Kulturwissenschaftskulturen: Blicke in den Spiegel

aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Die teilnehmende Beobachtung der Naturwissenschaftler ist zum methodischen Königsweg der Wissenschaftsforschung geworden. Wer aber beobachtet die Geistes- und Sozialwissenschaftler? Das müssen sie wohl nolens volens selbst übernehmen. Zwar thematisiert man etwa in der Geschichtswissenschaft seit 200 Jahren und mehr die Bedeutung der Perspektive bei der Wahrnehmung des Geschehens. Konsequent angewandt auf die eigene Tätigkeit hat man das aber nicht. "Allzu lange haben die Historiker die Geschichte ihres Faches mithilfe von Begriffen geschrieben, die sie selbst auf keinen einzigen Gegenstand angewandt hätten", schreibt der französische Historiker Roger Chartier seinen Kollegen ins Stammbuch. Die längst überfällige Aufarbeitung der innigen Verstrickungen der deutschen Geschichtswissenschaft mit dem Nationalsozialismus, die erst in den letzten Jahren und gegen große Widerstände eingesetzt hat, ist hierfür nun das schlagende Beispiel.

Aber es geht auch um die Gegenwart, um die - möglicherweise produktive - Einsicht, dass man als Forscher Teil des Geschehens ist. Das grundlegende Postulat der Wissenschaftsforschung, das der Selbstreflexivität, wird nun vermehrt in den Kulturwissenschaften aufgegriffen. Eine "Sozialgeschichte der Sozialgeschichte" oder eine "Frauenforschung der Frauenforschung" werden angestrengt. Oder eben eine Historische Anthropologie der Historischen Anthropologie.

Diese Forschungsrichtung beschäftigt sich mit menschlichen Grunderfahrungen; deswegen liegt die Frage, inwieweit Geschlecht, soziale und geografische Herkunft und Alter die wissenschaftlichen Zugänge mitbestimmen, eigentlich nahe. In diesem Sinne wird am Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) in Wien seit März ein vom FWF unterstütztes dreijähriges Forschungsvorhaben durchgeführt: "Reflexive Historische Anthropologie". Geplant sind Interviews mit Vertretern des Fachs verschiedener Generationen und Geschlechts in West- und Osteuropa. Die Frage, ob es sich hier um eine selbstverliebte Nabelschau handelt, hört Projektleiter Gert Dressel nicht zum ersten Mal. Lachen muss er aber immer noch. "Es handelt sich nicht um ein isoliertes Forschungsprojekt. Wir sind auch noch in andere Kommunikationszusammenhänge eingebunden. Und ich fände es furchtbar problematisch, wenn das jetzt alle machen würden", stellt er klar.

Dressel geht es auch um die Rückwirkungen der gegenwärtigen Bedingungen von Forschung auf die wissenschaftliche Arbeit. Was heißt es, wenn ein Wissenschaftler ohne feste Anstellung sich im Jahrestakt um neue Projekte und befristete Dienstverhältnisse bewerben muss? Wie beeinflusst dieses Antragsstakkato Fragestellungen und Ergebnisse? Das Projekt zielt also auf die Verwobenheit von Wissenschaft und Gesellschaft. Dies soll dann auch zu einer kritischen Reflexion des Wissenschaftsbetriebs selbst führen, sprich: von dessen unausgesprochenen Regeln und Machtverhältnissen. O. H.

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