dass die durchschnittliche Körpergröße der Bevölkerung und die durchschnittliche Wachstumsgeschwindigkeit der Kinder ein guter Indikator für den Lebensstandard einer Gesellschaft bzw. Schicht ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwendet diese Maße zur Abschätzung des Ernäh-rungszustands von Drittweltländern.

Auch innerhalb einer Gesellschaft scheinen sich zu allen Zeiten klare Zusammenhänge zwischen Sozialstruktur und Körpergröße nachweisen zu lassen. In der Regel waren die unteren Schichten, Minderheiten und Landbewohner durchschnittlich kleiner. Sozialer Status und durchschnittliche Körpergröße korrelieren miteinander. Auch heute noch, wenngleich sich die Unterschiede verringert und sich zumindest im kontinentalen Europa die Körpergrößen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert durchschnittlich (wieder) nach oben verschoben haben. Die Theorien zur Erklärung dieser so genannten mittleren Körperhöhenprogression betonen unter anderem die Abschaffung belastender wachstumsverzögernder Kinderarbeit und die erhöhte Stimulation (inklusive der Verlängerung des Tages durch Kunstlicht) in modernen Gesellschaften. Ausreißer im historischen Verlauf (durchschnittliches Kleinerwerden) sind keine Widerlegung dieses Trends, sondern ein Anzeichen für Ernährungs- bzw. Agrarkrisen. Auch die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts mit all ihren sozialen und gesundheitlichen Belastungen soll die Menschen wieder geschrumpft haben. Doch ist die Ursachenzuschreibung insgesamt heftig umstritten.

Statushohe Personen sind auch heute in der Regel größer als statusniedrige. Allerdings wirkt hier die Art der jeweiligen Tätigkeit selbst selektierend. So sind auch heute noch einer Nürnberger Untersuchung zufolge (sie ging zu Recht davon aus, dass bestimmte Familiennamen sich von Berufsbezeichnungen herleiten) Personen mit dem Namen "Schneider" kleiner als Personen mit dem Namen "Schmied". Generell gilt, dass alles, was heutzutage als erstrebenswert gilt, positiv mit der Körpergröße zusammenhängt: Große verdienen mehr, sind besser ausgebildet und angesehener.

Entsprechend haben großgewachsene Angehörige der Unterschicht eher Aufstiegschancen: In Gardebataillons, erfolgreiche Basketballteams oder in die Karteien von Top-Model-Agenturen kommt man/frau nur bei überdurchschnittlicher Körperlänge. Beim interfamiliären Vergleich sind die sozialen Aufsteiger größer als ihre in der Herkunftsschicht verbliebenen Geschwister. Bloß für Bomberpiloten gibt es Obergrenzen - der Platz in den hightechbefrachteten Maschinen ist knapp, die Luken sind eng.

Frauen sind je nach Klasse im Durchschnitt zwar durchwegs kleiner gewesen als Männer, doch verringern sich diese Unterschiede zunehmend - ein harter Indikator für stärkere Gleichbehandlung in Kindheit und Jugend. Mit Folgen: In den alten Bundesländern Deutschlands setzen immer mehr um die Heiratschancen ihrer Töchter besorgte Mütter bei Ärzten eine Hormonbehandlung ihrer Töchter gegen zu heftiges Wachstum durch.

Frauen sind nämlich keineswegs das "schwache Geschlecht". Die einfachste und mithin "eleganteste" Theorie zur Ursache der Geschlechterhierarchie behauptet nur einen kleinen, aber folgenreichen Unterschied zwischen den Geschlechtern: Frauen seien aufgrund ihrer Muskelstruktur für Langzeitbelastungen gut geeignet, Männer für Kurzzeitbelastungen. Jagen, Kriegführen und Vergewaltigen erfordern nur die kurzzeitige Mobilisierung von Kräften; Kindertragen, Lastenschleppen und Ackerbau hingegen kontinuierliche Belastungsfähigkeit. Angeblich ist ja auch die Muskelstruktur für sportliche Höchstleistungen entscheidend. Schulkindern in der DDR sollen routinemäßig Muskelproben entnommen worden sein: Schülerinnen und Schüler mit überwiegend langen Muskelfasern sollen zum Training für Ausdauersportarten (etwa Marathonlauf), solche mit überwiegend kurzen Muskelfasern zum Training in Sportarten mit kurzfristigen Höchstbelastungen (etwa 100-Meter-Lauf) abgestellt worden sein. Alles vergangen. Auch Kanzler Kohl ist nicht mehr. Sein kleiner Nachfolger Gerhard Schröder wird allerdings gerne als der kurzbeinige Niedersachse verspottet.

Gerhard Fröhlich misst 187 Zentimeter. Das neueste (Digital-)Opus des Autors (mit Ingo Mörth): HyperBourdieuHTM - eine Dokumentation des Gesamtwerks Pierre Bourdieus (http://www.iwp.uni-linz .ac.at/lxe/sektktf/bb/HyperBourdieu.html).

E-Mail: gerhard.froehlich@iwp.uni-linz.ac.at.

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