Die unendliche Geschichte

Gentechnik-Debatte: Vor genau 25 Jahren fand in Asilomar/Kalifornien die erste Konferenz über die Gefahren und Chancen der Gentechnik statt. Der Versuch einer Bilanz dessen, was seitdem im politischen Umgang mit der riskanten Technologie geschah.

Herbert Gottweis | aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Jedes Jahr kann man an der kalifornischen Küste nahe dem Städtchen Pacific Grove ein besonderes Naturschauspiel beobachten: Hunderttausende von Monarchfaltern finden sich ein, um der Kälte des Winters zu entfliehen; auf so genannten "Butterfly Trees" sitzend bilden sie eine riesige farbenprächtige Skulptur. Wie lange noch, ist man geneigt zu fragen, angesichts einer im Vorjahr von Forschern der Cornell University veröffentlichten Studie, der zufolge die Pollen von gentechnisch verändertem Mais die Raupen der schillernden Wanderfalter töten können.

Es ist nicht ganz ohne Ironie der Geschichte, dass Pacific Grove nicht nur für die heute möglicherweise durch die Gentechnik gefährdeten Schmetterlinge berühmt ist. Der Ort ist auch in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen: Vor genau 25 Jahren, vom 24. bis zum 27. Februar 1975, fand in der Nähe des Städtchens an der Monterey Bay eine Tagung von mittlerweile historischer Bedeutung statt. Im idyllisch gelegenen Asilomar-Konferenzzentrum traf sich die internationale Creme de la Creme der damaligen molekularbiologischen Forschung. Das Thema der Konferenz: die Zukunft der Gentechnik.

Die Sorge der Forscher Zu diesem Zeitpunkt hatte der umstrittene Forschungszweig erst eine sehr kurze Geschichte. Erst wenige Jahre zuvor, zwischen 1971 und 1973, hatten Paul Berg und seine Mitarbeiter an der Stanford University jene Grundinstrumente der DNA-Rekombination und der DNA-Klonierung entwickelt, mit deren Hilfe Neukombinationen von Genen hergestellt und vervielfältigt werden konnten.

Von Beginn an machten sich die Wissenschaftler Gedanken über die Sicherheit der neuen Technologie für Menschen und Umwelt. Ihre ersten gentechnischen Experimente schienen Tor und Tür für vollkommen neuartige Forschungsprogramme zu eröffnen - doch sollte man diese Optionen auch wahrnehmen? Die Forschungsgruppe um Paul Berg in Stanford unterbrach 1972 gar ihre Arbeit, als die Sorge um die noch weitgehend unabsehbaren Risiken dieser Art von Forschung wuchs. Berg selbst leitete bald danach ein erstes Komitee, das die Risiken der Gentechnik untersuchen und darüber einen viel beachteten Bericht veröffentlichen sollte.

Die Asilomar-Konferenz sollte nun eine Art von Bestandsaufnahme der bisherigen Debatten leisten. Auf ihr wurde aber auch systematisch über mögliche politisch-regulatorische Strategien des Umgangs mit den Risiken der Gentechnik nachgedacht. Durch die Einladung von Wissenschaftlern aus möglichst vielen Ländern wollte man ein weltweit koordiniertes Vorgehen sicherstellen. Nach intensiven und oft sehr kontroversiellen Diskussionen einigten sich die versammelten Forscher letztlich auf die Aufhebung des 1974 verhängten teilweisen Gentechnik-Moratoriums, also eines Forschungsstopps auf Zeit.

Die Philosophie des "Ja-aber" Gleichzeitig wurden Richtlinien erstellt, diestrenge Auflagen und Verbote für bestimmte Gruppen von Experimenten enthielten. Bei der Asilomar-Konferenz und in den wenig später umgesetzten gesetzlichen Regulierungen in Ländern wie den USA, Deutschland, Frankreich oder Österreich hatte sich damit auch eine bestimmte Sicherheitsphilosophie durchgesetzt: Es wurde zwar zugestanden, dass die Gentechnik potenziell gefährlich sei; zugleich bestand man darauf, dass sie von so großer Bedeutung für die Menschheit sei, dass gewisse Gefahrenmomente in Kauf genommen werden müssten. Weiters ging diese Philosophie davon aus, dass man die Risiken nur dann in den Griff bekommen könne, wenn mehr mit und über Gentechnik geforscht werde.

Diese "Ja-aber-Philosophie" sollte sich als das zentrale Erbe Asilomars erweisen. Bei der Konferenz selbst waren es interessanterweise die Forscher selbst gewesen, die auf die in vielerlei Hinsicht schwer abwägbaren Risiken der Gentechnik hingewiesen hatten. Die gleichen Forscher wollten aber weiterfor-schen und vertrauten voll und ganz auf die technisch-wissenschaftliche Kontrollierbarkeit des Risikos. Diese technische Kontrollierbarkeit war, so die Vision vieler Konferenzteilnehmer, nicht nur prinzipiell möglich, sondern musste naturgemäß mit neuen Erkenntnissen über molekularbiologische Prozesse immer einfacher werden - bis zu jenem Punkt, wo sämtliche technisch vorstellbare Verfahren und Experimente der Gentechnik unter den entsprechenden Sicherheitsbedingungen durchgeführt werden konnten.

Bereits Anfang der Achtzigerjahre schien sich diese Sichtweise zu bestätigen. Die Richtlinien für den Umgang mit gentechnischen Experimenten wurden weltweit entschärft; bald galten in vielen Forschungsbereichen nur mehr minimale sicherheitstechnische Auflagen. Ein OECD-Bericht aus dem Jahre 1982 stellte zufrieden fest, dass nun die großen und oftmals übertriebenen Debatten über die Gentechnik beendet seien und endlich Vernunft und Augenmaß im Umgang mit der Gentechnik Platz greife. Die Gentechnik schien die Aura des Gefahrvollen verloren zu haben.

Das Risiko der Freisetzung Aus heutiger Sicht kam diese Einschätzung der OECD aber verfrüht. Obwohl die Gentechnik nunmehr seit über einem Vierteljahrhundert praktiziert und eingesetzt wird, ist die Debatte über ihren Sinn, ihren Nutzen und ihre Gefahren nach wie vor intensiv im Gange. Immer wieder erhitzt sich diese Diskussion in bestimmen Ländern nach ruhigen Phasen der Gelassenheit. Während es im politischen Umgang mit Technologien im Laufe der Zeit eine Art von Klärung gibt - also eine Ablehnung der zivilen Nutzung der Atomkraft in den meisten Industrieländern im Gegensatz zur Unterstützung der Tele- und Informationstechnologie -, ist eine ähnliche Entscheidung im Fall der Gentechnik nicht erkennbar.

Diese anhaltende Unsicherheit bei der Einschätzung gentechnologischer Risiken und Chancen lässt sich seit den frühen Achtzigerjahren beobachten. War die Praxis der Gentechnik in ihren Anfangsjahren auf das nach außen gut abgeschlossene Versuchslaboratorium beschränkt, expandierte die Gentechnik zunächst in die industrielle Großproduktion, dann in den landwirtschaftlichen Bereich. Erfolge bei der Herstellung gentechnisch modifizierter Pflanzen führten zur beabsichtigten Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen (GVO) in die Umwelt, was in den USA seit 1982 auch offiziell gestattet ist. Diese Freisetzungsexperimente lieferten den Stoff für eine bis zum heutigen Datum nicht beendete Kontroverse über die damit verbundenen Risiken.

1990 führte diese Problematik zu einer großen Debatte auf der Ebene der Europäischen Gemeinschaft; nur knapp ging man damals an einem fünfjährigen Moratorium für Freisetzungen vorbei. Erst in den vergangenen Jahren ist diese Diskussion insbesondere in Frankreich, Großbritannien und Österreich wieder aufgeflammt, wo erneut Moratorien in diesem Bereich gefordert wurden. Waren bis vor kurzem gentechnisch veränderte Nahrungsmittel nur in Europa umstritten, so gab es im vergangenen Jahr auch in den USA eine Protestwelle gegen GVOs.

Gen-Multis in der Krise?

Diese kritische Haltung breiter Schichten der Öffentlichkeit hatte in jüngster Zeit handfeste Konsequenzen für die Industrie. Große Life-Science-Konzerne wie AstraZeneca und Novartis haben sich von ihren biotechnischen Agro-Töchtern getrennt, andere, wie Monsanto, gerieten in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten. Aber auch die medizinische Anwendung der Gentechnik am Menschen - von der Gentherapie bis zum so genannten therapeutischen Klonieren - sorgt bereits im theoretisch-experimentellen Stadium regelmäßig für Aufregung.

Wie lässt sich diese unendliche Geschichte der Gentechnikkontroverse seit Asilomar erklären? Zunächst muss hier die "relative wissenschaftliche Jugend" der Gentechnik, aber auch der Molekularbiologie betont werden. So grandios die Erkenntnisfortschritte in den letzten fünfzig Jahren auch gewesen sein mögen - viele grundlegende biologisch-genetische Prozesse sind erst in Ansätzen bekannt und verstanden.

So ist die Totalsequenzierung des menschlichen Genoms in den letzten Jahren zwar mit Erfolg und erstaunlicher Geschwindigkeit betrieben worden (vgl. S. 16 f.). Wie und warum aber welche Gene bestimmte Krankheiten verursachen, ist nach wie vor unbekannt. Zwar ist es unter Zuhilfenahme der Gentechnik gelungen, Pflanzen mit neuen Qualitäten zu schaffen - welche Folgen ihre Interaktion mit anderen Lebewesen für das Ökosystem hat, das kann nach wie vor auch das raffinierteste Computermodell der Ökologie nicht prognostizieren.

Ökologen als Akteure Diese Wissensmängel waren in der Gentechnik-Diskussion lange Zeit kein großes politisches Problem. Schließlich gab es seit der Asilomar-Konferenz in der molekularbiologischen Scientific Community die Sprachregelung, dass die Risiken der Gentechnik durch technische Maßnahmen beherrscht werden könnten. Diese Devise funktionierte so lange gut, solange traditionelle Akteure wie Gewerkschaften oder etablierte Parteien die politischen Auseinandersetzungen bestimmten und große Bereiche der Wissenschaftspolitik ausgewählten Fachleuten überließen. Entsprechend dieser Arbeitsteilung war in den USA und in Europa die Regulierung der Gentechnik-Risiken zum Privileg von Experten aus verschiedenen betroffenen Wissenschaftsdisziplinen geworden. Diese Konstellation begann sich aber bald zu ändern.

Der an Popularität gewinnende ökologische Diskurs bildete einen wichtigen Bezugs- und Orientierungsrahmen für eine Reihe neu auftretender politischer Akteure: Dazu zählten vor allem neue soziale Bewegungen - von der Umwelt- bis zur Anti-AKW-Bewegung, - die im Laufe der Siebzigerjahre entstanden waren und in der Folge zur Gründung von Grünparteien führten, die in einigen Ländern auch ins Parlament gewählt wurden. Ausgehend von Deutschland begannen sich diese neuen politischen Akteure in vielen weiteren Industrieländern kritisch bis ablehnend, aber durchaus differenziert mit der Gentechnik auseinander zu setzen.

In den USA wurde das Entstehen einer neuen kritischen Öffentlichkeit gegen die Gentechnik zunächst durch das antiregulatorische Klima der Reagan-Bush-Ära abgeschwächt; Kritik blieb aber auch dort nicht aus. Damit waren neue Kräfte ins Spiel gekommen, die auch in der Gentechnik um die Teilnahme am rechtspolitischen Entscheidungsprozess kämpften. Diese Akteure waren an keinerlei Sprachregelungen der Scientific Community gebunden und konzentrierten sich in ihren Aussagen und Aktivitäten auf die im Grunde seit den Anfängen der Gentechnik bestehenden Unwägbarkeiten und Wissensdefizite betreffend die Risiken der Gentechnik.

Kleiner Versuch mit großen Folgen Die neuen Akteure der Debatte - vom gentechnikkritischen Anwalt und Sachbuchbestseller Jeremy Rifkin bis zur Umweltorganisation Greenpeace - waren nicht bloß die "üblichen" Gegner. Sie untermauerten ihre Sichtweise in den Kontroversen mit dicken wissenschaftlichen Studien und Belegen. So steht in der Gentechnikdebatte der vergangenen 15 Jahre wissenschaftliche Risikostudie gegen wissenschaftliche Risikostudie, was in der Summe eine endlose Spirale von Expertise und Gegenexpertise erzeugt und zur Infragestellung jeglicher politisch-regulatorischen Entscheidung geführt hat.

In diesem Klima kann selbst eine kleine wissenschaftliche Untersuchung einen Sturm der Entrüstung auslösen - ähnlich wie der Flügelschlag eines Schmetterlings gemäß der Chaostheorie. Eben das gelang 1998 dem Genetiker Arpad Pusztai, der am Rowett Institute im schottischen Aberdeen Ratten mit gentechnisch modifzierten Kartoffeln fütterte. Ein Ergebnis seines Experiments war die Behauptung, dass die Ratten sich in ihrem Wachstum schlecht entwickelten, ein geschädigtes Immunsystem hätten und an Gewicht verlören. Das führte nicht nur dazu, dass Pusztai von seinem Auftraggeber gekündigt wurde, sondern auch zu einem weltweiten Aufruhr in der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Öffentlichkeit.

Wenn nicht alles täuscht, dürfen wir uns 25 Jahre nach Asilomar auf mindestens 25 weitere Jahre Gentechnikdebatte einstellen.

Herbert Gottweis ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Seine jüngste Buchveröffentlichung zum Thema, "Governing Molecules", erschien im Vorjahr bei MIT Press (vgl. "heureka!" 3/99).

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