Erforschte Forschung

Laborstudien. Wie ist die alltägliche Arbeit von Wissenschaftlern organisiert? Wie gelangen sie zu neuen Erkenntnissen? Wie werden sie publiziert? Die Wissenschaftsforscherin Karin Knorr-Cetina hat mehrjährige teilnehmende Beobachtungen in verschiedenen Laboratorien durchgeführt und festgestellt, dass es fundamentale Unterschiede zwischen den Wissenschaftskulturen gibt.

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Keine auch noch so abgelegene Ethnie dieser Welt wurde in den vergangenen Jahrzehnten von der westlichen Ethnographie verschont. Es dauerte allerdings bis in die Siebzigerjahre, ehe auch der Stamm der Naturwissenschaftler Besuch von Anthropologen bekam: Der Franzose Bruno Latour und die aus Österreich gebürtige Karin Knorr-Cetina waren die Ersten, die - unabhängig voneinander - ihre Feldforschungen in hochmoderne biowissenschaftliche Laboratorien verlegten und Wissenschaftler teilnehmend dabei beobachteten, wie sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse herstellen.

Ihre ersten so genannten Laborstudien - "Laboratory Life" (1979) von Latour und "The Manufacture of Knowledge" (1981) von Knorr-Cetina - zeigten, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert, und räumten mit den bis dahin gängigen Vorstellungen von der vermeintlich rationalen "Logik der Forschung" auf: Wissenschaftliche Tatsachen, so fanden die Wissenschaftsethnographen heraus, werden in Laboratorien nicht einfach "entdeckt". Und sie kommen auch nicht durch Beschreibung der Natur zustande, sondern sind das Ergebnis komplexer Konstruktions- und Verhandlungsprozesse.

Für ihr neues Buch, "Epistemic Cultures", hat Knorr-Cetina mit mehreren Kollegen über Jahre hinweg zwei Wissenschaftskulturen - jene der Molekularbiologen und der Hochenergiephysiker - vergleichend erforscht. Dabei hat sie festgestellt, dass es zwischen den beiden Populationen so gut wie keine Gemeinsamkeiten gibt: Nicht nur die Art der Arbeit und ihre Organisation, auch der Umgang mit der "empirischen Welt", die Stellung des einzelnen Forschers oder das Publikationsverhalten sind grundverschieden. Von "der Wissenschaft" im Singular zu sprechen scheint demnach mehr als fragwürdig geworden zu sein.

heureka!: Was waren Ihre Gründe dafür, sich ausgerechnet in Laboratorien von Hochenergiephysikern und den Molekularbiologen zu begeben?

Karin Knorr-Cetina: Ursprünglich stand bei den Laborstudien die Frage im Vordergrund, inwieweit Wissen und Erkenntnis auch in soziale Gegebenheiten eingebettet sind. Bei anwendungsorientierten Wissenschaften ist das offensichtlich; die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung schien da ein härterer Fall, weshalb man sich für solche Labors entschied. Der zweite Grund war, dass es Wissenschaftskulturen sein sollten, die in der vordersten Reihe stehen und die nach allen wissenschaftlichen Kriterien ausgezeichnete Forschung produzieren. Das ist sowohl in den untersuchten molekularbiologischen Laboratorien wie auch am CERN, dem europäischen Laboratorium für Kernphysik in Genf, der Fall. Schließlich war die konkrete Auswahl natürlich auch pragmatisch motiviert. Wenn Sie solche Studien durchführen wollen, müssen Sie Wissenschaftler finden, die sagen: "Gut, Sie können kommen und hier jahrelang rumhängen. Uns stört das nicht."

Was bedeutet denn das konkret, als Wissenschaftsethnographin "jahrelang rumzuhängen"? Worin bestand denn Ihr Forschungsalltag?

Tatsächlich ist es zunächst einfach mal wichtig, präsent zu sein. Das ist in der Molekularbiologie leichter, weil es überschaubar ist: Das sind zwischen zwanzig und vierzig Leuten in verschiedenen Räumen auf einer Etage. Und dann heftet man sich einfach an die Fersen der Forscher, schaut ihnen über die Schulter, versucht, sie nicht zu stören, stellt aber natürlich immer wieder Fragen.

In der Hochenergiephysik war das anders?

Dort war das insofern schwieriger, weil das CERN ein Labor mit 4000 Physikern ist. Jenes Experiment, das wir aussuchten, hatte zu dem Zeitpunkt, als wir hinkamen, rund hundert Teilnehmer - inzwischen sind es zweitausend. Wir mussten uns also an jene Orte begeben, die für alle Beteiligten zentral waren: in den Detektorraum oder in die Kontrollräume. Wir waren aber auch bei den wichtigen Treffen und sind mit den Akteuren in die Cafeteria gegangen.

Haben Sie nur beobachtet? Oder durften Sie auch mitarbeiten?

Ich bin in der Molekularbiologie nicht weiter vorgedrungen, als Mäuseschwänze zerschneiden zu dürfen. Mein Mitarbeiter Klaus Amann, der auch zu dem Thema dissertiert hat, ist sehr tief eingedrungen. Teilweise haben die Leute dann mit ihm auch fachgesimpelt. Aber für die tatsächliche eigenständige Durchführung von Experimenten hätte er sich umstellen müssen - und als Wissenschaftssoziologe abschalten.

Was sind das für Experimente in der Molekularbiologie und in der Hochenergiephysik, durch die neues Wissen gewonnen wird?

In der Hochenergiephysik dauern solche innovativen Prozesse der Erkenntnisgewinnung sehr lange - da gibt es mittlerweile Experimente von zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Das kann man auch schlecht beobachten, weil sich wichtige Ideen immer wieder zufällig ergeben. Dennoch gab es insbesondere in der Hochenergiephysik für mich schon sehr unerwartete Beobachtungsergebnisse.

Zum Beispiel?

Diese Wissenschaftskultur ist gekennzeichnet durch einen relativen Verlust des "Empirischen". Die Teilchen selbst sind viel zu schnell, zu klein und auch zu gefährlich, als dass man an sie direkt herankönnte. Man ist deshalb vor allem damit beschäftigt, die Instrumente zur "Spurensicherung" dieser Teilchen - die Detektoren, die Software etc. - herzustellen und zu verstehen. In dem jetzt laufenden ATLAS-Experiment, das ca. 1989 begonnen hat, wird man im Jahr 2005 das erste Mal Daten nehmen - also direkten Kontakt mit der Objektwelt aufnehmen.

Bei den Molekularbiologen ist das anders, nehme ich an.

Richtig. Die Molekularbiologie hat im Gegensatz zur Hochenergiephysik ein sehr inniges und sehr intensives Verhältnis zu ihren Objekten, in die ständig interveniert wird. Wenn bei einem molekularbiologischen Experiment ein Problem auftritt - und da treten ständig Probleme auf -, dann variiert man einfach die Methode und lässt die Objektwelt letztlich entscheiden, ob das klappt oder nicht. Das geht auch schnell, einfach und billig. In der Hochenergiephysik dagegen würde es ja noch einmal zwanzig Jahre dauern, das Experiment auf andere Weise zu wiederholen.

Macht es nicht auch einen Unterschied, dass es ein CERN gibt, aber Hunderte molekularbiologische Laboratorien?

Richtig. Während es in der Molekularbiologie sehr viele relativ kleine Laboratorien gibt, die in einem engen Konkurrenzverhältnis stehen, gibt es in der Physik im Moment fast ein Monopol, da auch die US-Amerikaner und die Japaner am CERN sind. Das führt dazu, dass die Konkurrenz weitgehend internalisiert ist, und das hat vor allem Konsequenzen für die Konsensfindung. Es wird vor allem zu Beginn dieser großen Experimente sehr viel gestritten - mit der Festlegung auf eine bestimmte Apparatur wird dann aber auch schon die Form der Resultate so hochgradig vorherbestimmt, dass aus diesen Experimenten kaum mehr etwas rauskommen kann, das "falsch" ist. Das kann in der Molekularbiologie sehr leicht der Fall sein, wo Konsensfindung stärker Marktmechanismen unterliegt.

Inwiefern unterscheiden sich diese beiden Kulturen hinsichtlich der Rolle des einzelnen Forschers?

Die Molekularbiologie ist eine weiterhin stark individualisierende Wissenschaft, auch wenn häufig die ganze Forschergruppe gemeinsam publiziert. Doch aufgrund der Reihung der Autoren ist klar, wer welche Rolle gespielt hat. In der Hochenergiephysik findet dagegen ein massiver Prozess der Kollektivierung statt.

Was hat man sich darunter vorzustellen?

Das ist im Grunde ein sehr einfacher Mechanismus: Die Hochenergiephysiker publizieren alphabetisch. Bei den Publikationen der so genannten LEP-Experimente gibt es vor dem Inhalt auf drei Seiten die Namen von rund fünfhundert Forschern, die als Autoren aufscheinen. Und auch wenn Einzelforscher wie Dissertanten, die ja aus Gründen ihrer Dissertationsqualifikation Einzelarbeiten übernehmen müssen, über ihre eigenen Forschungen publizieren, stehen auch wieder alle fünfhundert Namen in alphabetischer Reihenfolge drauf! Da findet also ein massiver Enteignungsprozess statt, der dadurch legitimiert ist, dass dieser Dissertant das nur machen konnte, weil er Daten des Gesamtexperiments verwendet hat. Außerdem ist sein Ergebnis nur relevant, wenn es wieder in das Experiment einfließt. Indem man aber die individuelle Autorenschaft eliminiert, wird ein Kooperationsprozess initiiert. Denn für die Forscher macht es keinen Sinn, Ideen für sich zu behalten und sich damit zu profilieren. Es geht stattdessen um das Teilen der Ideen, damit das Experiment insgesamt davon profitiert.

Was halten die von Ihnen beobachteten Forscher von solchen Ergebnissen? Trägt Ihr Buch möglicherweise zum "Krieg der Wissenschaften" bei - also diesem Streit zwischen Naturwissenschaftlern und Wissenschaftsforschern über die Natur wissenschaftlicher Erkenntnis?

Letzteres glaube und hoffe ich nicht. Vor allem auch deshalb, weil ich den Physikern und Molekularbiologen meine Manuskripte vorab zeigte und sie mir auch in bestimmten - allerdings meist technischen - Teilen Feedback gaben. Ich glaube, dass bei den Science-Wars einerseits vieles auf Missverständnissen beruht. Andererseits kam diese Diskussion wohl auch dadurch zustande, dass wir uns immer mehr auf eine Wissensgesellschaft zubewegen.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Wissen wird ein wichtiger Teil aller gesellschaftlichen Bereiche und damit nicht nur in der Wissenschaft produziert, sondern auch außerhalb davon. Das verändert umgekehrt die Stellung der Wissenschaft und gliedert sie in stärkerem Maße in die Gesellschaft ein, wodurch auch ihre Privilegien - z.B. das des Nicht-beobachtet-Werdens - verloren gehen. Das mag schon unangenehme Konsequenzen für jene Beteiligten haben, die immer noch dieses Storybook-Image der Naturwissenschaft vertreten.

Hängen auch die von Ihnen untersuchten Forscher einer solchen idealisierten Sichtweise an?

Viele von ihnen schwanken ständig: Zunächst einmal präsentieren sie das Storybookimage, und fünf Minuten später sagen sie Ihnen: "Ja natürlich, nichts funktioniert hier. Alles, was ich habe, sind Vermutungen." Es sind also oft die Forscher selbst, die ein sehr relativistisches, zum Teil auch pessimistisches Bild der Wissenschaft vermitteln.

Was haben Sie selbst nach all den Jahren der Laborbeobachtung für ein Bild von den Naturwissenschaften und ihren Vertretern?

Ich persönlich bin sehr wissenschaftsgläubig. Grundsätzlich glaube ich, dass Rationalität, Erkenntnis und Innovation wichtige Werte sind, die wir aufrechterhalten müssen. Die Wissenschaften sind ein System, das nicht nur aus ökonomischen Gründen wert ist, erhalten zu werden.

Und die Naturwissenschaftler - das sind sehr hart arbeitende Menschen. Ich sehe auch nach vielen Jahren der Erforschung solcher Populationen keinen Anlass, sie nicht weiterhin für den Einsatz, für die technische Kompetenz, auch für diese ungeheure Identifikation mit ihrer Arbeit zu bewundern.

Karin Knorr-Cetina: Epistemic Cultures. How the Sciences Make Knowledge. Cambridge/Mass. 1999 (Harvard University Press). 329 S., £ 14,50

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