Anthropologischer Krimi: Französische DNA

aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Die Frage, wem die Baupläne des Lebens gehören, scheint aufs Erste wenn schon nicht gotteslästerlich, so zumindest müßig. Sie gehören uns allen, möchte man meinen, da wir doch alle diese Informationen in uns tragen. Seit allerdings der Oberste Gerichtshof der USA vor genau 20 Jahren mit 5 zu 4 Stimmen beschlossen hat, dass gentechnisch erzeugte Lebensformen unter das Patentrecht fallen, sieht die Sache etwas anders aus. Und erst recht angesichts des Wettlaufs um die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Denn findige Gentechnikunternehmer wie der berühmt-berüchtigte Craig Venter (siehe S. 18) haben längst Eigentumsrechte auf Tausende von Gensequenzen angemeldet - ohne dass noch klar ist, wofür diese überhaupt zuständig sind.

Für all jene, die mit genetischer Information das große Geld machen wollen, ist die Patentierbarkeit des Lebendigen unumgänglich. Ihre Argumente sind klar: Warum sollten sie zig Millionen in die Forschung investieren, wenn die Erkenntnisse dann doch wieder allen gleichermaßen zugute kommen? Man will dafür belohnt werden, wenn man sich schon die Mühe antut, zum Beispiel aus dem Zellmaterial eines erbkranken Menschen medizinisch wertvolle Informationen zu gewinnen. Jene allerdings, die dieses biologische Ausgangsmaterial zur Verfügung stellen, schauen nach dieser Logik durch die Finger.

Paul Rabinow zeigt in seinem neuen Buch "French DNA", dass dieser Streit um genetische Information auch eine nationale Dimension haben kann. "Troubling in purgatory" lautet der Untertitel seiner brillant geschriebenen Studie. Und wie immer gibt es eine lange Vorgeschichte, wenn es im Fegefeuer Probleme gibt: Auf der Suche nach interessanten Orten für seine außergewöhnlichen Feldforschungen machte der Anthropologe Bekanntschaft mit dem französischen Molekularbiologen Daniel Cohen. Der war Anfang der Neunzigerjahre Leiter des damals führenden Gentechniklabors in Frankreich. Cohen lud Rabinow prompt nach Paris ein und machte ihn zu seinem "philosophischen Beobachter".

Ort und Zeitpunkt waren gut gewählt: Denn wenige Monate bevor der Amerikaner in Paris mit seinen Beobachtungen begann, hatten Cohen und seine Mitarbeiter die internationale Fachwelt mit der ersten physischen Karte des menschlichen Genoms verblüfft. Außergewöhnlich war aber nicht nur der Erfolg dieser Forschungen, sondern auch ihre Finanzierung. Die Laboratorien von Cohen erhielten ihre Gelder nämlich vor allem von der AFM, einer Selbsthilfegruppe von Menschen, die an Muskeldystrophie leiden (vgl. heureka 3/98).

Die AFM veranstaltet in der Vorweihnachtszeit das so genannte Telethon, ein Spendenspektakel im Fernsehen, das man am besten mit unserem "Licht ins Dunkel" vergleichen könnte - freilich mit zwei Unterschieden: Die Einnahmen sind erstens um ein Vielfaches höher - und sie fließen zweitens zu einem guten Teil in die genetische Forschung, um so auf medizinische Weise der Krankheit Herr zu werden. An all dem ist auch Daniel Cohens Forschungsinstitut beteiligt, wo man das Blut und die Stammbäume von Tausenden von Familien sammelt, in denen die Zuckerkrankheit umgeht. Auch eine Datenbank mit genetischem Material von Hundertjährigen wird aufgebaut - nirgendwo im Westen werden Menschen so alt wie in Frankreich.

Just zu der Zeit, da Rabinow in Paris ist, will nun Cohen eine Kooperation mit dem US-amerikanischen Gentechnikunternehmen Millennium eingehen. Die finanzielle Unterstützung aus den USA soll mit dem Erbgut von Tausenden von Franzosen abgeglichen werden. Doch das Geschäft platzt, als Details an die Öffentlichkeit dringen. Die freiwilligen Spenden der Franzosen und das Profitinteresse der US-Amerikaner werden in der französischen Presse zur unheiligen Allianz erklärt; vom Ausverkauf der "genetischen Heimat" ist da die Rede und von einer Gefahr für die Konkurrenzfähigkeit der französischen Forschung. Und außerdem dürfe man aus französischer DNA einfach keine kommerzialisierbare Ware machen.

Rabinow macht aus diesem Stoff nicht nur einen anthropologischen Krimi, der einem Raymond Chandler zur Ehre gereicht hätte, sondern räsoniert en passant auch über einige Schlüsselprobleme der modernen Biowissenschaften: über die Kommerzialisierung des Körpers, über die Kluft zwischen öffentlichem Interesse und privatem Profit. Und nicht zuletzt über die eugenische Gefahr, mit der die genetische Forschung schwanger geht.

R. T. / K. T.

Paul Rabinow: French dna. Trouble in purgatory. Chicago 1999 (Chicago University Press). 200 S., US-$ 25,

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