Barrieren für Karrieren

Nachwuchskrise. Durch den Aufnahmestopp an Österreichs Universitäten droht das innovative Potenzial ambitionierter Jungforscher verloren zu gehen. Über die triste Lage der Doktoranden und Postdoktoranden und über geplante Reformen, mit denen man der Misere beikommen will.

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Ob es einem Assistenten jemals gelingt, in die Stelle eines vollen Ordinarius und gar eines Institutsvorstands einzurücken, ist eine Angelegenheit, die einfach Hasard ist. Gewiss: Nicht nur der Zufall herrscht, aber er herrscht doch in ungewöhnlich hohem Grade. Ich kenne kaum eine Laufbahn auf Erden, wo er eine solche Rolle spielt." Das Meiste, was der deutsche Soziologe Max Weber vor mehr als 80 Jahren zum Thema "Wissenschaft als Beruf" zu Papier brachte, scheint bis heute unverändert Geltung zu haben.

Allenthalben wäre zu ergänzen, dass der Karrierepoker österreichischer Nachwuchswissenschaftler heute bereits beim Ergattern einer Assistentenstelle beginnt - und die Karten der Jungen besonders schlecht gemischt sind. Denn bedingt durch das stagnierende Budget an Österreichs Hohen Schulen hat sich die Zahl der Assistentenstellen von Juli 1995 bis Jänner 1999 von 7363 auf 7238,2 reduziert - ein Ende der Sparmaßnahmen ist zumindest im laufenden Jahr 2000 nicht absehbar. Dazu kommt, dass die meisten Vertreter des so genannten "Mittelbaus" in einem so genannten "dauerhaften Dienstverhältnis" stehen, was wiederum bedeutet, dass etliche Institute de facto auf Jahre hinaus "zupragmatisiert" sind - und der Zufall erst gar nicht walten muss.

Trotz dieses seit nunmehr fünf Jahren währenden De-facto-Aufnahmestopps an den Universitäten wird der Großteil der Forschungsarbeit weiterhin von Doktoranden und Postdoktoranden (Docs bzw. Postdocs) geleistet, und zwar nicht nur von jenen, die an der Universität als Assistenten beschäftigt sind. Zurzeit gibt es in Österreich rund 800 Doktoranden und 500 Postdocs, die im Rahmen eines vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geförderten Projekts angestellt sind. Solche Forschungsvorhaben im Bereich der Grundlagenforschung finden zum überwiegenden Teil unter der (unbezahlten) Leitung von Universitätsprofessoren statt; die untergeordneten Mitarbeiter werden aber direkt vom FWF finanziert. Das (meist fortgeschrittene) Alter dieser meist unselbstständig arbeitenden Docs bzw. Postdocs gibt einen weiteren Hinweis auf das eklatante Nachwuchsproblem der österreichischen Wissenschaft: Die Docs haben bereits durchschnittlich 30, die Postdocs bereits 35 Jahre auf dem Buckel, während es ihre Vorgesetzten auch schon auf 47 Lenze bringen.

Wenn man sich nun vor Augen hält, dass etwa die Nobelpreisträger aus dem Bereich der Biologie ihre herausragenden Arbeiten im Schnitt mit 36 Jahren abgeschlossen haben, dass die kreativste Phase in anderen Disziplinen gar noch früher anzusetzen ist, wird eine Überalterung der österreichischen Wissenschaft unübersehbar. Verstärkend kommt noch dazu, dass das österreichische wie auch das deutsche Universitätssystem grundsätzlich durch ein extremes Machtgefälle zwischen den Professoren und den von ihnen abhängigen Mitarbeitern geprägt sind.

Während hierzulande in den kreativsten Wissenschaftlerjahren Anpassung vor Originalität gefordert ist - und jungen Forschern nicht selten beschieden wird, ihr Projekt doch durch einen Professor einreichen zu lassen -, erklären forschungspolitische Experten die hohe Produktivität der britischen und US-amerikanischen Forschung dadurch, dass dort Wissenschaftler bereits in jungen Jahren eigenständige Projekte durchführen können.

Ein tristes Bild von der Situation der österreichischen Nachwuchsforscher zeichnet aber auch eine im Vorjahr veröffentlichte Studie der Österreichischen Hochschülerschaft, an der 664 Doktoranden der Universität Wien teilnahmen. Insbesondere im naturwissenschaftlichen Bereich klagen die Docs darüber, nach allen Regeln der Kunst ausgebeutet zu werden. Damit leben sie aber möglicherweise immer noch mit einem geringeren Übel als etliche ihrer Kollegen vor allem in den Geisteswissenschaften, die neben ihrer Dissertation meist oft noch einen fachfremden 40-Stunden-Job erledigen müssen - oder gleich von der Notstandshilfe leben.

Verschlechtert hat sich in den vergangenen Jahren aber auch die Lage für jene Nachwuchswissenschaftler, die über Lehraufträge zumindest einen Fuß in der Universität haben. Wie eine eben fertig gestellte Studie der Interessengemeinschaft Externer Lektoren und Freier Wissenschafter dokumentiert, hat durch den Rückgang der externen Lehraufträge die Zahl jener - zumeist jungen - Wissenschaftler zugenommen, die Forschung nur mehr "nebenberuflich" betreiben können.

Spricht man Sigurd Höllinger, den für die Universitäten zuständigen Sektionschef im neuen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, auf die wissenschaftliche Nachwuchskrise an, rennt man bei ihm offene Türen ein: "Ich bin fest davon überzeugt, dass es enorm wichtig ist, in ganz kurzer Zeit Abhilfe zu schaffen, damit die Schäden, die schon im Entstehen sind, nicht noch viel größer werden." Und noch ehe er dazu kommt, über Gegenmaßnahmen zu sprechen, bereichert er die Problemdiagnose um zahlreiche weitere Facetten.

Für Höllinger ist klar, dass sich eine Entspannung der Lage nur über einschneidende Veränderungen an den universitären Karrierestrukturen und dem geltenden Dienstrecht herbeiführen lässt. Der habilitierte Soziologe hatte für das vom Ex-Wissenschaftsminister Caspar Einem in Auftrag gegebene Grünbuch zur österreichischen Forschungspolitik aus diesen Gründen ein neues Laufbahnmodell ausgearbeitet, das zusätzliche befristete Assistentenstellen an den Universitäten vorsah und für mehr Austausch im Mittelbau sorgen sollte.

Dieses konkrete Modell scheint durch den Regierungswechsel zwar hinfällig geworden zu sein; allerdings finden sich auch in der Regierungserklärung von Schwarz-Blau einschlägige Maßnahmen zur Flexibilisierung der Mittelbaustrukturen. Geht es nach der alten Bildungs- und neuen Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer, dann sollen nach jeweils fünf Jahren die Planstellen für den Mittelbau frei werden und durch Neubesetzungen ausgetauscht werden können - "eine Formulierung, die verständlicherweise die Angehörigen des Mittelbaus nicht besonders freut", wie Höllinger ergänzt, dessen eigene Ideen im Wortlaut etwas diplomatischer ausgefallen waren.

Freilich gelte es noch zu bedenken, "dass es zwar Disziplinen gibt, bei denen das Überwechseln in andere Berufe außerhalb der Universität nach einigen Jahren Assistententätigkeit zur Normalität gehört. Es gibt aber auch eine große Mehrheit von Disziplinen, bei denen das akkurat nicht der Fall ist." Für eine ähnliche Sichtweise bzw. die förderungspolitische Notwendigkeit, zwischen verschiedenen Disziplinen stärker zu unterscheiden, plädiert auch die deutsche Geschlechter- und Wissenschaftssoziologin Theresa Wobbe - gerade auch im Hinblick auf die Geschlechterfrage.

Kein wirklicher Trost kann es sein, dass die Situation des Wissenschaftsnachwuchses in Deutschland möglicherweise noch krasser ist. In den Worten von Wobbe, die in den vergangenen Jahren ein Projekt über die Arbeitspraxis und die Karrieren von Frauen und Männern in der Wissenschaft koordinierte: "Da brechen einfach ganze Generationen weg."

Auch in Deutschland hat man eben erst begonnen, Gegenmaßnahmen zu planen. Elisabeth Gehrers Ressortkollegin Edelgard Bulmahn von der SPD hat erst kürzlich vorgeschlagen, dass es nach der Promotion so genannte Junior-Professuren geben soll, die mit zweimal drei Jahren befristet sind. Die Habilitation als nach wie vor entschneidendste Karrierehürde auf dem Weg zur Professur will sie ganz abschaffen, und bei den Professoren hat sie sich unbeliebt gemacht, weil sie Leistungslöhne statt Alterszuschläge fordert.

Für Theresa Wobbe, die im Rahmen ihrer Habilitation unter anderem die Universitätssysteme Kontinentaleuropas mit jenem der USA nach Karrierebedingungen für Männer und Frauen verglichen hat, gehen diese Vorschläge zumindest zum Teil in die richtige Richtung. Auch sie hält die Postdoc-Phase für das neuralgische Stadium bei den gegenwärtigen deutschen Laufbahnmodellen: "Offene Universitätssysteme wie die USA sind viel besser in der Lage, Frauen und Minderheiten adäquate Karrierechancen zu geben."

Was die Abschaffung der Habilitation angeht, ist die frisch gebackene Ordinaria an der Universität Erfurt allerdings skeptischer, auch wenn Wobbe ebenfalls dafür plädiert, ihr den alles bestimmenden Status in der Universitätskarriere zu nehmen: "Wenn man die Habilitation jetzt wegfallen lässt, was passiert mit der unglaublichen Menge an promovierten Wissenschaftlern?"

Sigurd Höllinger sieht andere Probleme, die mit der Abschaffung dieses Relikts verbunden wären: "Die Habilitation ist im bestehenden Recht ein Kriterium, das vom Zugang zu Leitungsfunktionen bis hin zur Besoldung nahezu alles steuert. Wenn man an der Habilitation irgendetwas ändern würde, dann fiele das bestehende Rechtssystem in sich zusammen." Daher habe es jetzt nicht sehr viel Sinn, nach der Abschaffung der Habilitation zu rufen - auch wenn es in Zukunft für Wissenschaftler schon früher in der Karriere die Möglichkeit zu geben sollte, in leitende Funktionen im Forschungsbetrieb bzw. in der Organisation der Universitäten zu gelangen, wie Höllinger betont.

Seine diesbezüglichen Hoffnungen ruhen auf der geplanten Vollrechtsfähigkeit der Universitäten, die dann endlich auch ein Ende des schwerfälligen Dienstrechts bringen sollte.

Bleibt nur zu hoffen, dass es bis dahin nicht zu spät ist.

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