Röntgenzeichenlehre/Körper im Museum: Eindringende Exponate

aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Das Undurchdringliche durchdringen. Mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und kontraststeigernder Substanzen vor etwa 100 Jahren öffnet sich der "Blick" ins Körperinnere. Um die Visualisierungsmacht der Medizintechnik geht es in einer Sonderausstellung im Deutschen Museum München, die "Unter die Haut" geht.

24 Figuren treten dem Besucher gleichsam als Alter ego gegenüber und konfrontieren ihn mit Abbildern des Körperinneren. Leuchtkästen, Bildschirme und mechanische Elemente befinden sich in den Körperbereichen, von denen die diagnostischen Aufnahmen stammen und so verborgene Strukturen unseres Organismus der "Beobachtung" zugänglich machen. Einer Beobachtung freilich, deren Wirkungsweise den Patienten im medizinischen Alltag verschlossen bleibt und daher oft mit Unbehagen gegenüber dieser Technik erfüllt. Hier will die Ausstellung die Chance bieten, so die Kuratorin Cornelia Kemp, "sich über die Charakteristika der Verfahren und ihre Leistungen auf 'neutralem' Boden zu informieren".

"Unter die Haut". Eine Reise durch den menschlichen Körper. Sonderausstellung im Deutschen Museum München. 13.10.1999 - 15.05.2000. http://www.deut sches-museum.de/ Wenn es nur Röntgenstrahlen wären! Was da so alles in einen eindringt! Staubkörner, Gewehrkugeln, Nägel. Manches nistet sich richtig ein. Nierensteine und Haarbalgmilben etwa (letztere sind harmlose Mitbewohner in der Gesichtshaut von sechzig bis achtzig Prozent der Menschen, siehe Foto). Fremdkörper allesamt. Aber von "außen" naht auch die Rettung, die Prothese, der Herzschrittmacher, das Gehörimplantat.

Diese eindringlichen Exponate sind in der derzeitigen Sonderausstellung des Deutschen Hygienemuseums in Dresden zu sehen. Sie zeigt anschaulich, wie der medizinische Diskurs - im Verein mit dem Kolonialismus - bereits Ende des 19. Jahrhunderts "Fremdbilder aus der Innenwelt der westlichen Kultur" produziert - und damit auch die Begrifflichkeiten für Nationalismus und Xenophobie liefert. Aus Fremdkörpern werden fremde Körper, die in den eigenen "Volkskörper" eindringen, ihn infizieren und bedrohen. In diesem dichotomischen Denken des entweder-oder werden Identität und Fremdheit als sich abstoßende Gegensätze konstruiert.

Diese Wahrnehmungsraster sind auch nach 1945 nicht verschwunden, sondern beherrschen heute wieder mehr denn je die öffentliche Diskussion: Stichwort "Ausländerpolitik". Auf unsere "Brille" im Kopf aufmerksam zu machen, ist letztlich das zentrale Anliegen dieser aufklärerischen, aber nicht belehrenden Ausstellung. Am Ende steht der Besucher vor einer Videoinstallation, in der auf 48 Monitoren Menschen jeden Alters und unterschiedlichen Aussehens ihre persönlichen Alltagsgeschichten erzählen. Die "anderen" treten uns hier nicht in dieser amorphen Kategorie des Fremden entgegen, sondern als Individuen. O. H.

Fremdkörper - Fremde Körper. Von unvermeidlichen Kontakten und widerstreitenden Gefühlen. Eine Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden. 6. Oktober 1999 bis 27. Februar 2000. http://www.dhmd.de/Pages/Fkmain.htm Ausstellungskatalog, hg. v. Annemarie Hürlimann, Martin Roth und Klaus Vogel. Ostfildern 1999 (Hatje Cantz Verlag). 268 S., 172 Abb., davon 104 farbig, öS 496,

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