Beruf oder Berufung?

Homo Academicus. Wer oder was ist ein Wissenschaftler? Ist dieser Beruf eine Tätigkeit wie jeder andere auch? Oder braucht es dazu eine besondere Berufung? Einige Mutmaßungen über die neuen Rollen des Forschers am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Wir schreiben das Jahr 1918. In Russland haben die Bolschewiken die Macht an sich gerissen, das deutsche Kaiserreich ist im Untergang begriffen. Der Soziologe und Ökonom Max Weber, eben erst als Professor nach München berufen, hält vor Studenten einen Vortrag zum Thema "Wissenschaft als Beruf". Seine Rede ist geprägt von der Suche nach Orientierung in einer Zeit des Umbruchs; eines Umbruchs aber nicht nur in der Politik, sondern auch und vor allem in der Wissenschaft.

Webers Blick schweift über den großen Teich. Ausgerechnet beim Kriegsgegner USA lassen sich für ihn die maßgeblichen Entwicklungen der modernen Wissenschaft am deutlichsten ablesen - ihr steigender Geldbedarf, ihre zunehmende Bürokratisierung, vor allem aber die grenzenlose Spezialisierung, von der jeder weitere Fortschritt abhänge. Entsprechend müsse sich der Wissenschaftler auf einen winzigen Ausschnitt seines Fachs konzentrieren - und das sei auch seine Berufung, die er zu verinnerlichen habe. Sinn aber, Antworten auf Warum-Fragen liefere die Wissenschaft keine.

"Intellektualisierung und Rationalisierung", wie Weber in seiner zum Klassiker geworderen Rede sagt, wissenschaftliche Erkenntnis und technische Machbarkeit haben gerade die "Entzauberung der Welt" bewirkt. Mit der Spezialisierung der Wissenschaft einher geht auch das beispiellose Wachstum der Zahl derer, die sie betreiben: Ihre "Population" hat sich in den letzten drei Jahrhunderten, wie Statistiker herausfanden, alle zehn bis fünfzehn Jahre verdoppelt. Betrachtet man nur diejenigen Wissenschaftler, die ausschließlich in der Forschung beschäftigt sind, so steigt ihre Zahl von weltweit weniger als 20.000 gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf eine Million (1976), dann zwei Millionen (1986) auf heute weit über drei Millionen, von denen ein Drittel allein in den USA arbeitet.

Massenphänomen Wissenschaftler Die heute lebende Generation umfasst etwa achtzig Prozent aller Wissenschaftler, die je gelebt haben. Diese exponentielle Steigerung wird sich im 21. Jahrhundert allerdings nicht fortsetzen können - allein schon deshalb, weil die Ausgaben für Wissenschaft - gemessen am jeweiligen nationalen Bruttosozialprodukt - in den meisten Ländern schon seit längerem nicht mehr zunehmen.

Die "Industrialisierung" der Wissenschaft und das Aufkommen der Großforschung haben aus dem Wissenschaftler einen Berufstätigen, gar einen Fabrikarbeiter gemacht, wie so mancher dünkelhafte Gelehrte bereits in den Zwanzigerjahren höhnte. Der gleichsam auserwählte Status des Wissenschaftlers gründete sich bis dato ja gerade auf seine Exklusivität und seine Ferne zur Welt und deren Niederungen. Tatsächlich war das Bild des Gelehrten über Jahrhunderte durch eine untrennbare Verbindung von Wissen und Tugend geprägt, wie der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Steven Shapin behauptet.

Die Entzauberung des Gelehrten Wissenschaftler galten vor allem deshalb als moralisch "besser", weil sie Gottes Buch der Natur studierten. Gott war die Wahrheit, und jemand, der Gottes Wahrheit enträtselte, entdeckte auch den Beweis seiner Existenz.

Mit der von Max Weber beschriebenen Entzauberung der Welt würde diese privilegierte moralische Stellung des Wissenschaftlers allerdings hinfällig. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren des eben vergangenen Jahrhunderts sei erstmals in der Geschichte der Wissenschaften zu beobachten, dass Wissenschaftler moralisch nicht mehr anders bewertet würden als alle anderen Menschen auch - nicht zuletzt wohl auch wegen der Verstrickungen der Forscher in kriegerische Geschehen bzw. totalitäre Regimes. Der Wissenschaftler jedenfalls sei zum bloßen Experten geworden.

Mit der extremen Spezialisierung geht die Diversifizierung des Wissenschaftssystems einher. Die Wissenschaft wird zum Beruf, aber gleichzeitig löst sich der Wissenschaftler als solcher - wenn es ihn je in dieser reinen Form gegeben haben sollte - in seine disziplinären Bestandteile auf. Zu verschieden sind die Tätigkeiten und die innerwissenschaftliche Dynamik der jeweiligen Fächer. Vergleicht man heute etwa die Hochenergiephysik und die Molekularbiologie, wie dies die Wissenschaftssoziologin Karin Knorr-Cetina in jahrelangen Beobachtungen getan hat (siehe Interview S. 5-7), könnten die Unterschiede kaum größer sein.

Disunity of the sciences Während bei einem Versuch am Genfer CERN, dem Europäischen Zentrum für Kernphysik, bis zu 2000 (!) Physiker beteiligt sind, forschen in der Molekularbiologie weiterhin kleine Gruppen von meist weniger als einem Dutzend Wissenschaftlern. Ist der Begriff der Konkurrenz in der Hochenergiephysik also weitgehend sinnlos geworden - bestimmte Versuche können aufgrund der immensen Kosten ohnehin nur am CERN durchgeführt werden -, wird der Wettlauf um neue biowissenschaftliche Erkenntnisse, aber auch die Anmeldung von Patenten härter denn je. Wenn also bei physikalischen Großversuchen der Wissenschaftler sich als Individuum quasi auflöst (sein Name erscheint in einer alphabetisch geordneten, mehrseitigen Liste zu Beginn der Publikation), steht bei einer Publikation in der Molekularbiologie der Hauptverantwortliche für das Experiment an erster Stelle. Die Tendenzen - Kollektivierung bzw. Individualisierung - sind also absolut gegenläufig.

Diese "disunity of science", das Auseinanderbrechen eines einheitlichen Verständnisses der Wissenschaft im Singular, geht aber noch weit über disziplinäre Unterschiede hinaus. Es ist der Wissenschaftler selbst, der nicht mehr mit einem eindimensionalen Rollenmodell wie etwa dem des Experten zu beschreiben ist. Und wie schon am Beginn des 20. Jahrhunderts, so zeigt auch an dessen Ende ein Blick über den großen Teich das "fortgeschrittenste" Stadium dieser Entwicklung in den Vereinigten Staaten - am deutlichsten wohl im Bereich der so genannten Life-Sciences und ihrer technologischen Umsetzung, bei der Biowissenschaftler nicht nur als Forscher, sondern auch als Unternehmer bzw. Risikokapitalisten agieren können.

"Vor fünfzig Jahren noch", so meint der in Kalifornien lebende Stephen Shapin, "war alles noch einfach: Da existierten an den Universitäten die Normen der reinen Grundlagenwissenschaft, und im Gegensatz dazu standen die Werte der Industrie, der es um Profit ging. Doch niemand würde heute mehr mit diesen Begriffen den Unterschied zwischen einer biotechnologischen Start-up-Firma und dem Institut für Molekularbiologie an einer kalifornischen Universität beschreiben können."

Durchlässigere Grenzen Zwar ist es durchaus angebracht, von einer Ökonomisierung der Wissenschaft zu reden, aber gleichzeitig werden viele Bereiche der Wirtschaft auch verwissenschaftlicht. Universitätslehrer melden Patente an, von den Forschungsabteilungen der Pharmariesen werden wissenschaftliche Papers publiziert. Heute weist bereits ein Viertel aller Aufsätze, die von Universitätswissenschaftlern in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht werden, Koautoren auf, die aus einem Industrie- oder aus einem Regierungslaboratorium kommen, also aus einer Institution der angewandten Forschung.

Wenn die Grenzen durchlässiger werden, nimmt auch die Zahl der Grenzgänger zu, die Wissenschaftler pendeln zwischen Forschung und Verwertung, zwischen Universität und Industrie. Immer häufiger kehren sie aber nicht mehr zurück. Der Anthropologe Paul Rabinow beschreibt in seinem Buch "Making PCR" (über die Entwickung der aus der Gentechnik nicht mehr wegzudenkenden Methode der so genannten Polymerasekettenreaktion) eindrucksvoll, wie in den USA hochqualifizierte Wissenschaftler im Bereich der Gentechnik aus der Universität in den Bereich der profitorientierten Industrie überwechseln. Aber ihnen zu unterstellen, sie täten dies nur des Geldes wegen - das natürlich auch -, wäre eine Verkürzung, wie der US-amerikanische Anthropologe klarmacht. Oft begründen die Forscher diesen Schritt von der Universität in die Wirtschaft damit, mehr Freiheit zu haben und ungestörter forschen zu können. An der Universität verkämen sie zu Bürokraten.

Schaut man sich die unterschiedlichen Tagesabläufe des österreichischen Homo academicus an (siehe S. 8-9), wird schnell klar, wie wenig Zeit ihm für die Forschung selbst bleibt. Eine Sitzung jagt die nächste, dazwischen Prüfungen sowie Korrespondenz, Gutachtertätigkeit und natürlich die Lehre samt Vorbereitung. Die Wissenschaftler, vom Institutsleiter bis zum freien Lektor, müssen sich beständig um neue Projekte kümmern, Anträge schreiben und entsprechende Kommunikationsarbeit leisten. Forscher, Lehrer, Administrator, Organisator, Fundraiser - auch an der Universität trägt der Wissenschaftler schon deutliche Züge einer multiplen Persönlichkeit. Anstatt der reinen Spezialisierung scheint man heute also vielmehr eine Vielzahl von Teilqualifikationen erlernen zu müssen, wenn man sich auf eine wissenschaftliche Laufbahn einlässt. Ob dies der Grund dafür ist, dass die akademischen Lehrjahre sich - zumindest hierzulande - zu Lehrjahrzehnten ausdehnen? Hier gilt es sicher zu differenzieren. Diese überlange Qualifikationsphase ist vor allem für den deutschsprachigen Bereich typisch, und dies liegt in erster Linie an der in letzter Zeit wieder ins (Abschaffungs-)Gerede gekommenen Habilitation.

Lehre und Karriere Erst mit dieser offiziellen Befugnis zur Lehre ausgestattet, die man in unseren Breiten heute im Schnitt erst mit knapp vierzig Jahren erreicht (bei den Naturwissenschaftlern in der Regel etwas früher), gilt man hierzulande als vollwertiger Wissenschaftler und kann "berufen" werden. Davor haben die Götter der Alma Mater den Schweiß gesetzt - den der Arbeit, aber auch den der Angst vor einer ungewissen Zukunft.

Dass bereits Max Weber gegen Ende des Ersten Weltkriegs auf das Fehlen der Habilitation in den Vereinigten Staaten verwiesen und auf das Modell des US-amerikanischen Assistant-Professors aufmerksam gemacht hat, dem man sich in der Bildungsdiskussion in Österreich und Deutschland heutzutage wieder als Vorbild annähert, mag manchen den Kopf schütteln lassen ob der Beharrungskraft universitärer Strukturen. Die Reform der akademischen Karrieremuster scheint angesichts der sich weiter zuspitzenden Nachwuchsmisere an Österreichs Universitäten eines der dringlichsten Anliegen gegenwärtiger Wissenschaftspolitik zu sein (siehe S. 10-12).

Der Typus des 21. Jahrhunderts?

Sie wird den veränderten Gegebenheiten umfassend Rechnung tragen müssen. Damit ist nicht nur die Verwirtschaftlichung der Wissenschaft gemeint, die zunehmende Abhängigkeit von Drittmitteln und das Entstehen eines globalen akademischen Kapitalismus. So uneinheitlich die Wissenschaften als solche geworden sind, viele ihrer Forschungsbereiche sind doch stärker mit der Gesellschaft verwachsen als je zuvor - man denke nur an die Bereiche der Aidsforschung, der Gentechnik oder der sozialverträglich zu gestaltenden Kommunikationstechnologien.

Auch dadurch verändert sich der Beruf bzw. die Berufung des Wissenschaftlers von heute und von morgen. Für den französischen Wissenschaftsforscher Bruno Latour bestehen - aufgrund seiner in vielen Bereichen unvermeidlichen Verstrickung in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge - seine Aufgaben längst nicht mehr darin, Wahrheit zu schaffen und Objektivität zu garantieren, sondern Stellung zu beziehen, sich an Kontroversen zu beteiligen, in der Öffentlichkeit zu stehen und sich selbst als Person nicht bloß auf die Rolle des Experten zurückzuziehen.

Und so scheint es, als ob die Wissenschaftler von heute - gerade wegen ihres massenhaften Auftretens und ihrer vielfältigen Erscheinungsformen, wegen ihrer radikalen Spezialisierung bei gleichzeitiger Mehrfachqualifikation, wegen ihres Autonomiestrebens und ihrer örtlichen Ungebundenheit bzw. ihrer gleichsam globalisierten Existenz - wie keine andere Berufsgruppe den typischen Menschen in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts vorwegnehmen würden.

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