Interview mit Peter McGuffin: "Die Biochemische Basis verstehen"

aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Seit Jahren ist Peter McGuffin auf der Suche nach den genetischen Grundlagen von Depressionen und Schizophrenie. Der Direktor des Instituts für psychiatrische Genetik am King's College in London gibt sich optimistisch, das Vererbungsrisiko für psychische Störungen genauer angeben sowie den Patienten durch entsprechende Medikamente schneller und kostengünstiger helfen zu können.

heureka!: Was erwartet sich die Wissenschaft davon, das Gen für ein bestimmtes Verhaltensmuster zu finden?

Peter McGuffin: Wir haben jetzt schon gute Medikamente für psychische Störungen - aber die wirken nicht immer. Auf Antidepressiva sprechen etwa 65 bis 70 Prozent der Patienten an. Bleibt eine relativ große Gruppe, die nicht reagiert. Die Frage lautet daher: Kann man ausgefeiltere, effektivere Therapien entwickeln? Dazu müsste man wissen, welche Gene beteiligt sind und wie sie wirken. Denn es wird in den seltensten Fällen ein Gen sein, sondern meistens mehrere, die zu einem gewissen Risiko beitragen, zum Beispiel eine Depression zu bekommen. Dann verstehen Sie die biochemische Basis der Störung viel besser und können gezielt Medikamente entwickeln. Die Aussichten hierfür sind recht gut.

Werden solche neuen, zielsichereren Medikamente dann nicht medikamentöse Behandlungen wie Psychotherapien ersetzen?

Das passiert schon jetzt. In Großbritannien zum Beispiel - unser Gesundheitssystem steht ökonomisch unter enormem Druck - ist es viel wahrscheinlicher, dass jemand Antidepressiva bekommt als eine Psychotherapie. Das soll nicht heißen, dass eine Konkurrenz zwischen den beiden Methoden herrscht. Psychotherapie funktioniert sehr gut bei Depression. Aber das dauert viel länger und ist wesentlich teurer, als Antidepressiva zu nehmen. In einer Zeit, in der Geld und Zeit im medizinischen System einfach begrenzt sind, ist es wahrscheinlich, dass etwas eher medikamentös behandelt wird als mit Psychotherapie. Wenn Sie mich fragen, was ich in einer idealen Welt gerne hätte - da würde ich mir wünschen, die Menschen könnten beides haben. Ich meine, ich versuche ja auch, meinen Patienten nicht nur Tabletten in die Hand zu drücken, sondern auch mit ihnen zu reden und gleichzeitig eine Therapie durchzuführen.

Wenn Depression auch durch Psychotherapie heilbar ist, relativiert das nicht die Rolle der Gene?

Nur weil etwas genetisch mitbedingt ist, heißt das noch lange nicht, dass es damit starr ist und dass man es nicht auch durch Umwelteinflüsse behandeln kann, zum Beispiel durch Reden.

Wird man eines Tages jeden auf sein persönliches "Schizophrenie-Potenzial" testen?

Ich glaube, das werden wir nie erleben. Einfach weil die Gene, die zu dem Risiko beitragen, viele sind, jedes einzelne für sich bedeutet nur ein relativ kleines Risiko. Und jeder Einzelne von uns trägt wahrscheinlich mindestens eines dieser Gene. Also, so ein Bevölkerungs-Screening wird nicht viel bringen. Es könnte aber eventuell sinnvoll sein, diese Untersuchungen auf Familienebene zu machen.

Lässt sich denn angeben, wie hoch das Risiko einer bestimmten Person ist, schizophren zu werden?

Im Moment muss ich ein Gerichtsgutachten erstellen für ein Kind, dessen Eltern beide schizophren sind und das nun adoptiert wird. Das Risiko dieses Kindes, ebenfalls Schizophrenie zu entwickeln, ist hoch, über 40 Prozent. Das weiß ich nur deshalb, weil empirische Studien gezeigt haben, dass Kinder mit zwei schizophrenen Elternteilen im Durchschnitt zu 40 Prozent auch krank werden. Ich habe also nur Durchschnittswerte, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer bestimmten Störung in Familien angeben. Mit genetischen Tests könnte man in solchen Fällen vielleicht die Risikoprognose verfeinern.

Wenn Gentests doch vereinzelt Vorhersagen möglich machen, taucht vielerorts die Befürchtung auf, Menschen mit bestimmten Genvarianten könnten stigmatisiert werden.

Mag sein. Sie können aber auch ganz andere Auswirkungen beobachten: Es gibt Forschungen, die ein Gen gefunden haben wollen, das die Veranlagung von Homosexualität mitbedingt.

Ob Sie das akzeptieren oder nicht - für viele Menschen ist das ein Anzeichen dafür, dass Homosexualität "normal" oder "natürlich" ist. Das gleiche gilt, so glaube ich, auch für psychische Störungen. Ein Beispiel, bei dem sich die Einstellung deutlich geändert hat, ist Autismus bei Kindern. Das ist eine sehr zerstörerische Krankheit, sie beginnt bei kleinen Kindern im Alter von drei oder vier Jahren. Früher hat man einfach geglaubt, das hängt mit der Umwelt zusammen, mit irgendwelchen Grausamkeiten, die die Eltern diesen Kindern antun. Jetzt wissen wir aber, dass Autismus stark von Genen beeinflusst wird. Ich denke, Menschen, die mit autistischen Kindern verwandt sind oder mit ihnen arbeiten, können das viel eher akzeptieren, wenn es auch genetische Ursachen gibt.

Interview: Birgit Dalheimer

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige