Ein Tag im Leben für die Wissenschaft

Stichprobe: Viel beschäftigt sind sie, sicherlich. Aber was genau machen eigentlich Wissenschaftler den ganzen Tag? "heureka!" hat nachgefragt, am 13. April dieses Jahres.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Versuch der telefonischen Kontaktaufnahme mit einem Mediziner am Wiener AKH. "Im Moment ist er gerade auf Visite, um 12 Uhr Mittagesen, um 13 Uhr Seminar, um 15 Uhr dann Fakultätssitzung." Und dann? "Die kann länger gehen." Und morgen? "Fliegt er nach Japan." Aha.

Der Philosoph ist telefonisch nicht zu erreichen, aber er antwortet auf eine E-Mail. "Leider bin ich z.Zt. so im Stress (ich muss dieser Tage ein Kongresspaper für eine Tagung in den USA vorbereiten und gleichzeitig, unter höchstem Termindruck, eine Habilitation aus der BRD begutachten), dass ich mich aus Zeitmangel außerstande sehe, Ihrer Aufforderung, meinen Arbeitsdruck öffentlich zu präsentieren, nachzukommen."

Die Absage wird zur Antwort. Will man herausfinden, wie der Tagesablauf eines Wissenschaftlers aussieht, kann auch das Scheitern ein Erfolg werden. 60, 70 oder mehr Arbeitsstunden pro Woche sind die Regel, ein Großteil der Abende und Wochenenden geht dabei drauf. Die Arbeit folgt dem Wissenschaftler vom Büro oder Labor nach Hause, das Wort Freizeit kommt ihm nur selten über die Lippen. Was macht die Arbeitslast eines durchschnittlichen Wissenschaftlers aus?

Bereits eine kleine Stichprobe, ein kursorischer Blick auf einen normalen Arbeitstag wie den 13. April 2000 genügt, um zu sehen, dass Wissenschaftler sehr viel anderes tun, als nur Wissenschaft im landläufigen Sinne, also Forschung und Lehre zu betreiben. Die hier befragten Wissenschaftler, gleich ob Professorin oder Assistent, gleich ob Biologe oder Historikerin, verbringen bis zu 50 Prozent ihrer Zeit mit administrativen Tätigkeiten, wobei dieser Begriff unscharf ist und so unterschiedliche Dinge wie Verwaltungsarbeiten im engeren Sinne, Sitzungen von Gremien, aber auch "Forschungsmanagement",sprich die Organisation wissenschaftlicher Veranstaltungen etc.umfasst. Von der Ausarbeitung neuer Projekte samt entsprechender, oft langwieriger und aufwendiger Antragstellung ganz zu schweigen.

Vor diesem Hintergrund wird die Anziehungskraft von außeruniversitären Forschungsinstituten nur allzu verständlich. Karin Wirth, Postdoc am Institut für Molekulare Pathologie in Wien, kann sich ganz auf ihre "eigentliche" Arbeit konzentrieren: Transformation von Bakterien, Präparation von DNA, Elektrophorese, Mittagspause, Zellkultur, PCR (Polymerase Chain Reaction), am 13. April 2000 wird von 9 bis 22 Uhr ausschließlich geforscht, durchschnittlich 60 Stunden in der Woche.

Zum wissenschaftlichen Leben gehören auch die entsprechenden Kongresse. Die Zahl der "Tagungstage" übersteigt bei den meisten Befragten die der Urlaubstage bei weitem. Je nach Fachgebiet finden auch fast alle relevanten Events im Ausland statt, der Wissenschaftler wird zum akademischen Jetsetter. Dies verweist auch auf den "sozialen" Aspekt der Wissenschaft, die Kommunikation mit den Fachkollegen - ein oder zwei Stunden verbringt fast jeder von Ihnen damit, Briefezu diktieren und E-Mails zu versenden - und mit der Arbeit in der Gruppe. Hier differieren die Disziplinen jedoch sehr stark voneinander. Der typische Geisteswissenschaftler verbringt die meiste Zeit allein (und mit seinem Buch), in vielen Natur-, aber auch den Sozialwissenschaften verlangen die Forschungskontexte, dass ein gut Teil der Arbeitszeit im Team absolviert wird. Gleich ob im Team oder allein: Der größte Unterschied zu anderenBerufen liegt im großen zeitlichen Abstand zwischen Aktion und Wirkung, sei es zwischen Versuch und Erfolg, zwischen Antrag und Bewilligung (oder Ablehnung) eines Projekts oder zwischen Einreichung eines Papers und dessen Annahme (oder Zurückweisung), ganz zu schweigen von der langen Qualifikationsphase, bei der man sich oft ein halbes Leben lang gedulden muss, bevor man eine feste Anstellung erhält. Wissenschaft wäre dann die Kunst des aktiven Wartens.

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