Anleitung zur Intrige

Campusroman. Wenn Wissenschaftler Universitätsromane schreiben, ist das wie ein Blick hinter die Kulissen. Nach anglo-amerikanischem Vorbild entdeckt nun auch die deutsche Literatur die Hochschule als Tummelplatz der niederen Leidenschaften.

Daniela Schmeiser | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Zum Stichwort "Hochschule" fallen Ihnen spontan eher fade Dinge wie Ausbildungsreform oder Studiengebühren ein? Vor Ihrem geistigen Auge erscheinen gestresste Professoren, Studenten in Examensnot und Warteschlangen vor dem Kopiergerät?

Womöglich haben Sie völlig falsche Vorstellungen. Denn einen ganz anderen Eindruck vermitteln jene literarischen Neuerscheinungen, die sich dem Thema Universität verschrieben haben. An einschlägigen Titeln wie "Amoklauf im Audimax" oder "Die Intrige. Ein Campusroman" lässt sich der Trend ablesen, die Universität zum Schauplatz von zwischenmenschlichen Turbulenzen zu machen - es wird gehasst, geliebt, gemobbt und gemordet, dass dem Leser, der die Uni bislang für einen Ort ernsthaften Wissenserwerbs hielt,Hören und Sehen vergeht.

Während die Entdeckung der Institution Hochschule durch die Literatur im deutschsprachigen Raum ein relativ neues Phänomen darstellt, ist das Genre des Universitätsromans in den anglo-amerikanischen Ländern fest etabliert und hat eine bemerkenswerte Vielfalt an unterschiedlichen Texten hervorgebracht. Die Bandbreite reicht von harmlosen Genrebildern über satirische Sozialstudien bis hin zu hoch reflektierten Auseinandersetzungen mit wissenschaftlichen Inhalten.

Dass der angelsächsische Campusroman zu solcher Eigenständigkeit gelangen konnte, hat vor allem zwei Gründe: Die Hochschulen im britischen und US-amerikanischen Bildungssystem stellen nicht nur reine Lehranstalten dar, sondern zugleich auch eigene gesellschaftliche Subsysteme mit speziellen Lebensformen. Als sozialer Mikrokosmos bietet sich das Campusleben für eine literarische Gestaltung geradezu an.

Mindestens so bedeutsam ist jedoch die Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil gerade der neueren Universitätsromane von Autoren stammt, die selbst zum akademischen Lehrpersonal zählen, wobei Geisteswissenschaftler klar in der Mehrheit sind. Offensichtlich schlägt sich hier das unverkrampfte Verhältnis angelsächsischer Wissenschaftler zur populären Vermittlung nieder, das auf demKontinent keine Entsprechung findet.

Während etwa der Hamburger Anglist Dietrich Schwanitz bei seinen Kollegen für ausgesprochen negatives Aufsehen sorgte, als er 1995 seinen Roman "Der Campus" - gewissermaßen den Prototyp des deutschen Universitätsromans - veröffentlichte, gehören solche akademischen Selbstreflexionen an britischen Hochschulen zur guten und geschätzten Tradition. Gerade die beiden bekanntesten Vertreter des britischen Campusromans, David Lodge und Malcolm Bradbury, lehrten selbst jahrelang als Literaturwissenschaftler und publizierten in dieser Zeit sowohl wissenschaftliche als auch literarische Beiträge.

Das Bedürfnis der akademischen Autoren nach Klärung des eigenen Selbstverständnisses als Wissenschaftler zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sich ihr Romanpersonal zum überwiegenden Teil aus Geisteswissenschaftlern zusammensetzt. Die persönlichen Probleme dieser Protagonisten spiegeln die Probleme ihrer eigenen Disziplinen wider.

Sefton Goldberg beispielsweise, die Hauptperson in Howard Jacobsons tragikomischem Roman "Coming from behind" (1983), muss die deprimierende Erfahrung machen, dass er als Dozent für englische Literatur einer Fachrichtung angehört, deren Existenzberechtigung an seiner reformistischen polytechnischen Hochschule zunehmend infrage gestellt wird. Parallel zur Deklassierung seines Fachbereichs, der schließlich in die Baracke des lokalen Fußballvereins verlegt wird, vollzieht sich auch Seftons Desillusionierung: Er geht seiner Lehrtätigkeit nur noch widerwillig und schlampig nach und widersetzt sich dadurch passiv.

Der scheinbar endlose Siegeszug der Naturwissenschaften, die sich immer wieder verändernden bildungspolitischen Ideale und der Druck zur Vermittlung marktgerechter Fähigkeiten lösen bei den Roman-Geisteswissenschaftlern permanent Verunsicherungen aus. Verstärkt wird diese düstere Bestandsaufnahme noch durch die Charakterisierung des Universitätsbetriebs als Schauplatz von Konkurrenzkämpfen, Postenschacherei und Machtspielen. Menschliche Unwägbarkeiten, denen sich jeder Forscher im Laufe seines Lebens mehr oder weniger stark ausgesetzt sieht, werden satirisch verdichtet, um das System Universität als ein komplexes und verfängliches Geflecht aus Abhängigkeiten und Hierarchien zu entlarven.

Während der klassische Universitätsroman noch fest auf das Setting des lokalen Campus bezogen ist, spielt Lodges Roman "Small World" (1984) an zahlreichen Schauplätzen auf der ganzen Welt, an denen sich die internationalen Mitglieder einer höchst reisefreudigen Scientific Community zu ihren Tagungsritualen treffen. Indessen deutet Lodge an, dass dieser agile Konferenztourismus nicht zuletzt dazu dient, die allgegenwärtig drohende Sinnkrise der Geisteswissenschaften zu überspielen: Der Wissenschaftsbetrieb wird um seinerselbst willen am Laufen gehalten; Wissenschaft wird zum selbstbezüglichen Spiel abgeklärter Zeitgeist-Akademiker.

Satire ist seit jeher ein wesentlicher Bestandteil des typischen Universitätsromans; Ausmaß und Funktion der satirischen Elemente lassen jedoch gewisse Rückschlüsse auf die Schreibmotivation des akademischen Autors zu. Das Beispiel Schwanitz zeigt, wie sich die Schärfe des ironischen Angriffs auch aus dem Wunsch nach Abrechnung speist. Schwanitz, der die deutsche Universität in Zeitungsbeiträgen gern als "Biotop der Mittelmäßigkeit" geißelt, hatte sich zum Zeitpunkt des Erscheinens seines ersten Romans derart mit seinen Kollegen überworfen, dass ihm nach eigener Darstellung nur noch der Rückzug von der Professur übrig blieb. In seinem am angelsächsischen Universitätsroman geschulten Erstling "Der Campus" inszeniert er die Institution Universität genüsslich als durch und durch korruptes System; der Leser erfährt mehr über die Kunst der Intrige als über die Hochschule selbst.

Zu den literarisch anspruchsvollsten Vertretern der Gattung gehören zweifellos die Campusromane von David Lodge und Malcolm Bradbury. Diese beiden literaturtheoretisch versierten Autoren verfassen ihre Romane auch zum Zwecke der Erprobung und praktischen Weiterentwicklung ihrer theoretischen Positionen. Durch das Konzept der "layered fiction" wird gleichzeitig verbürgt, dass das Lesevergnügen des Nichtliteraturwissenschaftlers stets gewährleistet bleibt. So lässt sich "Small World" von David Lodge nicht nur als unterhaltsame Wissenschaftssatire lesen, sondern auch als Inszenierung eines eigenständigen literaturwissenschaftlichen Diskurses; zugleich leistet dieser Roman schließlich auch eine Metareflexion über das Funktionieren seiner eigenen Sinnerzeugung. Nicht zuletzt diese Fähigkeit zum Anlagern von Sinn dürfte es wohl sein, der Universitätsromane ihre Beliebtheit bei akademischen Autoren und Lesern verdanken.

Daniela Schmeiser (daniela.schmeiser@student.uni-tuebingen.de) ist Germanistin an der Universität Tübingen und arbeitet vor allem zur Literatur des 20. Jahrhunderts. Als Verfasserin von Campusromanen ist sie bisher noch nicht in Erscheinung getreten.

Uni-Romane: Best of Campus David Lodge: Kleine Welt. Eine akademische Romanze. Zürich 1996 Amüsant-boshafte Satire über vergnügungssüchtige Akademiker, den internationalen Tagungsbetrieb und literaturwissenschaftliche Moden.

David Lodge: Saubere Arbeit. München 1994 (Heyne) Der preisgekrönte Roman konfrontiert eine englische Provinzuniversität mit den pragmatischen Gesetzen der Marktwirtschaft.

Malcolm Bradbury: Der Geschichtsmensch. Stuttgart 1989 (Klett-Cotta) Eine bitterböse Abrechnung mit dem akademischen Achtundsechziger-Establishment.

Dietrich Schwanitz: Der Campus. Frankfurt/M. 1995 (Eichborn) Bereits ein Klassiker des Genres. Reichlich tendenziöse, aber gekonnte Satire.

Amanda Cross: In besten Kreisen. München 1999 (dtv) Die weibliche Perspektive: Sowohl Autorin als auch Hauptperson dieses Campuskrimis sind Literaturprofessorin.

Carl Djerassi: Cantors Dilemma. Zürich 1991 (haffmans) Der Erfinder der Antibabypille beschreibt typische Verhaltensweisen und Antriebskräfte von (Natur-)Wissenschaftlern. Etwas schematisch, aber aufschlussreich.

Marcel Beyer: Flughunde. Frankfurt/M. 1996 (Suhrkamp) Ein Stimmenforscher in Nazi-Deutschland: literarisch differenzierte Studie über die unmenschliche Seite der Wissenschaft.

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