Zurück zur Natur?

Nahrungsmittel: Aktienkurse fallen, "Gen-Food" entpuppt in vielen anderen Ländern Europas sichals Ladenhüter, NGOs machen mobil. Der so genannten grünen Gentechnik fehlt es in Österreich, Europa und neuerdings auch in den USA an gesellschaftlicher Akzeptanz.

Tina Thiel | aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Der nette Herr am Buffet der Universität für Bodenkultur in Wien schlichtet behutsam das "Demeter-Brot der Woche" und platziert die Biomarmelade in gleichmäßige Reihung. Auch Peter Ruckenbauer, Leiter der Abteilung für Pflanzenzüchtung am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung, scheint bester Dinge. Er hatte soeben ein Seminar und freut sich, wenn "die Studenten so gut sind". Spricht man ihn auf die Situation der Agrarforschung in Österreich an, so verfinstert sich seine Miene schlagartig: "Die ganze Welt will jetzt möglichst natürlich leben. Wenn die Menschen jedoch krank werden, wollen sie die modernsten gentechnisch hergestellten Medikamente, aber am Teller wollen alle naturnahe Steinzeitmahlzeiten haben."

Vor allem die Kontroverse um die Freisetzung transgener Nutzpflanzen in Österreich hat das Image der industrienahen Pflanzenzüchtungsforschung angekratzt. Vier Unternehmen haben seit Ende 1994 in Österreich versucht, entsprechende Experimente bewilligt zu bekommen; zuerst das Forschungszentrum Seibersdorf mit einer Kartoffel, in die fäulnishemmend wirkende Gene eingebracht worden waren. Beim Gesundheitsministerium gingen 7000 Einwendungen ein, Anhörungen wurden durch Umweltgruppen verhindert. Der Antrag wurde nicht weiter bearbeitet.

Danach kamen zwei Anträge der Zuckerforschung Tulln, einer Tochtergesellschaft der AGRANA, die im Jänner 1996 eine gentechnisch veränderte Industriestärkekartoffel aussetzen wollte. Weitere Anträge stellten die Agrartechnik Bad Vöslau für eine herbizidresistente Maissorte sowie die österreichische Tochter der US-Firma Pioneer für eine gegen den Maiszünsler resistente Hybridsorte. Auch diese Versuche kamen nicht zustande. Global 2000 und Greenpeace machten wieder mobil, die Anzahl der eingegangenen Einwendungen betrug diesmal 40.000.

Mitte April 1997 fand die erhitzte Kontroverse ihren Höhepunkt im Gentechnikvolksbegehren, das von über 1,2 Millionen Menschen unterzeichnet und zur zweiterfolgreichsten Unterschriftenaktion seiner Art in der Geschichte Österreichs wurde.

Der Forderungskatalog der Initiatoren konnte allerdings nur auf Ablehnung stoßen, da einige Punkte den bestehenden EU-Regelungen entgegenstanden. Der parlamentarische Gentechnik-Sonderausschuss reagierte mit dem Entwurf einer Gesetzesnovelle, die Mitte 1998 in Kraft trat. Sie beinhaltet neben der Verankerung einer Parteienstellung der Anrainer für geplante Freisetzungen in erster Linie eine Neuregelung der Haftungsfrage. Nach dem Prinzip der "verschuldensunabhängigen Haftung" muss seither ein Betreiber auch für von ihm nicht vorher abschätzbare Schäden zahlen - bis zu 56 Millionen Schilling.

"So was gibt es nur in diesem Land", wettert Ruckenbauer: "Wir haben die besten Voraussetzungen und Einrichtungen und dürfen sie nicht verwenden!" Er und seine Kollegen fühlen sich stigmatisiert: "Wir werden zunehmend von den neuesten Informationen aus der internationalen Forschung abgeschnitten, weil sich die anderen denken, dass wir das sowieso nicht machen können. Diese Isolation wird für uns Wissenschaftler gefährlich."

Für weniger gefährlich dagegen hält Ruckenbauer die Objekte der Aufmerksamkeit, die Gentechnisch Veränderten Organismen selbst (GVOs). Das seien Dinge, die in den USA schon vor zehn Jahren untersucht worden seien. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde habe sehr strikte Regeln, "die haben nichts freigesetzt, was nicht hundertprozentig sicher ist" (siehe auch das Interview im Kasten rechts).

Weniger klar sind die Dinge für Alexander Haslberger. "Ich habe in der Fachliteratur keine Hinweise auf Sicherheitsprobleme bei gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln gefunden", formuliert der Fachexperte und Leiter des Referates für Biotechnologie/Gentechnik im Bundeskanzleramt gekonnt diplomatisch. "Ich kenne aber eine Reihe von Befunden, wo es uncertainty gibt, also Unklarheit über Auswirkungen von Anwendungen von GVOs." Und außerdem: "1,2 Millionen haben gesagt, dass es unter den gegebenen Umständen nicht erwünscht ist, und das hat ernst genommen zu werden, full stop!"

Dass Österreich in seinem Umgang mit dieser Technologie nicht die viel zitierte Sonderrolle einnimmt, zeigt ein Blick ins europäische Ausland. Im Großen und Ganzen beruht der Widerstand gegenüber GVO-Nahrung auf einer Entwicklung, die seit den frühen Neunzigerjahren mit zeitlichen Verschiebungen und lokalen Besonderheiten verschiedene europäische Länder durchlaufen haben. Angefangen hat es in Skandinavien, dann kam bald Österreich, Italien, Frankreich und im vorigen Jahr, als Höhepunkt dieser Entwicklung, Großbritannien.

Freisetzungen fanden dort bereits seit Jahren statt. Bis der Biochemiker Arpad Pusztai im Hauptabendprogramm der BBC behauptete, er habe durch Fütterungsversuche an Ratten gezeigt, dass GVO-Kartoffeln aufgrund ihrer genetischen Veränderung für die Nager schädlich seien. Eine Welle der Empörung ging durch die Gesellschaft, die Zeitungen warnten vor "Frankenstein-Food", Forschungsfelder wurden von Umweltgruppen besetzt und teilweise zerstört. Umweltminister Michael Meacher erließ darauf Ende des Vorjahres ein dreijähriges Freisetzungsmoratorium für GVOs.

Pusztais Schlussfolgerungen sind umstritten. Toxikologen fanden keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der genetischen Veränderung der Kartoffeln und den Reaktionen der Ratten. Für den New Scientist ließen die Untersuchungen nur einen wirklich klaren Schluss zu: "Ratten hassen Kartoffeln."

Das hieße aber, diese Ergebnisse kleinzureden, belegen sie doch, dass sich durch gentechnische Veränderung der Stoffwechsel einer Pflanze ändern kann, was zu einer veränderten Menge der natürlicherweise darin enthaltenen Toxine führen kann und damit zum potenziellen Gesundheitsrisiko. Entsprechende Tests vermisste Pusztai bei vielen für den Lebensmittelmarkt bestimmten GVOs.

Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass die üblichen standardtoxikologischen Untersuchungen, wie auch Pusztai in Schottland sie unternommen hatte, für Novel Food, also gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, kaum aussagekräftig sind, was mögliche, wenn auch hypothetische Langzeiteffekte betrifft.

Dass diese nicht völlig ausgeschlossen werden können, erklären inzwischen nicht nur Kritiker der Gentechnik in der Pflanzenzucht, sondern auch Forscher, die dieser durchaus positiv gegenüberstehen. In einem Beitrag in Nature vom April letzten Jahres wurde diesbezüglich von einer Reihe von "Unsicherheiten" berichtet, die zwar keinesfalls auf gesundheitliche Gefährdungen hindeuteten. "Es ist aber klar", so Gerry Moy von der World Health Organisation, "dass angesichts der Besorgnis der Konsumenten mehr Forschung und Überwachung notwendig ist, um diese Unsicherheiten zu klären."

Neue Maximen des Umgangs mit GVOs werden derzeit auch auf EU-Ebene diskutiert, und man erwägt eine Novellierung der so genannten Freisetzungsrichtlinie 90/220. Wichtige Punkte darin wären z.B. ein stringentes und zeitlich beschleunigtes Benachrichtigungssystem zwischen Hersteller, dem ersten Land des Inverkehrbringens und der EU, was die Daten der Risikobewertung eines Produkts betrifft. Außerdem geht es um eine lückenlose Überwachung auch nach der Marktzulassung, was der Erforschung von möglichen Langzeiteffekten, wie etwa dem Ansteigen von Allergien, Rechnung trägt.

Die Besorgnis der Konsumenten scheint aber kein rein europäisches Problem mehr zu sein. "Der Virus hat den Ozean überquert", war im US-Magazin Time zu lesen. Gemeint war das Unbehagen gegenüber GVO-Nahrung. Nicht nur die Europäer haben den Saatgutkonzernen das Geschäft schwer gemacht, indem sie zum 1. September 1998 die Kennzeichnungspflicht der bisher sechs in der EU zugelassenen gentechnisch veränderten Maissorten verpflichtend machten. Ein deutliches Signal lieferten Börsenanalysten der Deutschen Bank in New York, die im Juli letzten Jahres eine Studie mit dem Titel "GVOs sind tot" präsentierten und verlustgeplagten Firmen wie Monsanto und Dupont den Verkauf des Saatgutsektors empfahlen.

80 Prozent der Österreicher und zwischen 60 und 70 Prozent der Deutschen zum Beispiel lehnen "Gen-Food" grundsätzlich ab - so etwas schlägt sich im Einzelhandel nieder.Grüne Gentechnik am Ende? Alexander Haslberger glaubt nicht daran.

Er könne sich durchaus vorstellen, dass es hier sogar Produkte gäbe, die den österreichischen Bedürfnissen entsprächen. "Wir müssen beides erreichen, eine internationale Harmonisierung von Sicherheitsmaßnahmen und die Möglichkeit zur Bedachtnahme auf lokale Anforderungen von Umwelt und Konsumenten." Momentan sehe es zwar schlecht aus für die grüne Gentechnik, aber man sei eben erst am Beginn einer Entwicklung, nicht am Ende.

Tina Thiel ist Soziologin und schreibt ihre Diplomarbeit zum Thema Expertise in der Gentechnik. E-Mail: a9207706@unet.univie.ac.at.

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