Herz und Hirn, Himmel und Hölle

Forscherpaare. Die Ehe von Marie und Pierre Curie ist das Paradebeispiel für eine geniale Forscherbeziehung. Doch nicht immer geht die Sache gut, wenn eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler sowohlden Schreibtisch, wie auch das Bett teilen.

Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Für Pierre Curie war Forschung von früh auf Familiensache. Als Kind sammelte der spätere Nobelpreisträger Pflanzen und Kleintiere, die er mit seinem Vater Eugene, einem Arzt, bestimmte und untersuchte. Mit dem Studium an der Sorbonne begann für Pierre eine mehrjährige Zusammenarbeit mit seinem Bruder Jacques. Sie assistierten im gleichen Labor und publizierten gemeinsam ihre ersten Entdeckungen. Kaum Mitte zwanzig trennten sich jedoch ihre Wege, und in Pierres Leben blieb eine Lücke. Seine Forschungen waren zwar erstklassig, aus Angst vor Oberflächlichkeit und Fehlern veröffentlichte er aber nur wenig davon, und wiederholt kamen ihm andere zuvor.

Nach dem Tod seiner Jugendliebe war Pierre Curie zunächst entschlossen, unverheiratet zu bleiben, er klagte, dass "Frauen mit Genie rar sind", und fürchtete, dass eine unerfüllte Ehe negative Folgen für seine Arbeit haben würde. Dann allerdings trat eine junge Polin in sein Leben, die in Paris auf der Suche nach einem Laborplatz war. Ihr Ehrgeiz und ihr beherztes Zupacken waren genau die Eigenschaften, die ihm fehlten. Umgekehrt fand Maria Sklodowska Gefallen an der Nachdenklichkeit des verträumten Franzosen - und gemeinsam konnten sie ihr Potenzial verwirklichen.

Durch die Verleihung des Nobelpreises für Physik wurden Pierre und Marie Curie 1903 wider Willen zu Stars. Das forschende Ehepaar gab dem schwierigen Thema Wissenschaft eine menschliche Seite. Drei Jahre später starb Pierre bei einem Unfall. Marie Curie forschte zwar alleine erfolgreich weiter, erhielt 1911 einen zweiten Nobelpreis, doch ihr fehlte ein intellektueller Partner. Sie fand ihn in ihrer ersten Tochter, die sie bald zu ihrer Assistentin machte. Irene Curie teilte 1937 mit ihrem Mann Frederic Joliot den Nobelpreis für Chemie und im Gegensatz zu ihren Eltern - für die bloß Pierre vor der Stockholmer Akademie gesprochen hatte - auch die Dankesrede.

Nicht immer gelingen Wissenschaftler-Ehen so gut wie die der Curies bzw. Joliots. Und nicht selten wird darüber gestritten, von welchem Teil nun welcher Beitrag zur Wissenschaft stammte.

Keine Zärtlichkeiten So wagte Desanka Trbuhovic-Gjuric 1969 in ihrem Buch über Albert Einsteins erste Frau Mileva Maric' zu behaupten, dass diese die vergessene Mutter der Relativitätstheorie gewesen sei. Das nationalistisch gefärbte Buch blieb unbeachtet, ehe es vierzehn Jahre später in deutscher Übersetzung erschien. Die Medien stürzten sich, überwiegend unkritisch, auf die unbelegbaren Auslassungen der mittlerweile verstorbenen serbischen Autorin.

Mileva Maric' hat das anspruchsvolle Physik-Studium in Zürich nicht durchgestanden. Ihre voreheliche Mutterschaft einer weggegebenen Tochter dürfte dafür mitverantwortlich gewesen sein. Maric hat nichts Wissenschaftliches veröffentlicht, und auch ihr 1986 entdeckter Briefwechsel mit Einstein lässt beim besten Willen nicht auf einen Forschungsbeitrag von ihr schließen. Das Scheitern ihrer Ehe wirft höchstens ein Licht auf den Menschen Einstein, der seiner ersten Frau in den Jahren vor der Scheidung schriftlich Benimmregeln aufnötigte (siehe Kasten S. 15).

Auch die Ehe der Chemiker Fritz Haber (1868-1934) und Clara Immerwahr (1870-1915) ist in den kritischen Blick der Biografen geraten. Immerwahrs Selbstmord 1915 wird als ohnmächtiger Protest gegen den Gaskrieg interpretiert, obwohl die wenigen Quellen, die Immerwahr hinterlassen hat, diese These nicht wirklich stützen. Plausibler erscheint eine Entfremdung zwischen dem auf seine Karriere fixierten Haber und seiner in Breslau promovierten Gattin. Immerwahr konnte im preußischen Berlin, wo Frauen bis 1908 nicht einmal studieren durften, wissenschaftlich nicht Fuß fassen. Ihr einflussreicher Mann hätte ihr helfen können, sah seine Gattin aber lieber auf häusliche und gesellschaftliche Pflichten beschränkt.

Warum waren die Ehen der Curie-Dynastie so fruchtbar und die zwischen Haber und Immerwahr, Einstein und Maric' nicht? Taugt die Ehe als akademische Lebensform, obwohl viele Universitäten die gleichzeitige Beschäftigung Verheirateter ausschließen? Es scheint von den Familiengeschichten der Partner abzuhängen und davon, wie sie sich mit ihrem Ehemodell in ihrem Umfeld behaupten. Damit ist freilich alles und nichts gesagt - und die Antwort liegt im biografischen Detail.

Zugang durch Ehe Anfangs ging es der feministischen Forschung darum, die Forschungsbeiträge von Frauen überhaupt sichtbar zu machen. Der traditionellen Wissenschaftsgeschichte ähnlich, lief das mitunter auf die Würdigung großer Köpfe hinaus, nur dass es sich um Frauen statt Männer handelte. Bald wurde aber auch konstatiert, dass die Männer den Frauen in der Wissenschaft nicht nur im Weg standen. Da waren Väter, die ihre Töchter aufklärten und liberal aufzogen. Und es war die Institution der Ehe, die Frauen überhaupt erst ermöglichte, an der Wissenschaft teilzuhaben. Etwa in der Astronomie, die bis ins 18. Jahrhundert familiär organisiert war. Sternwarten wurden wie Handwerksbetriebe geführt, und manche Ehefrau wirkte mehr oder weniger gleichberechtigt mit.

Im 19. Jahrhundert gingen junge Frauen Scheinehen ein, um mit ihren Männern oder zumindest deren Erlaubnis in Länder reisen zu können, wo sie studieren durften. Weiter als bis zur mitforschenden Ehefrau konnten sie es freilich nicht bringen. Und selbst das wurde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ungern gesehen: Der Biochemiker Carl Cori (1896-1984) beispielsweise schlug mehrere gute Stellen aus, weil er auf die Zusammenarbeit mit seiner Frau verzichten sollte. Obwohl Gerty Cori (1896-1957) auch alleine erstklassige Aufsätze publizierte, richtete sich das Paar an Carls Karriere aus. Sie erhielt als Assistentin nur ein Zehntel von seinem Gehalt. Immerhin: Als die Washington-Universität in St. Louis 1947 von der bevorstehenden Verleihung des Nobelpreises an das Ehepaar erfuhr, wurde Gerty Cori rasch zur Professorin befördert.

Dass eine begabte Forscherin um die Jahrhundertwende in Paris nicht automatisch Karriere machte (wie Marie Curie), aber in Berlin auch nicht zum völligen Scheitern verurteilt war (wie Clara Immerwahr), zeigt das Beispiel von Cecile Vogt, gebürtige Mugnier. Ihren Mann lernte sie kennen, als er einen Gastvortrag in Paris hielt, wo man auf ihrem gemeinsamen Gebiet, der Hirnforschung, weiter war als in Berlin. Cecile ergänzte Oskar Vogt in seinen Interessen, sie heirateten 1899 in Berlin.

Dort bauten sie mit Förderung durch den Industriellen F. A. Krupp, den er ärztlich behandelte, die Neurologische Centralstation auf, die durch Fusionen und Erweiterungen zum Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung wuchs. Doch in Preußen blieb Cecile Vogt bei wissenschaftlichen Veranstaltungen lange ohne Rederecht. Dank ihres anerkannten Ehemanns wurde ihr immerhin gestattet zuzuhören und - weil er eine Zeitschrift und eine Reihe herausgab - unter eigenem Namen zu publizieren, während andere mitforschende Gattinnen noch lange auf ihre Nennung im Vorwort reduziert blieben.

Der Matilda-Effekt Zu Lebzeiten waren sowohl Oskar als auch Cecile Vogt anerkannt. Die Biografin des deutsch-französischen Paares, Helga Satzinger, hat bemerkt, dass sich die Anerkennung nach Oskars Tod merkwürdig zu seinen Gunsten verschoben hat und Leistungen von Cecile zunehmend ihm angerechnet wurden. In Anlehnung an den "Matthäus-Effekt", nach dem etablierte Wissenschaftler alleine aufgrund ihrer Reputation mehr Aufmerksamkeit ernten, als ihrer tatsächlichen Arbeit entspricht, hat die US-amerikanische Soziologin Margaret Rossiter für diese Entwertung der Leistungen der Ehefrauen den Begriff"Matilda-Effekt" geprägt.

Manche Ehe zwischen Wissenschaftlern begann als Lehrer-Schüler-Verhältnis. Daraus entwickelte sich oft eine intellektuelle Arbeitsteilung, in der der Ältere - meist der Mann - die theoretische Seite und das Schreiben übernahm und die Experimente seiner jüngeren Partnerin überließ. Solche Paare wurden im Kollegenkreis akzeptiert. Schwerer hatten es Frauen, die ihren eigenen Kopf durchzusetzen versuchten.

Bei ihrer Heirat hatte Amalie Dietrich (1821-1891) weder botanische noch sonstige wissenschaftliche Vorkenntnisse. Mit den Jahren überholte sie ihren Mann, ihren Lehrmeister, und trennte sich, als er ihr die Anerkennung verweigerte, von ihm. Ihre Sammlung pflanzlicher und tierischer Präparate, vor allem von Forschungsreisen nach Australien, brachte ihr viel Anerkennung und eine Stelle in einem Museum. Als sie ihrem früheren Mann anbot, ihr Assistent zu werden, lehnte Wilhelm Dietrich zwar ab, gestand aber seine frühere Selbstüberschätzung ein.

Schwedisches Scheinheiligtum Um gleichberechtigt zu leben und zu forschen, experimentierten viele Forscherpaare mit der Erziehung ihrer Kinder. Kinderlosigkeit war nämlich auch in Ehen zwischen Wissenschaftlern die Ausnahme. Oft teilte man sich die Betreuung und Unterrichtung der Kinder mit Familien im Kollegenkreis. Der Philosoph Bertrand Russell und die Mathematikerin Dorothy Wrinch gründeten dazu sogar eine Schule, die allerdings finanziell ein Desaster wurde und das Paar entzweite.

Der Volkswirtschaftler Gunnar Myrdal (1898-1987), Wirtschafts-Nobelpreisträger 1974, und die Psychologin Alva Myrdal (1902-1986), die 1984 den Friedensnobelpreis erhielt, wurden in Schweden in den Dreißigerjahren berühmt, als sie die Ursachen des schwedischen Bevölkerungsrückgangs analysierten und Reformen vorschlugen, die den späteren Wohlfahrtsstaat prägten. Die beste PR für das Buch war, dass Alva kurz nach dem Erscheinen eine Tochter bekam.

Ihre Publikationen über familiäres Zusammenleben wurden den Myrdals viele Jahre später allerdings als Scheinheiligtum ausgelegt, als ihr Sohn in gleich drei Büchern seine Eltern für seine unglückliche Kindheit anprangerte. Auch eine der Töchter legte in einer Biografie das wahre Leben der Mutter hinter der öffentlichen Fassade bloß. So ließ sich manche schöne Vorstellung im Leben nicht verwirklichen. Und das lag eben nicht nur an der Gesellschaft. Sondern auch an den Männern und Frauen selbst.

Ulla Fölsing: Geniale Beziehungen. Berühmte Paare in der Wissenschaft. München 1999 (Beck'sche Reihe). 180 S., öS 145,-.

Helena M. Pycior, Nancy G. Slack und Pnina G. Abir-Am (Hg.): Creative Couples in the Sciences. New Brunswick 1996 (Rutgers University Press). 369 S., US-$ 18,95 Helga Satzinger: Die Geschichte der genetisch orientierten Hirnforschung von Cecile und Oskar Vogt in der Zeit von 1895 bis 1927. Stuttgart 1998 (Deutscher Apotheker Verlag). 345 S., öS 329,-.

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