Das Gesicht nicht wahren

Schönheit Kaum ein Land ist so besessen von der Verschönerung des Gesichts wie Japan. Dabei werden die Kategorien "künstlich" und "natürlich" kräftig durcheinandergewürfelt.

Sabine Frühstück | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Sich die Zähne mit Urin oder Tee schwarz zu färben und die Augenbrauen abzurasieren war unter japanischen Frauen im 19. Jahrhundert gängige Praxis. "Ist das nicht absurd?", fragte 1872 der Doyen der japanischen Aufklärung Fukuzawa Yukichi, der noch der Auffassung von einem "natürlichen Körper" anhing: "Die Frauen unserer Gesellschaft sind sehr seltsam. Sie dekorieren ihr Haar und tragen sehr feine Kleider, borgen sich sogar welche für besondere Gelegenheiten aus. Und doch rasieren sie ihre eigene natürliche Dekoration und imitieren die Deformierten."

Das Schwärzen der Zähne und das Abrasieren der Augenbrauen wurde schließlich verboten. In den Zwanzigerjahren entwickelte sich im Zuge der Herausbildung einer Mittelschicht und der Entstehung einer Massenkultur eine ganze Reihe von Techniken und Hilfsmitteln zur kosmetischen Verschönerung des Gesichts. Nicht mehr das maskenhaft geschminkte Gesicht der Frauen aus früheren Jahrhunderten (die damit ihre Zugehörigkeit zur Oberschicht signalisierten) galt als Ideal, sondern die "natürliche Schönheit", die mit Kosmetika unterstrichen wurde. Der deutsche Arzt C. H. Stratz war nicht der Einzige, der den Eindruck gewann, dass der Japaner "in der Kunst, sowie auch im Leben, bei der Betrachtung der Frau nur das Gesicht und die Gestalt berücksichtigt, dass er sein Schönheitsideal nur vom bekleideten Körper ableitet".

Frauen der Mittel- und Oberschicht stand in den Zwanzigerjahren ein vielfältiges Angebot zur Auswahl, das von duftenden Seifen über Lippenstifte bis hin zu Puder und Make-up reichte. Zahlreiche aufwendig gestaltete Werbeanzeigen in Frauen- und Familienzeitschriften verhießen ein weißes, schönes Gesicht in wenigen Minuten. Frauen, die fette Haut oder einen dunklen Teint, Pickel oder Sommersprossen hatten, konnten mit Gesichtswasser, Cremes und weißem Puder die Hautunregelmäßigkeiten abdecken, ohne "unnatürlich" auszusehen.

Hautverträglichere Produkte ersetzten allmählich das bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verwendete bleihaltige Weiß ("oshiroi"). Waren es doch nicht Augen, Zähne oder Nasen, sondern die Haut, die japanischen Frauen am meisten Sorgen bereitete. In Japan hat der blasse Teint bis in die Gegenwart kaum an Attraktivität eingebüßt. Zwar ist gebräunte Haut unter Jugendlichen beliebter geworden und wird vorzugsweise mit silbrig gefärbtem Haar und Hawaiihemd-Look kombiniert, aber erst im vergangenen Jahr waren die führenden Kosmetiklinien wieder einmal von Produkten beherrscht, die die Haut heller machen.

Bei dieser Art der Beeinflussung des Teints bleibt es aber längst nicht mehr. Um dem kaukasischen Ideal ähnlicher zu sehen, sind Japanerinnen (und andere wohlhabende Asiatinnen) zu drastischeren Schritten bereit. Vor allem Nasen und Augenfalten werden mit zum Teil radikalen Methoden verändert. Eine von Wacoal - der Unterwäschefirma mit dem größten Marktanteil und einem Jahresumsatz von etwa einer Milliarde Schilling - in Auftrag gegebene Studie zur so genannten "Körperindustrie" ("karada sangyo") ergab, dass mehr als die Hälfte der befragten Männer und Frauen mit ihrem Gesicht unzufrieden sind. Haut, Zähne und Nasen weichen am häufigsten vom Ideal der Befragten ab. Wenn aufwendiges Schminken allein als nicht ausreichend empfunden wird, suchen viele von ihnen Schönheitssalons oder -kliniken auf, um für eine dauerhafte Korrektur zu sorgen.

In diesem Wunsch sieht die Autorin Tawada Yoko ein Minderwertigkeitsgefühl gegenüber dem "Kriegsgewinner": "Ein Bilderbuch-Gesicht, so wie es die Japaner schätzen und aus dem Fernsehen kennen. Ein schmal geschnittenes Gesicht mit großen Augen, hoher Nase. Es gibt Japanerinnen, die sich solche Gesichter operativ machen lassen. Die Nase wird mit Silikon aufgefüllt, in die Augenlider wird eine zusätzliche Falte eingelegt. Ohne es zu wissen, tragen die Frauen ein verfälschtes Europa auf ihren Gesichtern herum; Film- und Bühnengesichter. Die westlich-amerikanische Physiognomie ist die Physiognomie des Siegers: Man möchte Teil seiner Überlegenheit sein. Eine Hypothek des Krieges."

Noch vor zwanzig Jahren bestand die Klientel japanischer Kosmetiksalons ausschließlich aus wohlhabenden Frauen und Sängerinnen, Schauspielerinnen oder Tänzerinnen. Heutzutage werden sie zunehmend von berufstätigen Frauen und sogar Studentinnen besucht. Schönheitssalons boomen wie nie zuvor. Ihre Jahresumsätze liegen inzwischen bei mehr als drei Milliarden Schilling. Ein gutes Drittel davon wird mit Gesichtsbehandlungen von jungen und älteren Frauen und neuerdings auch von Männern erzielt. Schönheitskliniken werben nicht bloß damit, ihre Klienten zu verschönern, sondern auch damit, in der Lage zu sein, Komplexe zu beseitigen. Mithilfe dieser neuen "Körpertechniken", machen sie Gesicht und Körper allmählich zu einem Produkt ihrer eigenen Arbeit.

Verkünden doch wenigstens seit den Fünfzigerjahren Frauenzeitschriften - unterstützt von Kosmetikinstituten und -kliniken -, dass niemand mit den Unzulänglichkeiten des eigenen Gesichts leben muss. Assistiert werden sie dabei auch von der "Wissenschaft", wie der 1991 gegründeten Japanischen Gesellschaft für Gesichtsstudien. Auch sie vertritt die Auffassung, jedem Menschen sei mithilfe neuester Techniken der kosmetischen Chirurgie nicht etwa sein wahres, individuelles Gesicht zu bewahren, sondern erst zu geben.

Sabine Frühstück ist Japanologin und Assistant Professor am Department für Asian Studies der University of Santa Barbara in Kalifornien. Jüngste Veröffentlichung: Neue Geschichte/n der Sexualität. Wien 1999 (Turia & Kant), hg. gem. mit Franz X. Eder.

E-Mail: fruhstuc@humanitas.ucsb.edu

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