Forschen ohne Ende

Homo Academicus Politicus. Wie wird man Politikwissenschaftler? Was macht man als solcher den ganzen Tag? Und wie sehen die Kontakte zu anderen Disziplinen aus? Eine Umfrage unter Politologen der Universität Wien als Porträt einer jungen Forschungsdisziplin.

Ulrike Kozeluh und Barbara Prainsack | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Was machen Politikwissenschaftler am Sonntag? Sie arbeiten. Eigentlich arbeiten sie fast immer: Eva Kreisky, Politologin an der Universität Wien, bringt es auf den Punkt: "Arbeit und Freizeit sind nicht zu trennen, man stößt ja im Alltag permanent auf ,Material'." Etwa wenn sie bei der morgendlichen Zeitungslektüre eine Annonce der Ärztekammer entdeckt, die Mädchen vom Medizinstudium abhalten will. Für Kreisky, die einen weiten Politikbegriff vertritt, sind die Bezüge zur Politik - und damit auch zu ihrer Wissenschaft - immer gegeben.

Dieses Phänomen der Untrennbarkeit von Forschung und Alltag ist in der Politikwissenschaft besonders ausgeprägt; sie ist aber auch in allen anderen so genannten "gesellschaftsrelevanten" Disziplinen gegeben: "Während in anderen Forschungsfeldern die Erkenntnisgewinnung eher materienimmanent erfolgt, definieren sich sozialwissenschaftliche Disziplinen schließlich vor allem über gesellschaftliche Veränderungen", meint der Politologe Walter Manoschek.

Die Verschränkung von Arbeit und Freizeit wird von der Mehrheit seiner Kollegen alspositiv empfunden - man ist sich des Privilegs durchaus bewusst, fürs Denken bezahlt zu werden. "An der Universität ist man im Wesentlichen ein staatlich finanzierter Privatgelehrter", sagt Herbert Gottweis und meint damit jene wissenschaftliche Unabhängigkeit, die auch für Emmerich Talos eine Voraussetzung für kritisches Forschen darstellt: "Wir sind privilegiert in der Hinsicht, dass wir uns mit den für uns interessanten Materialien beschäftigen können. Ich gebe mir selbst meine Themen vor, von deren gesellschaftspolitischer Relevanz ich auch überzeugt bin."

Wie wird man eigentlich zum Politologen? Die Antwort scheint einfach: durch ein einschlägiges Studium. Das gibt es aber erst seit den Siebzigerjahren. Davor waren die Wege zur Politikwissenschaft verschiedenartig: Der Weg der heutigen Professorengeneration führte zumeist über die Juristerei zu einer einschlägigen politikwissenschaftlichen Postgraduate-Ausbildung am Institut für Höhere Studien (wie bei Eva Kreisky, Karl Ucakar und Peter Gerlich). Andere kamen über die Ökonomie (wie Sieglinde Rosenberger) oder über die Theologie (wie Emmerich Talos).

Und was verbindet sie trotz dieser unterschiedlichen Grundausbildungen? Gemeinsam ist ihnen allen der Drang, Dinge verstehen zu wollen, und der Wunsch, wissenschaftliche Antworten auf politische Fragen zu finden. Aus der Sehnsucht nach dem Verstehen erwachsen dann wiederum politische Vorstellungen und vice versa. Emmerich Talos hat die ihn prägende soziale Sensibilität in der Familie erfahren, für Sieglinde Rosenberger waren private Lebensumstände der Anstoß zum wissenschaftlichen Engagement. Auch Herbert Gottweis hält die Politisierung durch die Familie als wesentlich für die Studienwahl.

Um das Nachdenken über Politik dann auch als akademische Disziplin betreiben zu können, bedarf es neben den genannten Voraussetzungen auch "der Bereitschaft, in einem relativ diffusen Bereich zu arbeiten", sagt Gottweis. Karl Ucakar ergänzt sarkastisch: "Die Spanne der Vorstellungen unter den Studienanfängern reicht vom berühmten Journalisten bis hin zum Bundespräsidenten. Solche Karrieren sind aber eher die Ausnahme. Manche studieren ja Politikwissenschaft, weil sie glauben, sie werden reich."

Berührungsängste mit anderen Disziplinen kennen Politologen kaum. Das liegt sicher auch daran, dass die Politikwissenschaft, wie Herbert Gottweis sagt, "an sich eine interdisziplinäre Wissenschaft" ist, gekennzeichnet durch Offenheit und Flexibilität. Sieglinde Rosenberger bestärkt diese Auffassung, wenn sie ergänzt, dass der Kontakt mit anderen Disziplinen Voraussetzung für ihre Arbeiten sei. Auch für Peter Gerlich sind interdisziplinäre Kontakte wichtig, obwohl er einräumt, dass diese zu Naturwissenschaftlern schwieriger herzustellen seien. "Dafür sind dievernünftiger. Die Sozial- und Geisteswissenschaftler hören sich dagegen gern reden, darum dauern unsere Besprechungen oft so lang."

Der Politologe findet es aber auch schade, dass die Scientific Communities an den hiesigen Universitäten nicht, wie in den USA üblich, zu ritualisierten Anlässen zusammenkommen und so ihre interdisziplinären Kontakte regelmäßig pflegen können. Sozial- und Geisteswissenschaftler empfindet er als geselliger als Angehörige anderer Disziplinen: "Wir sind naturgemäß Gruppentiere." Dieser Einschätzung würde Walter Manoschek nicht unbedingt zustimmen. Die Tatsache, dass in seinem Freundeskreis zu einem großen Teil Vertreter verwandter Fächer zu finden sind, begründet er damit, dass Freundschaften häufig durch berufliche Zusammenhänge entstehen. "Naturwissenschaftler haben vielleicht einen anderen Zugang zur Wissenschaft, aber das hindert einen ja nicht an einem gemeinsamen Sozialleben", meint dazu Eva Kreisky.

Das Selbstbild der Politologen scheint also vom Klischee der "Wissenschaft im Elfenbeinturm" weit entfernt zu sein. "Borniertheit ist immer eine Frage des Charakters der einzelnen Forscherpersönlichkeit und nicht seiner Disziplin", stellt Peter Gerlich fest. Politisches Denken braucht also mehr als ein Studium der Politikwissenschaft, meint auch Karl Ucakar. Er ist sich sicher, dass er auch ein politischer Mensch geworden wäre, wenn er Maschinenbau studiert hätte.

Ulrike Kozeluh (coolie62@yahoo.com) und Barbara Prainsack sind Absolventinnen des Instituts für Staats- und Politikwissenschaft der Universität Wien.

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