90-60-90 - eine Universalie?

Neuerscheinungen Nancy Etcoff hat Maß genommen und liefert in ihrem neuen Werk statistische Belege für die evolutionären Grundlagen menschlicher Schönheitsideale. Auch sonst haben Körper und Schönheit Konjunktur auf dem Buchmarkt.

Peter Iwaniewicz und Oliver Hochadel | aus HEUREKA /99 vom 15.12.1999

Liegt Schönheit nur im Auge des Betrachters, oder ist unser Urteil über das Aussehen anderer nicht doch auch das Ergebnis einer langen menschlichen Evolutionsgeschichte? Dieser nicht wirklich sehr neuen Frage geht Nancy Etcoff in ihrem Buch "Survival of the Prettiest" nach. Bereits Anfang der Neunzigerjahre hatte der Wiener Humanbiologe Karl Grammer seine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu den biologischen Gesetzmäßigkeiten bei der Partnerwahl in seinem populären Werk "Signale der Liebe" zusammengefasst. Und der britische Evolutionsbiologe Robin Baker vertritt in seinem Buch "Krieg der Spermien" die These, dass der homo sapiens im Wesentlichen von Fortpflanzungserfolg getrieben wird und dass bewusstes, reflektiertes Handeln bei der Wahl der Geschlechtspartner keinen Platz hat.

Die Autoren mussten sich den Vorwurf reduktionistischer Denkweisen gefallen lassen. Zwischen den Zeilen der Kritiker war oft herauszulesen, dass dies wohl eine generelle Schwäche sei, wenn die Naturwissenschaft menschliches Verhalten erklären wolle.

Umso interessanter und erfrischender ist es, dass Nancy Etcoff aus dem Bereich der Sozialwissenschaften kommt und mit ihrem Hintergrund als klinische Psychologin fragt: Was ist es, das Models ausschließlich aufgrund ihres Äußeren den Status eines Superstars verleiht, warum sind weltweit deutlich mehr Frauen mit älteren Männern liiert als umgekehrt? Was macht die weiblichen Maße 90-60-90 für Männer so attraktiv, und wieso gibt es einen empirischen Zusammenhang zwischen exponierter Hautfläche und empfängniskritischen Tagen?

Die Autorin hat sehr umfassend statistisches Zahlenmaterial zusammengetragen, das die Faktizität des Schönheitskults, dem wir alle mehr oder weniger huldigen, belegt. Im Unterschied zu manchen ihrer naturwissenschaftlichen Kollegen zeigt sie sich vielfältig belesen, was ihr Buch auch zu einer interessanten Reise durch die Kulturgeschichte der Schönheit macht.

In ihrer Interpretation der Phänomene folgt sie aber den bekannten Auslegungen der Evolutionsbiologen, die den Wert aller Attraktivitätsmerkmale in der Erhöhung des Fortpflanzungserfolgs orten. Bei Etcoff liest sich das zwar sensibler formuliert, die Botschaften sind letztlich doch die gleichen. Leider hat auch sie es verabsäumt, auf die möglichen Missverständnisse hinzuweisen, denen man angesichts statistischen Zahlenmaterials leicht erliegt: Der Mittelwert eines Untersuchungsergebnisses ist nicht deckungsgleich mit der individuellen Wirklichkeit, d.h., wenn 78 Prozent der Frauen an empfängnisbereiten Tagen Männer mit breiten Schultern attraktiv finden, dann ist diese Aussage genauso "real" wie die Tatsache, dass jeder Österreicher 1,25 Kinder hat.

Nancy Etcoff: Survival of the Prettiest. The Science of Beauty. New York 1999 (Doubleday). 325 S., öS 431,- (Buchhandel), öS 287,- (lesezone.com).

Auch Waltraud Posch ist der Frage nach der Attraktivität von 90-60-90 nachgegangen. Im Gegensatz zu Etcoffs Buch zeigt "Körper machen Leute" jedoch die historische Wandelbarkeit der Schönheitsideale auf. Aber auch Posch schreibt "Wissenschaftlichkeit" groß und zitiert dabei wahllos aus allen möglichen Studien, um zu belegen, was zu belegen ist.

Gleichzeitig schlägt sie den Ton der guten Freundin an, die ihresgleichen vom Diktat der Schlankheit befreit: Lass dich nicht beschwatzen von Modedesignern! Posch sieht Frauen als Opfer eines Schönheitswahns, dessen Ursprünge im Dunklen bleiben: "Niemand kann mehr nachvollziehen, wo der Stress begonnen hat."

Evolutionsbiologischen Argumenten kann sie nichts abgewinnen, denn: "Bestimmt werden die Ideologien von den Mächtigen." Neben dieser "überzeugenden" Verschwörungstheorie hält die Autorin für uns Durchschnittsmenschen auch Trost bereit: "In Wirklichkeit kann Schönheit der Liebe sogar abträglich sein."

Waltraud Posch: Körper machen Leute. Der Kult um die Schönheit. Frankfurt a. M./New York 1999 (Campus). 233 S., öS 291,Dass Schönheitsideale historisch wandelbar sind, wird auch der hartgesottenste Evolutionsbiologe kaum bestreiten. In totalitären Regimes sind sogar integrierter Bestandteil der eigenen Ideologie. So sieht es zumindest der Historiker Daniel Wildmann, der zu zeigen sucht, wie der Nationalsozialismus "Begehrte Körper" inszeniert und konstruiert.

Im Mittelpunkt seiner Analyse steht Leni Riefenstahls nach wie vor heiß umstrittener Olympiafilm von 1936/38, den er als eindeutig antisemitisch und durch und durch nationalsozialistisch einstuft. Und zwar nicht nur weil die Regisseurin etwa in der Darstellung des Marathonlaufs das ästhetische Ideal des "arischen" Krieger propagiert, der sich durch Willensstärke und heroische Opferbereitschaft auszeichnet. Sondern auch weil zum Zeigen das Auslassen kommt. Der abwesende "jüdische" Körper soll im Kontrast zum aufrechten Arier als verkrümmt und degeneriert erscheinen.

Daniel Wildmann: Begehrte Körper. Konstruktion und Inszenierung des "arischen Männerkörpers" im "Dritten Reich". Würzburg 1998 (Königshausen und Neumann). 144 S., öS 218,Vergleichbare Inszenierungen lassen sich vor allem zu Zeiten der "Kriegswirtschaft" (1941-1945) auch in der UdSSR konstatieren, wie Susanne Conze in ihrem Aufsatz "Arbeiterkörper im Stalinismus" zeigt. Propagiert wird ein Sowjetbürger, der in einem Akt heroischer Selbstverleugnung weder Schmerz noch Erschöpfung kennt.

Der Körper als Gegenstand von Idealisierungen, aber auch als Ort der Konflikte und Auseinandersetzungen in den verschiedensten sozialen Räumen ist der rote Faden eines vom Bielefelder Graduiertenkolleg Sozialgeschichte herausgegebenen Sammelbandes. "Körper macht Geschichte - Geschichte macht Körper" spannt den Bogen von der Körpermetaphorik der frühneuzeitlichen spanischen Monarchie über Leiblichkeit und Geschlecht in spätmittelalterlichen Frauenklöstern bis hin zur frühen Radiographie als Repräsentationstechnologie. Keine Frage - der Körper ist im Kommen.

Bielefelder Graduiertenkolleg Sozialgeschichte (Hg.): Körper macht Geschichte - Geschichte macht Körper: Studien zur Körpergeschichte. Bielefeld 1999 (Verlag für Regionalgeschichte). 351 S., öS 350,

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