Karrieren in Japan: Rigidität und Abhängigkeit

Robert Triendl / Tokio | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Die Universitäten des deutschen Kaiserreichs waren um 1900 erklärtes Vorbild für die japanische Wissenschaftspolitik. Vor allem in Sachen Rigidität und Autoritarismus war man Deutschland bald ebenbürtig: Die Professorenschaft an Japans Universitäten herrschte unumschränkt und absolut; von den unteren Rängen wurde erwartet, sich zu fügen. Wer es hingegen geschafft hatte, sich die Gunst seines Professors zu sichern, der bekam auch meist gleich dessen Tochter als Draufgabe.

Auch wenn die japanischen Universitäten in der Zwischenzeit längst zu Masseninstitutionen geworden sind - Paternalismus und Rigidität sind geblieben, vor allem was Karrieren und den akademischen Arbeitsmarkt angeht. Das bestätigt auch der US-amerikanische Anthropologe Samuel Coleman, der über mehrere Jahre hinweg japanische Biowissenschaftler in verschiedenen institutionellen Umfeldern beforscht hat.

Die in "Japanese Science" untersuchten außeruniversitären Institute boten von Anfang an nur zeitlich begrenzte Positionen an; sie stellten aber oft auch die letzte Möglichkeit dar, um überhaupt Forschung betreiben zu können. Paradoxerweise waren das die besten Arbeitsbedingungen, die man als junger Biowissenschaftler Anfang der Neunzigerjahre in Japan vorfinden konnte - aber eben keine Zukunft. Doch ein Anspruch auf eine stabile Universitätsposition ließ sich nur schwer erkaufen.

Tatsache ist, dass die öffentliche Forschung in Japan nach wie vor zum überwiegenden Teil von Universitäten bestimmt ist; mehr als 170.000 Wissenschaftlern in nationalen und privaten Hochschulen stehen gerade 20.000 Kollegen in öffentlichen Forschungslabors gegenüber. Gut 20 Milliarden Schilling werden dafür jährlich vom japanischen Unterrichtsministerium ausgegeben. Kaum jemand glaubt aber, dass es bei der Mittelvergabe mit rechten Dingen zugeht. Eine kleine Anzahl von mächtigen Professoren vor allem an der Universität Tokio, so wird gemunkelt, habe ihre Hände im Spiel.

Verbindungen spielen auch bei der Postenvergabe eine wesentliche Rolle. Wer von außen kommt, hat es meist ebenso schwer wie als Frau - es sei denn, die Bewerberin ist Tochter, Ehefrau oder Assistentin eines bekannten Wissenschaftlers. Ausländer in pragmatisierten Positionen in staatlichen japanischen Universitäten sind eine allzu rare Spezies: Der Nachwuchs kommt beinahe ausschließlich aus den eigenen Reihen.

Die Rekrutierungspyramide in japanischen Hochschulen steht also, wie auch in vielen kontinentaleuropäischen Ländern, auf einer denkbar schmalen Basis. Über die letzten Jahren hinweg wurde in einer Reihe von Initiativen versucht, die Mobilität von Wissenschaftlern zu erhöhen - etwa mit 10.000 neuen Post-Doc-Stellen oder dadurch, dass neue Forschungsinstitutionen oft nur noch zeitlich begrenzte Verträge anbieten.

Diese neue Mobilität ist indes nicht ohne Gefahr: Junge Nachwuchswissenschaftler sind nach dem Ende solcher zeitlich begrenzter Jobs erst recht wieder auf der Suche nach einer stabilen Position in einer nationalen Universität - und damit neuerlich auf die Hilfe eines Mentors angewiesen. Das bedeutet aber meist nichts anderes als eine Zuspitzung der paternalistischen Abhängigkeitsverhältnisse.

Samuel Coleman: Japanese Science: From the Inside. London 1999 (Routledge). 214 S., £ 55,

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige