Homosexuelle Hormone?

Debatte Warum sind wir sexuell so oder so ausgerichtet? Sind es die Gene oder die Gesellschaft? Essentialismus und Sozialkonstruktivismus stehen sich hier unversöhnlich gegenüber. Bemerkungen zu einem unausgestandenen Wissenschaftsstreit.

Franz X.Eder | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Gen- und Hormonforschung sind Glück verheißende Wissenschaften. Nach ihren zum Teil schon praxisfähigen Visionen sollen Menschen nicht nur geheilt, sondern auch verbessert werden. Jüngstes österreichisches Buchbeispiel: "Der Mann 2000. Die Hormon-Revolution" (Ueberreuter 1999). Die Autoren Siegfried Meryn, Markus Metka und Georg Kindel sehen eine glücklichere männliche Zukunft vor allem in der Hormonersatztherapie ab dem fünfzigsten Lebensjahr: "Sobald wir für den Entwicklungsprozess nicht mehr interessant sind, entzieht uns die Natur bislang in brutaler Weise die wesentlichen Substanzen, die Sexualhormone. Der Mensch wird jedoch künftig eine neue Möglichkeit haben, korrigierend in die Natur einzugreifen." Sechzigjährige Männer würden bald der Evolution ein "Schnippchen" schlagen, den Hormonspiegel und die Libido von Dreißigjährigen besitzen und so ihre Attraktivität und Lebenslust bewahren.

Kulturalistische Kurzschlüsse wie dieser kommen in kaum einer anderen Disziplin so häufig vor wie in der Wissenschaft von der "Sexualität". Der aktuelle Boom rührt zweifelsohne von den Fortschritten der Genforschung und Endokrinologie her. Er ist aber auch Ausdruck des Geschlechterkonflikts: Besonders Männer suchen in den Neunzigerjahren wieder vermehrt nach einer stabilen und vor allem "natürlichen" Grundlage ihrer fragilen geschlechtlichen Identität. Was könnte Männlichkeit und Weiblichkeit besser absichern und voneinander unterscheiden als gefühlsdeterminierende Hormone und verhaltenssteuernde Gene?

Bemüht man die Kultur- und Sozialwissenschaften, zeigt sich, dass die Ergebnisse der Sexualforschung weit weniger homogen sind, als dies die Naturwissenschaften suggerieren. Besonders eine Kluft durchzieht die Forschungslandschaft: der Streit zwischen Essentialismus und sozialem Konstruktivismus. Auch wenn dieser gelehrte Streit für viele abgestanden erscheint, durchgestanden ist er noch lange nicht.

Anhand der Frage der sexuellen Orientierung lassen sich die idealtypischen Positionen deutlich aufzeigen: Essentialisten sehen in ihr eine kulturübergreifende, ahistorische, objektive und intrinsische Entität. Sie berufen sich auf die Macht von Genen und Hormonen oder lassen sich durch einen generalisierenden Mechanismus, wie ihn etwa die freudsche Psychoanalyse mit dem Ödipus-Komplex offeriert, anleiten. Ihre sozialkonstruktivistischen Widerparts sehen in der Hetero-, Homo- oder wie immer gearteten Sexualität eine relative und historische Kategorie. Erst die kulturellen Vorstellungen, Symbole und Bilder bringen den stummen menschlichen Körper "sexuell" zum Sprechen. Selbst kulturübergreifende Verhaltensweisen sagen demnach nichts über die Bedeutung und den Sinn unseres Handelns, Fühlens und Denkens aus. "Neuguinea ist nicht Amsterdam oder Greenwich Village", wie eine Kritikerin schrieb.

Gefangene der Gene Die fleißigsten Gefolgsleute des Essentialismus finden sich in der Psycho- und Soziobiologie. Aus diesen Feldern stammen seit den Siebzigerjahren auch die exponiertesten Aussagen zur sexuellen Orientierung. Nach der Standardthese resultiert die Heterosexualität aus geschlechtertypischen Hormondosierungen. "Anormale" Hormonwirkungen hingegen sollen die Ursache für vom heterosexuellen Standard abweichende Sexualäußerungen sein.

Wenn Hormonausschüttungen nicht zur Begründung ausreichen, werden genetische Faktoren ins Feld geführt. Hier kann auf eine folgenschwere Erweiterung evolutionstheoretischer Annahmen zurückgegriffen werden. Die "Verwandtenselektionstheorie" ermöglicht es, auch nichtreproduktionsförderndes homosexuelles Verhalten durch genetische Evolution zu erklären. Altruistisches Verhalten eines gewissen Teils einer Population, nämlich von rund fünf bis sechs Prozent nicht Heterosexuellen, würde mittels des "Helfer am Nest"-Syndroms die Überlebensaussichten der Blutsverwandten steigern und damit zur genetischen Gesamtfitness beitragen.

Massive Kritik an essentialistischen Theorien wurde seit den Siebzigerjahren nicht nur vonseiten einzelner wissenschaftlicher Richtungen, sondern insbesondere auch von der Frauen- und Homosexuellenbewegung geübt: Universale biologische und anthropologische Konzepte der sexuellen Ordnung schrieben die Diskriminierung fest und seien auch aus diesem Grund abzulehnen. Würden sexuelle Orientierung und Macht als soziale Konstruktion behandelt, könnten die Kategorien "normal" und "natürlich" relativiert und gegen die Ungleichheit gewendet werden.

Strategien gegen Diskriminierung Allerdings blieb und bleibt die Homosexuellenbewegung in dieser Frage gespalten. Während sich die sozialwissenschaftliche und historische Homosexuellenforschung ganz dem sozialen Konstruktivismus verschrieben hat, griffen die politischen Akteure bald wieder auf essentialistische Argumente zurück: Wenn homo- und andere sexuelle Begierden universale Kategorien darstellten, gäbe es keinen "natürlichen" Grund, die gesetzliche und soziokulturelle Diskriminierung von Schwulen und Lesben aufrechtzuerhalten.

Mit der Infragestellung heterosexueller Kategorien entwickelten sich in den Siebzigerjahren auch die ersten sozialkonstruktivistischen Konzepte. Für den "symbolischen Interaktionismus" etwa galt das sexuelle Verhalten als allen anderen menschlichen Verhaltensformen gleichgestellt. "Sexuell" wird demnach eine Verhaltensäußerung nicht durch eine innere Triebregung, sondern durch die symbolische Besetzung. Die "Labeling-Theorie" ging von der Annahme aus, dass sich die Individuen gemäß den Zuschreibungen der Umwelt wahrnehmen: Homosexuelles Verhalten hat es zwar zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben, der/die "Homosexuelle" bzw. das homosexuelle Subjekt entstanden aber erst in den letzten Jahrhunderten.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren wurde die Genese und Ausformung der westlichen Heteronormalität Thema vielfältiger sozial- und kulturwissenschaftlicher Studien. Ihr gemeinsamer Tenor: Moderne westliche Vorstellungen von sexueller Orientierung sind unlösbar mit den Sinn- und Bedeutungszuschreibungen der abendländischen Geschichte verknüpft. Dekonstruktion galt deshalb lange Zeit als die Aufgabe der Menschenwissenschaften. Im letzten Jahrzehnt sollte das Denken hingegen vor allem "que(e)r" laufen und beliebige sexuelle Orientierungen und Identitäten annehmen.

Ende der Einbunkerung!

Spätestens seit Michel Foucaults Sexualitätsstudien offenbarten sich aber die zentralen Schwachstellen des Konstruktivismus. Der französische Philosoph legte eine schillernde, aber unausgegorene Subjekt-Konzeption vor, in der Diskurs- und Machtformationen die menschliche Psychophysis auf ziemlich unklaren Wegen stimulieren. Der Konstruktivismus ringt seitdem erfolglos mit dem (selbst)reflexiven Subjekt. Wie Ideen, soziale Praktiken und Individuen interagieren, blieb meist im Dunkeln.

Die Debatte zwischen Essentialismus und sozialem Konstruktivismus hat in den letzten Jahren in Anbetracht der Einbunkerung in angestammten, unvereinbaren Positionen und der Stagnation der theoretischen Auseinandersetzung zunehmend an Fruchtbarkeit verloren. Mit der erfolgreichen Etablierung im intellektuellen Feld geht die "Anti"-Phase des sozialen Konstruktivismus zu Ende; das "revolutionäre" Potenzial der "ersten Stunde" verliert immer mehr an Zugkraft. Die anfänglich sehr innovative Kritik am Essentialismus ist fast zum Ritual geworden. Ein positives, für empirische Umsetzung und Evaluierung geeignetes Theoriegerüst ist nun gefragt. Nicht zuletzt, um zu zeigen, dass die "Bewegung" mehr vorzuweisen hat als symbolische Identifikationsangebote für scheinbar außenstehende Querdenker.

Franz X. Eder ist Sozial- und Wirtschaftshistoriker an der Universität Wien. Jüngste Veröffentlichung: Sexual Cultures in Europe. Manchester/New York 1999 (Manchester University Press / St. Martins Press), hg. gem. mit Lesley Hall und Gert Hekma.

E-Mail: franz.eder@univie.ac.at Zur Einführung: Tanz der Begriffe Geschafft! Der "soziale Konstruktivismus" hat sich akademisch etabliert. Gleichzeitig ist der Begriff durch vielfältigen Gebrauch schillernd geworden. Zeit für Einführungs- und Handbücher wie Paula-Irene Villas "Sexy Bodies". Einiges an Motivation muss der Leser angesichts der staubtrockenen Begrifflichkeit ("präreflexive Handlungs- und Wahrnehmungsroutinen") und des Theoriengestrüpps schon einpacken, um "Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper" auch durchzustehen. Dabei moniert Villa - zu Recht - ein entscheidendes Defizit: "Die sinnlichen, ,fleischlichen', emotionalen Aspekte des Körper-Seins und Körper-Habens, die im Alltagsleben aller Individuen eine prominente Rolle spielen", kommen in den bisherigen Analysen nicht vor.

Am Ende der Reise wartet freilich kein "sicherer Hafen", sondern Offenheit bzw. Unsicherheit. Und ein Aufsatz zu "Tango und Geschlecht", in dem die tanzende Soziologin über Bewegungsfreiheit mit Stöckelschuhen nachsinnt. O.H.

Paula-Irene Villa: Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. Opladen 2000 (Leske + Budrich). 275 S., öS 209,

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