Bayerns "Bio Valley"

Biotech-Zentrum: Martinsried bei München gilt als das mitteleuropäische Gentechnik-Mekka. Wie ist der Erfolg dieser biotechnologischen Vorzeigeregion zu erklären?

Johann Kneihs | aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Jeder dritte Arbeitsplatz in der deutschen Biotechnologie findet sich im Raum München. Konkret sind das 5000 Stellen, von denen wiederum mehr als ein Viertel in den letzten paar Jahren dazugekommen ist. Dieses Jobwunder verdankt sich vor allem neu entstandenen Klein- und Mittelbetrieben, angesiedelt im Ortsteil Martinsried der 10.000-Einwohner-Gemeinde Planegg. Hier, im beschaulichen Würmtal südwestlich der bayrischen Hauptstadt, entstand innerhalb weniger Jahre der dynamischste und größte Standort für Biotechnologie in Kontinentaleuropa - von den Anrainern weltmännisch "Gene Valley" oder auch "Bio Valley" genannt.

Das Martinsrieder Wunder ist Ergebnis eines politischen und wirtschaftlichen Kraftakts, hinter dem eine gezielte Standortpolitik steckt. Seit dreißig Jahren sind zwei Max-Planck-Institute (für Biochemie und für Psychiatrie) in Martinsried angesiedelt. Auf Initiative des Genetikers und heutigen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft Ernst-Ludwig Winnacker kam das Genzentrum der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) dazu. 1995 schließlich nahm das Herzstück der jungen Biotech-Szene den Betrieb auf, das Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie IZB: ein funktionaler Bau mit viel Holz, großen Glasfronten, unverkleideten Stahlträgern.

Knapp 20 Firmen sind bis dato hier untergebracht und finden vor, was man als neu gegründetes Biotech-Unternehmen so braucht. Das Konzept, so Peter Zobel von der planenden Fraunhofer Management GmbH: nichts Überflüssiges, aber alles Notwendige sollte zur Verfügung stehen. Die Initiatoren wollten damit die Fehler der späten Achtzigerjahre vermeiden, als schon einmal in ganz Deutschland Gründerzentren nach viel Eröffnungswirbel leer standen. Oder, wie Horst Domdey, der IZB-Geschäftsführer, rückblickend meint: "Man dachte zunächst nur daran, einen Container auf den Parkplatz der Max-Planck-Gesellschaft zu schieben, um zu sehen, ob da jemand hineingeht".

Relativ günstige Mieten sind nur ein Faktor, der das IZB attraktiv macht, wichtiger noch ist die Nähe zu anderen Firmen und Forschungseinrichtungen. Gerade in der Biotechnologie sind kurze Wege und informelle Kontakte ein enormer Bonus, weiß Peter Freier, mit 32 Jahren der Geschäftsführer der jüngsten Martinsrieder Neugründung Immunogenec: "Die Biotechnologie basiert auf sehr komplexen Untertechnologien und Verfahren, vieles ist nicht aufgeschrieben oder nicht so gut, dass man es ohne Probleme duplizieren kann." Man hilft sich gegenseitig, denn zumindest derzeit herrscht noch das Gefühl vor, angesichts des Vorsprungs der US-amerikanischen Konkurrenz zusammenhalten zu müssen.

Am erwähnten Genzentrum - gleich neben dem Klinikum Großhadern - haben viele Jungunternehmer ihre Dissertationen erarbeitet, aus denen die Grundidee zum Firmen-Start-up kam. Umgekehrt geben viele Firmen hier in Zusammenarbeit mit der Universität biotechnologische Forschungen in Auftrag. Schon bald soll der Cluster weiter verdichtet werden, wenn die naturwissenschaftlichen Studienzweige der LMU hierher übersiedeln.

Das zweite Erfolgsgeheimnis der bayrischen Biotech-Politik ist die Form der Unternehmensförderung - wobei der Begriff Förderung irreführen mag: Subventionen werden eigentlich vermieden, nur Unternehmenskonzepte mit Chance auf wirtschaftlichen Erfolg sollen sich durchsetzen. Vorbedingung für jede Unterstützung ist, dass die Unternehmer zuerst selbst Risikokapital einwerben. Gelingt dies, steht eine Phalanx von bayrischen und Bundeseinrichtungen bereit, um das Anschubkapital zu vervielfachen: Die Bonner Technologiebeteiligungsgesellschaft und ihr Gegenstück Bayern Kapital geben günstige Darlehen.

Forschungsvorhaben werden zusätzlich vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft sowie der bayrischen Forschungsstiftung unterstützt. Allein Letztere stellt schon ein Fünftel ihres Jahresetats von ca. 65 Millionen D-Mark für Medizintechnik, Bio- und Gentechnologie zur Verfügung, Tendenz steigend. Ein geschickter Entrepreneur kann so aus einer Seed-Finanzierung von 300.000 D-Mark 1,5 Millionen D-Mark machen und damit drauflosforschen, bis der "Proof of Concept" - also der Beweis der Sinnhaftigkeit des Vorhabens - erbracht ist und weiteres Kapital eingeworben werden kann.

Eine Schlüsselfunktion kommt dabei einer Aktiengesellschaft namens Bio M zu: Sie dient Neugründern als Anlaufstelle, stellt erstes Kapital zur Verfügung und beteiligt sich dafür an den Unternehmen - mit Gewinnabsicht. Eigentümer der Bio M sind Industrieunternehmen und Banken, Risikokapitalinvestoren, aber auch der Freistaat Bayern. Geschäftsführer von Bio M ist der IZB-Geschäftsführer Horst Domdey, der erst vor kurzem seine Professur an der LMU zurücklegte, um sich ganz seinen beiden neuen Hauptaufgaben zu widmen.

Domdey gilt als treibende Kraft der Martinsrieder Szene, schließlich hatte er schon vor Jahren das Unternehmen MediGene mitgegründet, das mit seinen inzwischen 80 Mitarbeitern auf 200 Mio. D-Mark Marktwert geschätzt und als Kandidat für einen Börsengang am Neuen Markt in Frankfurt gehandelt wird. Es wäre damit das dritte Münchner Biotech-Unternehmen, dem das gelänge.

Domdey steht damit für eine dritte Vorbedingung des Martinsrieder Erfolgs: Denn so gut wie alle Unternehmensgründer sind diplomierte oder promovierte Naturwissenschaftler, viele von ihnen haben aber zusätzlich eine betriebswirtschaftliche Ausbildung oder bringen zumindest einschlägige Erfahrungen mit. Dieser neue, "hybride" Unternehmertyp vereint wie selbstverständlich Kompetenzen in beiden Bereichen - neben koordinierter Standortpolitik und der großen Zahl risikofreudiger Investoren ein wohl nicht zu vernachlässigender Faktor für den Erfolg der Münchner Biotech-Region.

Johann Kneihs ist freier Journalist in Wien und arbeitet als Mitarbeiter der Ö1-Sendereihe "Diagonal". E-Mail: Johann.Kneihs@orf.at.

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