Rauschen im Gentech-Wald

Pflanzenzucht: Zukunftsträchtige Energiequelle oder ökologische Gefahr? Wo Biotechnologen ein immenses Potenzial sehen, wittern Umweltschutzorganisationen unabschätzbare Risiken. Die Debatte um gentechnisch veränderte Bäume folgt bekannten Mustern.

Wolfgang Löhr | aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Die grüne Gentechnologie steckt in argen Schwierigkeiten. Die mangelnde Verbraucherakzeptanz hat den Absatz gentechnisch veränderten Saatguts ins Stocken gebracht. Vor allem die möglichen gesundheitlichen Risiken lassen die Konsumenten vor dem Genuss von Gen-Food zurückschrecken. Bisher hat die Gentech-Industrie es auch nicht geschafft, den Verbrauchern ein Produkt anzubieten, das für diese einen erkennbare Vorteil hat. Der Streit um das Für und Wider der grünen Gentechnologie konzentriert sich jedoch bisher fast ausschließlich auf Nutzpflanzen, die zu Lebensmitteln verarbeitet werden, herbizidresistente Soja beispielsweise oder Mais, der gegen Insektenfraß widerstandsfähig gemacht worden ist.

Dabei haben die Pflanzenzüchter längst ein neues Kapitel in der grünen Gentechnologie aufgeschlagen, das zwar nichts mit den stark emotional beladenen Lebensmitteln zu tun hat, unsere Umwelt aber noch weitaus nachhaltiger verändern kann als der derzeitige Anbau der meist einjährigen Nahrungspflanzen aus dem Genlabor: Weltweit würden in Versuchsreihen immer mehr forstwirtschaftlich genutzte Bäume aus genveränderten Samen angepflanzt, stellt der World Wide Fund for Nature (WWF) in einer vor kurzem veröffentlichten Studie fest.1 Bereits in zwei bis drei Jahren, so warnt die WWF-Expertin Rachel Asante Owusu, könnte mit dem kommerziellen Anbau von Gentech-Bäumen begonnen werden. Und das, obwohl über die Wechselwirkungen von Bäumen und der Umwelt noch viel weniger bekannt ist als bei den einjährigen Pflanzen. Für Jean-Paul Jeanrenaud, Leiter des WWF-Forests-for-Life-Programms, ist das Grund genug, ein "globales Moratorium für die kommerzielle Anwendung von Gentech-Bäumen" zu fordern. Zuerst müssten die Risiken erforscht werden.

Frei von Risiken sind Gentech-Plantagen nicht. Das gesteht auch ein im vergangenen Jahr veröffentlichtes Positionspapier der International Union of Forestry Research Organizations (IUFRO) ein.2 Der Verband vertritt rund 680 Forschungsinstitutionen weltweit. Um mögliche Gefahren erkennen zu können, sei es notwendig, groß angelegte Feldversuche durchzuführen. Die unerwünschte Ausbreitung von pflanzlichem Erbgut könne durch die Verwendung von sterilen Bäumen eingedämmt werden. Konkret wird dabei an die heftig umstrittene, vom US-Landwirtschaftsministeriumentwickelte und patentierte Terminator-Technologie gedacht, bei der durch die Einführung eines Genkonstrukts in das Pflanzengenom dieAusbildung der Reproduktionsorgane unterdrückt wird.

Schnelles Holz "Eine überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler glaubt, dass Biotechnologie sicher genutzt werden kann und vorangetrieben werden soll", hält Steven Strauß, Professor an der Oregon State University und Mitinitiator des IUFRO-Papiers dem WWF entgegen. Ein Moratorium halten er und seine Kollegen für gänzlich unbegründet. Ganz im Gegenteil, transgene Bäume könnten von Vorteil für die Umwelt sein. Die Intensivierung der Holzproduktion könnte nach Ansicht des IUFRO verhindern, dass zunehmend naturnahe Waldgebiete in Holzplantagen umgewandelt werden.

So würde sich in den Entwicklungsländern aufgrund des zunehmenden Bedarfs an Holz - als erneuerbare Energie, zur Papierproduktion oder als Baumaterial - die Fläche für Holzplantagen in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Gentechnik soll hier die Lösung bringen. Schnell wachsende Baumarten könnten die gesteigerte Nachfrage zumindest zum Teil kompensieren. Bäume mit einer veränderten Ligninzusammensetzung sollen dazu beitragen, dass bei der Papierherstellung weniger umweltschädliche Chemikalien eingesetzt werden müssen. Von Vorteil, so die IUFRO, wäre auch, dass Bäume große Mengen Kohlendioxid speichern und damit dem Treibhauseffekt entgegenwirken.

Das sind zwar alles Ziele, die auch die Umweltverbände auf ihre Fahnen geschrieben haben. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Für den WWF ist klar, dass gentechnisch veränderte Bäume nicht mit den vom ihm unterstützten Ökoholz-Siegel FSC (Forest Stewardship Council) zertifiziert werden dürfen. Auch für Greenpeace bieten Gentech-Bäume keine Lösung der Umweltprobleme.

"Wir sind grundsätzlich gegen Freisetzungen von gentechnisch veränderten Organismen in die Umwelt", unterstreicht Benny Härlin, der bei Greenpeace die internationale Gentech-Kampagne koordiniert, die Position der Umweltorganisation. "Es gibt die chlorfreie Bleichung bei der Papierherstellung, und auch mit geschlossenen Kreisläufen wird bereits gearbeitet", so Härlin, "da brauchen wir keine genmanipulierten Bäume mit veränderter Ligninzusammensetzung."

Unabsehbare Langzeitfolgen?

Für die Umweltverbände überwiegen bei weitem die Risiken, die mit der Freisetzung von genveränderten Organismen verbunden sind. Und bei Bäumen wird die Gefahr noch viel höher angesehen. Sie bleiben im Gegensatz zu den einjährigen, landwirtschaftlich genutzten Pflanzen für viele Jahre an einem Standort stehen. Und über die Langzeitwirkung auf naturnahe Ökosysteme könne derzeit überhaupt keine Aussage gemacht werden, heißt es in dem WWF-Bericht. Zu dem gleichen Ergebnis kam auch eine internationale Expertenrunde, die auf Einladung des deutschen Umweltbundesamtes (UBA) vor einigen Monaten in Berlin zu einem Fachgespräch über genmanipulierte Bäume zusammengekommen war.

Die Erfahrungen mit nicht heimischen Gehölzen zeigten, dass zwischen der Ersteinführung und einer unerwünschten Ausbreitung dieser Baumarten Zeiträume von durchschnittlich 150 Jahren lägen, berichtete Professor Ingo Kowarik von der TU Berlin. Er schließt nicht aus, dass auch gentechnisch veränderte Bäume zu Invasoren werden und große ökologische Schäden anrichten könnten.

Nach Angaben des UBA sind bisher weltweit rund 150 Freisetzungsexperimente mit so genannten "transgenen Gehölzen" durchgeführt worden. Der WWF kommt allein bei den Bäumen auf 24 verschiedene Arten, die, ausgestattet mit neuen Genen, in den letzten Jahren im Freiland getestet wurden. Drei Viertel davon sind forstwirtschaftlich, also zur Holzproduktion, genutzte Arten. Rund 60 Prozent der Gentech-Bäume wurden in den USA und Kanada freigesetzt.

Kastanien in Frankreich In Europa ist Frankreich führend. Dort wurden unter anderem herbizid- und insektenresistente Pappeln freigesetzt. So führte zum Beispiel das französische Unternehmen Sanofi, das zu über 35 Prozent dem Mineralölkonzern Elf Aquitaine gehört, Versuche mit Kastanien durch, die gegen das Monsanto-Herbizid Round up widerstandsfähig gemacht worden waren.

In Deutschland gab es bisher nur eine Freisetzung von Bäumen: In der Nähe von Hamburg pflanzten Mitarbeiter der Bundesanstalt Forst- und Landwirtschaft zwergwüchsige Aspen aus. Mit dem Versuch soll getestet werden, ob die gentechnische Veränderung auch bei mehrjährigen Pflanzen stabil bleibt. Dort zeigte sich auch, dass im Laufe des Versuchs bei etwa zwei Prozent der genmanipulierten Bäume die Ausprägung des neuen Merkmals ganz oder teilweise wieder verloren ging.

Unter Sicherheitsaspekten könnte das fatale Folgen haben. Zum Beispiel könnten Bäume, die zur Unterdrückung der Blütenbildung gentechnisch sterilisiert worden sind, nach Jahren plötzlich wieder anfangen zu blühen und ihre Gene über Pollen verbreiten. (Zur Lage in Österreich siehe Kasten oben rechts.)

Es gibt allerdings kein weltweites Register, in dem alle gentechnischen Freisetzungsexperimente aufgeführt sind. Insbesondere weiß man sehr wenig darüber, ob und welche Pflanzen in den ärmeren Ländern schon ausgesetzt wurden. So wird vermutet, dass in China bereits auf riesigen Flächen genmanipulierte Soja und Baumwolle oder auch Tomaten angebaut werden. China gehört neben Chile und Indonesien für die WWF-Expertin auch zu den Ländern, die vermutlich in den nächsten Jahren in den kommerziellen Anbau von Forstpflanzen einsteigen werden.

Pappeln in China Ein in China angesiedeltes Forschungsvorhaben wurde auf der UBA-Tagung vorgestellt: Schon vor fünf Jahren pflanzten Mitarbeiter der Pekinger Forstakademie in der Nähe von Peking und im Norden der Provinz Xingjiang mehrere transgene Linien von Pappeln aus. Während die Gentech-Bäume auf dem Pekinger Versuchsgelände wegen eines Straßenbaus einige Zeit später abgeholzt werden mussten, läuft der Langzeitversuch in Xingjiang immer noch. Die Bäume sollten mittels eines Giftgens aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis gegen Raupenfraß geschützt werden. Auch bei diesen Testbäumen traten unerwartete Veränderungen auf. Mit zunehmendem Alter der Ausgangsbäume konnten "nicht nur vergrößerte Blätter, sondern auch eine veränderte Struktur der Rinde beobachtet werden", berichtete der Pekinger Forstwissenschaftler Yifan Han.

Deutlich wurde aber auch, dass die Probleme in den chinesischen Wäldern - ein großer Teil des Bestandes wird durch Insektenfraß vernichtet - hausgemacht sind. Im Reich der Mitte sind in den letzten Jahrzehnten rund 6,6 Millionen Hektar mit den schnell wachsenden Pappeln bepflanzt worden.

Als Ausgangsmaterial dienten nur einige wenige Pappellinien. Diese genetische Monotonie macht die Pflanzungen besonders anfällig für Krankheitserreger und Insektenbefall. Zu befürchten ist, dass China in dem vor kurzem angekündigten Programm für Wiederaufforstung den Fehler wiederholt, diesmal mit Gentech-Pappeln.

1 World Wide Fund for Nature (WWF): GM technology in the forest sector, http://www.panda.org/forests4life/.

2 IUFRO: Position statement on benefits and risks of transgenic plantations, http://www.fsl.orst.edu/tgerc/iufro-pos-statm.htm; siehe auch: Nature Biotechnology ,Vol. 17, Nr. 12, S. 1145 f., Dez. 1999.

Wolfgang Löhr ist Wissenschaftsredakteur der deutschen Tageszeitung "taz". E-Mail: wolfgang.loehr@t-online.

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