Mein Arbeitsplatz: Der Gerichtsmediziner

aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Genetischer Fingerabdruck? Nein, man sollte besser von "DNA-Profiling" sprechen, sagt Richard Scheithauer, Vorstand des Instituts für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck. Dort befindet sich das Österreichische DNA-Zentrallabor, eines der größten seiner Art in Europa. Präzisierungen und Richtigstellungen gehören für Scheithauer zum täglichen Brot, um volkstümliche und mediale Vorstellungen der Verbrechensbekämpfung durch genetische Methoden zu korrigieren.

So erhält das Zentrallabor keine personenbezogenen Daten; über diese verfügt allein das Innenministerium in Wien. Das genetische Material wird über den so genannten Barcode identifiziert. Die DNA stammt aus Mundhöhlenabstrichen (MHA), die den Verdächtigen mittels eines Stäbchens entnommen werden oder aus biologischen Spuren vom Tatort. Die untersuchten Abschnitte stammen aus dem so genannten nichtcodierenden Bereich, von dem sich - nächste Klarstellung - keine Rückschlüsse auf Krankheiten, Infektionen oder ähnliches ziehen lassen.

Neben der Anonymisierung hat die Verwechslungssicherheit oberste Priorität. Dies soll zum einen durch einen hohen Automatisierungsgrad erreicht werden. In der "Robotic Work Station" wird die DNA extrahiert und danach millionenfach vermehrt. War früher mindestens ein Drittel Blutstropfen notwendig, genügen heute dank der PCR-Technik (Polymerase Chain Reaction) winzigste Mengen an DNA. Um zum anderen auch die Fehlerquelle Mensch zu verstopfen, wird jeder Mitarbeiter während seiner Tätigkeit im sicherheitssensiblen bzw. verwechslungssensiblen Bereich von einem zweiten beobachtet. Für beide gilt absolute Schweigepflicht! Die Wahrscheinlichkeit, dass bei dem untersuchten Abschnitt jemand die idente Sequenz hat, liegt mittlerweile oft (!) bei eins zu einer Milliarde (und geringer).

Apropos Statistik: Das DNA-Profiling ist keine reine Anwendung bereits entwickelter gentechnischer Verfahren, sondern erzeugt mittlerweile selbst neues Wissen. Anhand so genannter y-chromosomaler Polymorphismen, d.h. der statistischen Verteilung von genetischen Merkmalen, lassen sich zum Beispiel historische Migrationsbewegungen rekonstruieren. Nur die von Männern wohlgemerkt, aber die waren damals angeblich mobiler.

O. H.

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