Die Zeitungs-Gen-Ente

Wissenschaftsjournalismus: Vereinfachungen und Verzerrungen - so stellt sich den Genetikern die mediale Berichterstattung über ihre wissenschaftlichen Ergebnisse dar. Ihre neue Rolle als öffentliche Figuren empfinden die Forscher als gewöhnungsbedürftig.

Joseph Schimmer | aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Der Pressespiegel der Genforschung gibt ein merkwürdig verzerrtes Bild wieder. Während im Lokalteil vor den Gefahren der Genkartoffeln gewarnt wird, überschlagen sich die Wirtschaftsredakteure mit Jubelmeldungen über gestiegene Kurse von Gentechnikfirmen. Während die Impfung für Aids oder Krebs bereits in greifbare Nähe gerückt wird, werden Monsanto und Co. als Öko-Verschwörer gegeißelt.

Gute rote Gentechnik, böse grüne Gentechnik - und Hauptsache, die Kassa stimmt. Wissenschaftler geraten da leicht ins Grübeln. Sollen sie sich mehr über das gesteigerte Interesse an ihrer Arbeit freuen oder sich über ans Fahrlässige grenzende Vereinfachungen ärgern?

"Homosexualität ist ,angeboren'", lautete etwa eine Schlagzeile in der Neuen Vorarlberger Tageszeitung vom 28.12.1997. Zu der Zeit war die Diskussion um die genetischen Wurzeln der Homosexualität bereits sechs Jahre alt. Erste Belege hatte der US-amerikanische Psychiater Michael Bailey 1991 vorgelegt. Zwei Jahre später vertrat sein Landsmann, der Genetiker Dean Hamer, die These, dass ein bestimmter Abschnitt auf dem X-Chromosom ein für Homosexualität entscheidendes Gen berge. Jener Dean Hamer übrigens, der dramatischen Pressemeldungen zufolge mit dem "Risikogen" auch den "Fluch" der Kennedys erklären wollte und der uns auch das "Seitensprunggen" beschert hat. (Wer ein längeres D4 hat, der hat ein ausgeprägteres Sexualverlangen und eine Neigung zum Partnerwechsel. Der Standard vom 17.2. 1998.)

Dass Dean Hamer eigentlich zu ganz anderen Fragen gearbeitet hat, dann aber auf einen modischen Zug aufgesprungen ist, wie Erwin Heberle-Bors vermutet, steht auf einem anderen Blatt. "Zu sagen, das ist das Gen für Homosexualität, ist komplett falsch", empört sich der Molekularbiologe von der Universität Wien.

Erstens hat Dean Hamer nämlich kein Gen entdeckt, sondern nur einen "Marker", eine Variante einer Region auf dem X-Chromosom, die seinen Berechnungen zufolge bei homosexuellen Männern mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit auftritt. Und zweitens ist auch unter Genetikern unbestritten, dass Umweltfaktoren bei der Erklärung menschlicher Eigenschaften eine bedeutende Rolle spielen.

In Presseberichten wurde aber aus Dean Hamers Untersuchungsergebnissen das "Homo-Gen", wahlweise auch "Schwulengen" oder die Erkenntnis, dass manche Männer "von Natur aus schwul" seien oder ihnen die Homosexualität "im Blut" liegen würde.

Die verkürzte Darstellung seines komplexen Forschungsgegenstandes stößt bei Heberle-Bors und seinen Kollegen immer wieder auf Unbehagen, aber auch auf Unsicherheit. Die Erzeugung eines menschlichen Embryos aus einer menschlichen Speichelzelle und einer entkernten Kuheizelle wurde erstbekannt gemacht (nicht publiziert!), als das Klon-Schaf Dolly bereits in aller Munde war. "Es gibt einfach Ängste, wie mit solchem Wissen in der Öffentlichkeit umgegangen wird", entschuldigt Heberle-Bors die gelegentlich zurückhaltende Informationspolitik seiner Kollegenschaft.

Gleichzeitig stellt er fest, dass gerade eine Disziplin wie die Genetik, die derart an die Grundlagen des Menschseins heranreicht, sich der öffentlichen und veröffentlichten Beurteilung stellen muss - auch wenn seine Erklärung ein wenig nach dem französischen Stardesigner Philippe Starck klingt, der seine missglückte Zitronenpresse auch nur als "Kommunikationsangebot" verstanden wissen wollte.

Solche Ergebnisse wie die Klonierung von Lebewesen klingen zwar schauerlich, sind aber nur ein Kommunikationsangebot der Wissenschaft an die Gesellschaft mit der Aufforderung: Gebt uns Regeln, wie damit umzugehen ist. Aber das kommt nie an, es heißt immer nur: Diese unmoralischen Wissenschaftler."

Artikel, die von leuchtenden Weihnachtsbäumen oder Affen berichten, denen so genannte "Leuchtgene" von Quallen eingepflanzt wurden, gehören also entweder in die Kategorie Kommunikationsangebot - das ist die wohlmeinende Lesart - oder sie nähren den Verdacht, dass der "Mensch nach Maß" bereits hinter den Labortüren lauert - das ist die pessimistische Lesart. Und für beide lassen sich Belege finden. Doch Vorsicht ist geboten.

"Es hat schon öfters Berichte über die Kartierung von Genen für Schizophrenie gegeben, die im Lichte neuerer Forschungen zurückgezogen werden mussten - die Methode ist einfach noch zu ungenau", gibt Heberle-Bors zu, "nur darf man daraus nicht den Schluss ziehen, dass menschliche Eigenschaften keine genetischen Grundlagen hätten. Das wird ja gerade von den ,Umweltfanatikern', den Behavioristen, gerne unterschätzt, dass die genetische Vielfalt des Menschen eine Grundlage für unsere Individualität ist."

Eine kanadische Arbeitsgruppe um den Neurologen George Rice fand bei einer Vergleichsuntersuchung, die im Vorjahr in Science publiziert wurde, keine Bestätigung für Hamers These, will aber nicht ausschließen, dass sich an anderer Stelle des Erbgutes eine Veranlagung für Homosexualität verbirgt. Wie könnte sie auch.

Joseph Schimmer ist Ö1-Redakteur und Leiter der Internet-Kulturredaktion im ORF.

E-Mail: joseph.schimmer@orf.at

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