Gene für Genialität?

Verhaltensgenetik: Ursache für Intelligenz, Homosexualität, Alkoholismus oder Aggression? Der Boom, Gene für Verhaltenseigenschaften oder psychische Störungen zu suchen, reißt nicht ab. Damit einher geht die Vorstellung, von den eigenen Genen vorherbestimmt zu sein.

Birgit Dalheimer | aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Ein alter Gedanke hat wieder Konjunktur - nicht zuletzt dank neuer Techniken und der Datenflut aus dem Humangenomprojekt. Spätestens seit Francis Galton 1883 den Begriff Eugenik geprägt hat, geistert der Gedanke durch die Köpfe vieler, nicht nur Aussehen, sondern beispielsweise auch Intelligenz könnten vererbbar sein. Lange bevor Struktur und Funktion von Genen überhaupt entdeckt waren, wurden in den Zwanzigerjahren erste Versuche an Zwillingen durchgeführt. Bis heute zählt die Zwillingsforschung zu den Kernbereichen der Verhaltensforschung.

Eineiige Zwillinge haben alle Gene gemeinsam, zweieiige nur die Hälfte. Wenn man bei beiden untersucht, wie groß jeweils ihre Ähnlichkeit in Bezug auf eine bestimmte Eigenschaft ist, sollte das Aufschluss über genetische Ursachen für ebendiese Eigenschaft geben. Beide Zwillingsarten wachsen normalerweise in derselben Umwelt auf, sodass eine größere Ähnlichkeit bei eineiigen auf die größere Übereinstimmung ihrer Gene zurückzuführen wäre. Im Fall von Schizophrenie zum Beispiel entwickeln sich eineiige Zwillinge zu 50 Prozent ähnlich, bei zweieiigen liegt diese Rate bei nur zehn bis 15 Prozent. Was vermuten lässt, dass es genetische Ursachen gibt (siehe dazu auch das Interview im Kasten). Ähnliche Daten gibt es für Depression, vor allem für manische Depression, und für Intelligenz. Bei den eineiigen Zwillingen sind die Übereinstimmungen des Intelligenzquotienten größer als bei den zweieiigen, was wiederum einen genetischen Einfluss nahe legt.

Der zweite empirische Zugang sind Adoptionsstudien. Früh im Leben von ihren Eltern getrennte Menschen werden untersucht, inwieweit sie ihren biologischen Familien im Vergleich zu den Adoptivfamilien ähneln. Speziell bei Verhaltensstörungen wie etwa Schizophrenie haben sich daraus Hinweise auf einen genetischen Einfluss ergeben. Über die beteiligten DNA-Abschnitte selbst oder gar definierte einzelne Gene sagt das allerdings noch nichts aus.

Gesucht werden diese Gene in so genannten Assoziationstests. Bei der Körpergröße zum Beispiel würde dieser Test so ausschauen: Man nimmt eine Gruppe großer und eine Gruppe kleiner Menschen und will wissen, ob es irgendeine genetische Varianz gibt, die mit diesem Unterschied in der Körpergröße zusammenhängt.

Eine Anzahl von Genen wird untersucht, von denen bekannt ist, dass sie sich unterscheiden, zum Beispiel kurze und lange Varianten eines Gens. Man weiß nicht, was das Gen tut, aber der Längenunterschied ist feststellbar. Vielleicht findet man heraus, dass alle großen Menschen das kurze Gen und alle kleinen das lange Gen haben. Das wäre dann ein Assoziationstest zwischen einem Gen und einer Eigenschaft. Was dabei herauskommt, ist aber nichts als ein Maß für die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich einen Zusammenhang gibt - eine statistische Messung also, die nichts über Ursachen aussagt.

Mit solchen Wahrscheinlichkeits- und Korrelationsmessungen nähern sich Wissenschaftler nicht nur den "Genen für die Körpergröße". Auch persönliche Dispositionen werden so analysiert, wobei Intelligenz zu den am meisten untersuchten Eigenschaften zählt. Erst vergangenen Herbst hat das "Intelligenzgen" das in der sogenannten Smart Mouse "entdeckt" wurde, für Schlagzeilen gesorgt - zum Missfallen so mancher Forscher. Die relative Treffsicherheit von Intelligenztests vorausgesetzt, was ja an sich schon ein heftig umstrittener Punkt ist, wird dann wieder nach den Genen gesucht, die damit zu tun haben könnten, dass manche offenbar intelligenter sind als andere.

Der Psychiater Robert Plomin vom King's College in London beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie die einzelnen Gene zu finden sind, die vielleicht auch einen nur ganz kleinen Einfluss darauf haben könnten. Dazu vergleicht er zwei sorgfältig ausgewählte Gruppen von jeweils etwa 100 Personen: eine Gruppe "durchschnittlicher" Menschen und eine mit sehr hoher Leistungsfähigkeit. Entscheidend für die Forschung sind die Extreme. In der "Durchschnittsgruppe" unterscheiden sich die Menschen hinsichtlich ihrer kognitiven Leistungen nicht sehr stark. Man hätte kaum Möglichkeiten, Gene mit geringem Effekt auf die Intelligenz überhaupt zu erkennen.

Plomin wird fälschlicherweise unterstellt, das "gene for genius" finden zu wollen. Für ihn sind seine Untersuchungen aber lediglich ein Versuch, DNA-Abschnitte zu finden, die einen Beitrag zur Erforschung des Phänomens Intelligenz leisten könnten - für geistige Zurückgebliebenheit wie für hohe Intelligenz.

Vorläufig zumindest aber gibt es nichts als Wahrscheinlichkeiten, die auf Korrelationen beruhen - ohne dass tatsächlich Ursachen bekannt wären, solange man die Gene und vor allem ihre Funktion nicht genau kennt. Und das wird bei komplexen Merkmalen, an denen viele Gene beteiligt sind, besonders schwierig sein. Nichtsdestotrotz erregt die Verhaltensgenetik oft die Gemüter, man bezichtigt sie des biologischen Reduktionismus, sprich: Man hält ihr vor, Menschen als von ihren Genen geleitet und bestimmt, ja ohne freien Willen darzustellen.

Dem halten Verhaltensgenetiker gerne entgegen, dass die Theorie der alles bestimmenden Umwelteinflüsse ebenso deterministisch interpretiert werden könnte. Genauso wenig, wie ein erwachsener Mensch zum Beispiel aggressives Verhalten restlos damit entschuldigen könne, was ihm in seiner Kindheit zugestoßen sei, könne er sich dafür auf seine Gene ausreden. Denn wenn die Verhaltensgenetik eines ganz klar zeige, dann dass es sich bei den meisten genetischen Anlagen eben nur um Anlagen, nicht um starre, alles bestimmende Vorgaben handle. Ganz selten sind die Fälle, in denen tatsächlich ein einziges Gen für eine Störung verantwortlich ist. Huntington's Disease, der "Veitstanz", ist so ein Beispiel, wo man eine bestimmte Genvariante entweder hat oder nicht und dementsprechend entweder sicher erkrankt oder sicher nicht.

Biologische und Umwelteinflüsse lassen sich nicht einfach mit Prozentsätzen versehen und zum ganzen Menschen addieren. Sie beeinflussen sich gegenseitig und können damit auch ihre jeweilige Wirkung verändern. Dementsprechend halten es die meisten seriösen Wissenschaftler für unwahrscheinlich, auf genetischer Ebene den "Menschen nach Maß" mit definierten Persönlichkeitsmerkmalen zu kreieren. Ihre Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, ob sich in Zukunft die spätere Ausprägung komplexer Verhaltensmerkmale anhand einfacher Gentests an Embryonen bestimmen lasse: Nein, das lasse sich nicht vorhersagen. Auch wenn man für eine ganze Population sagen kann, diese Gene bedingen sehr wahrscheinlich etwas - auf das einzelne Individuum bezogen können sie etwas ausmachen, genauso gut aber auch nicht.

Birgit Dalheimer ist studierte Genetikerin und arbeitet derzeit als freie Mitarbeiterin bei der Wissenschaftsredaktion des ORF/Ö1. E-Mail: birgit.dalheimer@orf.at.

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