Gentechnik-PR: Auf den Keks Gen

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/00 vom 23.02.2000

Den Gentechnikstand "Frankensteins Küche" zu taufen wäre eine nette Provokation hier. Kein fern liegender Gedanke, wenn man mit diesem Ziel durch die Besuchermassen der Berliner Fressmesse "Grüne Woche" drängelt. Der Name "Genetic Diner" ist dagegen Augenwischerei. Von Flavour-Savour-Tomatensuppe schlürfenden Kleinbürgern keine Spur. Stattdessen gähnen mir drei Mitarbeiter von Novartis entgegen. Ob ich einen Maiskeks will. Vielleicht auch Informationen, wie genetisch veränderter Keksmais ohne Pflanzenschutzmittel angebaut wird. Oder Kaffee (leider nicht die Bohne gentechnisch), damit hier keiner einschläft.

Mittags sei mehr los, wird mir versichert. Den Ständen ringsum gehe es ähnlich. Man liege nun mal weit weg von den Haupteingängen. Ein Erfolg sei die Messebeteiligung auch so, meint Standchef Christian Schmidt-Egger. "In Umfragen lehnen 80 Prozent der Deutschen gentechnisch hergestellte Lebensmittel ab. Aber unsere Kekse isst praktisch jeder."

Die sind, im Gegensatz zu den meisten Schmankerln auf der Grünen Woche, gratis. Ja, das Preisargument. Für Schmidt-Egger war es "ein strategischer Fehler, dass gentechnisch veränderte Produkte nicht mit Kampfpreisen am Markt eingeführt wurden". Denn das war die Erwartung des promovierten Agraringenieurs und Wissenschaftsjournalisten, als er "Genetic Diner" vor gut zwei Jahren konzipierte.

Eben ist ein Schüler an den Stand gekommen. Ein paar Blätter für den Biologieunterricht, ein Genetic Cookie, und weg ist er. Wir sind wieder unter uns. Heute habe der Verbraucher in Deutschland praktisch keine Wahl, erklärt mir der Novartis-Mitarbeiter. Die Handelsketten nehmen kaum ein Produkt ins Sortiment, das genetisch veränderte Zutaten ausweist. Dass die meisten Lebensmittel längst mit gentechnisch erzeugten Enzymen verarbeitet werden, und zwar kennzeichnungsfrei, weil am Endprodukt nicht nachweisbar, wissen die wenigsten Verbraucher.

Die wissen nur, dass sie bei Gen-Food um ihre Gesundheit fürchten, auch wenn sie rauchend und mit 30 Kilo Übergewicht vor Schmidt-Egger stehen. Als Ernährungsberater und Aufklärer ("Die Leute wundern sich immer, warum die Kekse nicht anders schmecken") habe er noch viel zu tun. Doch für "Genetic Diner" ist es die letzte Messe.

Einige Hallen weiter spielt im Auftrag der Grünen das Clown-Duo Pawlo Theater. Vor zwei Jahren haben sie hier mit großem Lacherfolg bunten Mais geklo(w)nt. Diesmal wird es argumentativ. Der aalglatte Vertreter Gene Scrubbs aus Amerika will genetisch verändertes Saatgut loswerden. Bauer Karl Klarobst zögert. Das Interesse ist mäßig. Scrubbs bietet Passanten Tomatensaft an, "die neueste Errungenschaft aus Detroit", in Wahrheit ein Biosaft. Fast alle lehnen ab. Schließlich greift Klarobst zum Megafon: "Hallo, ich bin hier der Bauer. Es geht um Gentechnik, interessiert euch das überhaupt?"

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