Bibliothek des Lebens

Neuerscheinungen: Demnächst wird unser Buch namens Genom vollständig entschlüsselt sein. Darüber und über andere Revolutionen der Biound Gentechnologie informieren inzwischen jede Menge unterschiedlich lesenswerter Buchstabenabfolgen.

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Das Genom ist ein sehr kluges Buch", schreibt Matt Ridley: "Unter den richtigen Bedingungen kann es sich sowohl selbst fotokopieren als auch selbst lesen." Der mehrfach preisgekönte Wissenschaftspublizist treibt in seinem Werk "Alphabet des Lebens" die Vergleiche des genetischen Codes mit jenen gedruckten Buchstabenkombinationen, die wir gemeinhin "Bücher" nennen, besonders weit: "Das menschliche Genom enthält 23 Kapitel, die Chromosomen; jedes Kapitel enthält mehrere Tausend Geschichten, die Gene. Jede Geschichte besteht aus Absätzen, die man Exons nennt, und dazwischen liegen die Werbeanzeigen, die Introns. Jeder Absatz besteht aus Wörtern, den Codons. Jedes Wort setzt sich aus Buchstaben zusammen, den Basen." Und weil in diesem Buch des Lebens eine Milliarde Wörter stehen, ist es auch rund 5000-mal länger als Ridleys eigenes Buch, das es immerhin auf mehr als 400 Seiten bringt und ein wahres Füllhorn an klug aufbereitetem Wissen für den Leser bereithält.

Nicht ganz zufällig ist auch das "Alphabet der Lebens" in 23 Kapitel gegliedert: Jeder Abschnitt nimmt ein Gen des jeweiligen Chromosoms zum Ausgangspunkt für kenntnisreiche Ausführungen über die Geschichte des menschlichen Genoms sowie dessen Erforschung. Und weil der Autor eigentlich Evolutionsbiologe ist, dürfen auch Kapitel zu den Themen Instinkt, Eigennutz, Männer und Frauen, Sex, aber auch Politik und Eugenik nicht fehlen. Dass dabei immer wieder der kecke Provokateur in Ridley durchschlägt, macht die informative Lektüre nicht eben langweiliger: "Das ,Black-Smoker'-Bakterium, das neben einem Schwefelschlot am Boden des Atlantischen Ozeans lebt (...), ist nachweislich höher entwickelt als ein Bankkassierer,zumindest auf genetischer Ebene."

Matt Ridley: Alphabet des Lebens. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. München 2000 (Claassen). 416 S., öS 291, Im Vergleich zu Ridleys brillantem Werk, dessen englische Originalausgabe vom britischen Observer zum besten populärwissenschaftlichen Sachbuch des vergangenen Jahres erklärt wurde, fallen die einschlägigen Konkurrenzprodukte von deutschsprachigen Autoren eindeutig ab. Die meisten von ihnen beschränken sich freilich schon von vornherein auf ein Minimum, wie Haidi Streletz mit ihrem schmalen Kompendium. Auf 89 Seiten werden aber nicht nur politisch engagierte Basisinformationen über "Bio- und Gentechnologie" geboten, sondern leider auch die mit Abstand hässlichsten Illustrationen zum Thema.

Sehr viel instruktiver sind da schon die Abbildungen in "Das Molekül des Lebens", einer naturwissenschaftlichen Genetik-Einfüh-rung von Claudia Eberhard-Metzger. Nach einem etwas spekulativen Einstieg über die Gebeine der Zarenfamilie fasst die erste Hälfte des Büchleins die biologischen Grundlagen des Lebens anschaulich zusammen, ehe es in der zweiten Hälfte um medizinische Chancen und ethische Probleme geht. Basiswissen, brauchbar vermittelt.

Wer es schließlich ganz genau wissen will und sich für Detailinformationen aus dem Buch des Lebens interessiert - also etwa für das SV40-COS-Expressionssystem, für die rezeptor-vermittelte Aufnahme von Adenovirus-Polylysin-DNA-Komplexen oder Vektoren für die E.-coli-Transformation -, der greife zum Kompendium "Gentechnik - Biotechnik" von Theodor Dingermann. Außer er hat es ohnehin schon längst zu Hause in der Bibliothek stehen.

Haidi Streletz: Bio- und Gentechnologie. Ein Kompendium für Interessierte. Frankfurt/Main 1999 (VAS). 92 S., öS 146,Claudia Eberhard-Metzger: Das Molekül des Lebens. Einführung in die Genetik. München 1999 (dtv). 142 S., öS 109,- Theodor Dingermann: Gentechnik - Biotechnik. Lehrbuch und Kompendium für Studium und Praxis. Stuttgart 1999 (Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft). 623 S., öS 934, Auf die Metapher von der Lebensbibliothek setzt auch der deutsche Mediziner und Wissenschaftspublizist Werner Bartens; und er tut dies ansatzweise gar nicht einmal schlecht. Seine Gedanken zur Doppel-Helix als kulturelle Ikone, zur "Genetisierung unserer Weltbilder" und damit auch zum neuen Aufschwung des biologischen Determinismus sind zwar manchmal etwas salopp formuliert, aber doch plausibel argumentiert. Ob wir deshalb aber gleich unter einer"Tyrannei der Gene" zu leiden haben, wie der Titel plakativ behauptet, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Von einer "Tyrannei der Gentechnik-Gegner" würde dagegen Trutz Eyke Podschun am liebsten sprechen. Der Biochemiker und Manager, der seit zehn Jahren in und mit der Biotechnologie sein Geld verdient, sieht sich angesichts der hierzulande weit verbreiteten Skepsis in Sachen "Gentechnik" zu einem richtiggehenden Aufklärungsfeldzug genötigt, der in einem auf über 150 Seiten vorgetragenen "Standpunkt" gipfelt. Mit seinem gerüttelt Maß an Polemik, überreich garniert mit tiefen Sprüchen aus dem Zitateschatz der Weltliteratur, wird insbesondere dieser Teil von "Sie nannten sie Dolly" aber wohl nur jene bekehren, die ohnehin schon bekehrt sind.

Sehr tief in die Geistesgeschichte hat sich auch das bewährte Autorenduo Johannes Huber und Alfred Worm versenkt. Nach ihren Bestsellern "Länger leben, später altern" (Zielgruppe gemäß Pressetext: "Das Buch wendet sich an alle Menschen, die gerne leben") oder "Frau sein ein Leben lang" ("Trägerin des Geschlechts zu sein ist eine Höchstleistung") rufen die beiden nun "Die Medizinrevolution" aus. Die ungleichen Professoren haben keine Mühen gescheut, um uns das "Überleben durch Wiedergeburt" nahe zu bringen und sich die Werke von Freud, Hegel, C. G. Jung und Kant gleich in der englischen Übersetzung reingezogen, wie man den weiterführenden Literaturangaben entnehmen kann.

Schließlich geht es um die ebenso brillante wie verblüffende Lösung der größten Frage der Gegenwart: "Was geschieht da jetzt eigentlich? Die Antwort in einem Wort: Gewaltiges. Die Antwort in mehreren Sätzen: Derzeit erfüllt der Mensch den dritten Traum der Menschheit, der bisher nur den Göttern vorbehalten war." Das war zwar nur ein Satz. Aber dafür ein gewaltiger. Für die Menschheit.

Werner Bartens: Die Tyrannei der Gene. München 1999 (Blessing). 284 S., öS 278,Trutz Eyke Podschun: Sie nannten sie Dolly. Von Klonen, Genen und unserer Verantwortung. Weinheim 1999 (Wiley-VCH). 365 S., öS 321,- Johannes Huber und Alfred Worm: Die Medizinrevolution. Überleben durch Wiedergeburt. Wien 2000 (Wilhelm Maudrich). 340 S., öS 496,

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige