Röntgenzeichenlehre

Radiodiagnostik Neue Visualisierungstechniken machen sichtbar, was an unseren Körpern sonst nicht einsehbar wäre. Ein Gespräch mit dem Radiologen Peter Pokieser über Repräsentationen unseres Körperinneren, über die Interpretation von Röntgenbildern und über die Grenzen zur Kunst.

Christina Lammer | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Um das Innenleben unserer Körper zu begreifen, sind wir auf visuelle Medien angewiesen, die entsprechende Bilder hervorbringen. Ob Patienten nun mit Röntgenaufnahmen ihres Leibesinneren konfrontiert werden, die schattenhaft über ihren Gesundheitszustand befinden, oder ob eine werdende Mutter in der Klinik ihr ungeborenes Kind am Ultraschall-Screen als dreidimensional bewegtes Bild vor sich hat - immer stellt sich die Frage: Wie "erschaffen" die technisch erzeugten Bilder unsere Körper?

Die Fachleute für diese Frage arbeiten in der medizinischen Diagnostik - so wie Peter Pokieser. Der Oberarzt an der Wiener Universitätsklinik für Radiodiagnostik im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) macht vorweg auf das grundsätzliche Problem seiner Disziplin aufmerksam - dass nämlich eine unmittelbare Visualisierung des Inneren des Körpers an sich nicht möglich sei. "Sobald ich den Körper öffne", so Pokieser, "hat sich das gesamte optische Erscheinungsbild ja schon wieder verändert."

Diese "Wahrheit" über die Vorgänge im Körperinneren beschäftigt Ärzte seit Jahrhunderten; die Grenzen des Sichtbaren - und damit auch des Wissens - wurden dabei ständig neu gezogen. In der heutigen medizinischen Diagnostik und Forschung können die inneren Organe und Funktionen, die uns am Leben halten, durch und durch sichtbar gemacht werden. Die Körper sind dabei immer weniger von den Maschinen und Geräten zu trennen, die die entsprechenden Bilder hervorbringen.

Dafür ist ein entsprechender Aufwand unumgänglich: Allein im visuellen Gerätepark des AKH werden täglich in fünf verschiedenen Abteilungen von über 60 Radiologen Hunderte von Bildern produziert, interpretiert und archiviert. Die Universitätsklinik für Radiodiagnostik in Wien ist eines der größten radiologischen Institute der Welt - und hat auch entsprechende Ausgaben. Laut Pokieser beträgt der Wert der Röntgengeräte, die im AKH zur Verfügung stehen, um die 700 bis 800 Millionen Schilling. Aber auch große Praxen würden heute längst über einen Maschinenpark im Neuwert von bis zu 50 Millionen Schilling verfügen.

Begonnen haben die Repräsentationen des Körperinneren zu Diagnosezwecken mit dem Röntgenbild: Es hält anatomische Verhältnisse des Körpers fest und zeigt, wie die untersuchten Organe oder Teile zum Zeitpunkt der Aufnahme beschaffen sind. In den Worten des Fachmanns Pokieser: "Die konventionelle Radiologie erstellt ein Strahlenbild, das der Körper auf einem Trägermedium hinterlässt. Wir haben durch die Überlagerung der anatomischen Strukturen und das Projizieren des Volumens auf eine zweidimensionale Ebene eine Codierung."

Ähnlich wie bei der analogen Fotografie wird mit dem Röntgenbild ein bestimmter Augenblick fixiert; der kurze Moment, in dem der Auslöser gedrückt wird, steht für die "Wahrheit" des Körpers und wird als Befund festgehalten. Den kann allerdings nur der geschulte Blick des Experten erstellen. Die Aufgabe der in der Radiologie tätigen Ärzte ist es, den Kollegen anderer medizinischer Fachbereiche möglichst genaue Befunde zu liefern, die als Basis für die weitere Behandlung dienen können. Die Regeln der radiologischen Bilddeutung sind entsprechend streng: "Nur dann, wenn sich ein Röntgenzeichen bewährt hat, das wir mit einer Krankheit im Zusammenhang sehen, kann es - nach einem strengen Prüfverfahren in der wissenschaftlichen Literatur und dann in der Praxis - seinen Niederschlag finden."

Mittlerweile ist es aber längst üblich, über die Grenzen der konventionellen Projektionsradiologie hinauszugehen. "Bei bestimmten Fragestellungen, die für die Patienten wichtig sind, werden so genannte Schnittbildverfahren angewendet", erklärt Peter Pokieser. Das sind Techniken, die auf Basis der Röntgendurchstrahlung oder der Magnetresonanz Schnittflächen vom Körper herstellen. Sei entsprechende Dringlichkeit gegeben, zögere man heute nicht, so Pokieser weiter, jede Region des Körpers in der Computer- oder Magnetresonanztomographie (CT bzw. MR) abzubilden.

Eine weitere wichtige Methode der medizinischen Diagnostik stellen heute Ultraschallmethoden dar. Die Echtzeitbilder mit einer hohen Zeitauflösung liefern "quasi eine filmische Darstellung", erklärt Pokieser. Bei solchen Visualisierungsverfahren werden Schallwellen vom Computer in dynamische Bilder übersetzt. Durch die Bewegung, die am Bildschirm sichtbar wird, stellt sich eine Gegenwärtigkeit des Körperinneren her. Bleiben diese Bilder zweidimensional, sind auch sie für Laien kaum interpretierbar: Die inneren Organe des Körpers zeichnen sich nur schattenhaft am Computer-Screen ab. Wieder versteht es jedoch nur der geschulte Blick des Radiologen, die Zeichen des Ultraschallbildes zu lesen.

In einigen gynäkologischen Praxen steht mittlerweile aber auch die "dynamische 3-D-Bildgebung" zur Verfügung, die sich "besonders gut für die Darstellung jener Körperteile eignet, die von Flüssigkeit umgeben sind", wie Peter Pokieser erklärt. Beziehungsweise für die Darstellung des Fötus im Mutterleib. Zudem würden solche aufwendigen Darstellungen auch neue Möglichkeiten für die Kommunikation zwischen Arzt und Patientin eröffnen: "Derzeit wird die dreidimensionale Darstellung vor allem dann eingesetzt, wenn die Schwangere in die bildliche Darstellung ihres Inneren einbezogen werden soll", erläutert der Facharzt. Es gebe auch viele Patientinnen, die überhaupt nicht wissen wollen, wie es in ihrem Körperinneren ausschaut.

Die dreidimensionalen Filmbilder vom Körperinneren werden dazu eingesetzt, das visuelle Niveau der Abstraktion wieder zu verringern sowie um Formen und Bewegungen sichtbar zu machen. Damit wird für eine schwangere Frau beispielsweise deutlich, wie sich die Lage ihres ungeborenen Kindes beständig verändert - in Form eines am Computer hochgerechneten und geformten Abbilds. Ein Sensor gleitet über die zu untersuchende Stelle und zeichnet auf, was sich unter der Haut tut. Der Körper bildet dabei die Ausgangsbasis und gleichzeitig das Verbindungsstück zur technologischen Bildaufbereitung. Im Kontakt zwischen Radiologen und Patienten sind Visualisierungsapparaturen dazwischengeschaltet, die nicht nur die Kommunikation verändern, sondern auch die körperlichen Direktkontakte zumeist auf einen schnellen Händedruck bei der Begrüßung reduzieren.

Peter Pokieser selbst beschäftigt sich mit "Schluckforschung" oder besser gesagt: der Diagnostik von Schluckstörungen. Dabei nehmen die betroffenen Patienten Kontrastmittel zu sich, wodurch die anatomischen Strukturen des Schluckakts sichtbar gemacht werden können. Die Aufzeichnung erfolgt mit einem Röntgengerät und einem Videorecorder: "Durch das Aufzeichnen des Schluckvorgangs auf Video kann der dynamische Verlauf analysiert werden. Die Visualisierung des Schluckakts zeigt, wo Behinderungen auftreten oder wo Speisen fehlgeleitet werden - etwa in die Atemwege."

Wenn es die Arbeit an den Bildbefunden erlaubt, nimmt sich der an Kunst interessierte Facharzt für Radiologie manchmal Zeit, radiologische Darstellungen künstlerisch zu bearbeiten. "Dabei ist es mir wichtig, dass meine Bilder verständlich sind." Da ein Mensch emotional nicht nur aus der Erfüllung seiner Pflichten bestehe, seien positive Emotionen, die durch die Bildinhalte ausgelöst werden, für den kreativen Bereich der Wissenschaft durchaus funktionell bedeutsam. "Das Ansprechende erweckt Interesse, und diese Neugier bildet eine Nahebeziehung zum Erkenntnisgewinn."

Pokieser ist deshalb auch den Arbeiten jener wachsenden Anzahl von bildenden Künstlern gegenüber aufgeschlossen, die sich dem Körper zuwenden und dabei sichtbar machen, was auch in der Medizin gemeinhin ausgespart wird. Der professionelle Bildinterpret hat dabei aber auch schon seine Überraschungen erlebt - wie kürzlich bei einer Ausstellung des Künstlers Daryoush Asgar. Der auf einem Bild dargestellte Körper eines Mannes (siehe Abbildung links) erschien dem Radiologen auf den ersten Blick lebendig, ehe er feststellen musste, dass es das Bildnis einer Leiche war, die elektrisch in Bewegung gehalten wurde. "Da ich in einer Profession tätig bin, wo die Kompetenz der Feststellung des eindeutigen Todes wichtig ist, hat mich mein anfänglicher Irrtum besonders berührt."

Christina Lammer lebt und arbeitet als Soziologin in Wien. Jüngste Veröffentlichungen: "Die Puppe. Eine Anatomie des Blicks" (Wien 1999: Turia + Kant) und "Schneewittchen. Über den Mythos kalter Schönheit. Ein Eiskristallbuch" (Tübingen 1999: Konkursbuchverlag). E-Mail: puppe@magnet.at.

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