Interview mit Wendelin Schmidt-Dengler: "Der Phallus ist zugedeckt"

aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Einen Campus hat die Universität Wien nun ja. Dass damit auch der literarische Nährboden für das Gedeihen des Campusromans bestellt ist, bezweifelt Wendelin Schmidt-Dengler allerdings: zu viel Auslauf, kein Stall-Effekt. Was das Verhältnis von Literatur und Wissenschaft(lern) angeht, hat sich der Wiener Germanist vor allem mit den österreichischen "Ingenieurdichtern" des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts beschäftigt, mit Robert Musil, Hermann Broch und Rudolf Brunngraber. Die noch immer maßgeblichen Bilder des Gelehrten sind für ihn aber bereits durch die Antike vorgegeben - abgesehen vom Sextouristen in den Romanen von David Lodge.

heureka!: Hat sich die literarische Figur des Gelehrten stark gewandelt?

Schmidt-Dengler: Wenn ich boshaft sein wollte, würde ich sagen, dass seit der Antike substanziell wenig Neues dazugekommen ist. Da ist erstens die Geschichte vom Philosophen Thales, der in die Grube fällt und von der Thrakerin verlacht wird. Das ist die Ursituation, die Weltfremdheit des Gelehrten. Aber er ist in der Lage, das Wetter zu berechnen und daher auch Nutzen zu stiften. Der zweite Urtext ist Aristophanes' "Die Wolken", in dem Sokrates in seinem Denkgehäuse sitzt und die Länge des Flohsprungs misst. Dieser abgezirkelte Bereich mit seinen abstrusen Tätigkeiten, herausgeschnitten aus dem gesellschaftlichen Leben, zieht sich durch die ganze Gelehrtensatire, vom sokratischen Denkgehäuse bis zum Campus.

Reflektiert die Literatur nicht auch Veränderungen in der Rolle des Wissenschaftlers?

Die Literatur zeichnet weniger den realen Wissenschaftler als den dämonisierten. Der Wissenschaftler als Zauberer ist eine weitere zentrale Figur, gerade in der Romantik. Das sind keine eindeutig rational-positiv gezeichneten Figuren. Denken Sie an Frankenstein. Der ganze Komplex der Menschheitserzeugung kommt freilich auch aus der Antike, der Pygmalion-Mythos nimmt die Virtual Reality schon vorweg.

Was interessiert die Literatur am Typus des Forschers?

Die Literatur thematisiert ja auch immer das Scheitern dieser Figuren. Die Forscher brechen die Verbindungen zur sozialen Praxis ab, um sich selber ihre Identität zu schaffen. Dann wollen sie zurück in die Gesellschaft, was ihnen nicht gelingt. Im "Mann ohne Eigenschaften" wird das treffend in der Figur des Arnheim charakterisiert, der alles sein will. Der Ironiker Musil zeigt, dass dies unmöglich ist. Die Tragödie der Wissenschaftler ist die Spezialisierung.

Der Wissenschaftler als bedauerlicher Tropf?

Kein Berufsstand muss eine derartige Deformation professionnelle ertragen wie der Gelehrte. Durch die lange Beschäftigung mit einem Gegenstand muss er sich von allen anderen Dingen absentieren. Und diese Deformation nimmt die Literatur als Erste wahr. Wenn man sich die Gelehrten anschaut, versuchen sie alle diese Deformation zu kompensieren. Sie spielen Jazztrompete oder laufen Marathon.

Also nichts Neues unter der literarischen Sonne?

Die Sexualität kommt hinzu. Der Dottore der Commedia dell'Arte, der die extreme Form der Gelehrsamkeit verkörpert, ist eigentlich ein geschlechtsloses Wesen. Der Phallus ist zugedeckt. Im Gegensatz dazu spielt im Campusroman Sexualität eine ganz große Rolle. Bei Lodge sind das ja fast Sextouristen, wenn die Professoren von Kongress zu Kongress reisen. Und dass sich der Professor in eine Studentin verliebt und sie dann heiratet, ist ja eine an den US-Unis empirisch feststellbare Tatsache. Auf dem Campus trifft man dauernd dieselben Menschen, das ist fast ein Stall. Wir haben kein Campussystem, und das erzeugt auch in der Literatur etwas ganz anderes. Hier in Wien hat man freien Auslauf.

Aber der Campusroman ist doch nun auch in der deutschsprachigen Literatur en vogue.

Darum habe ich bisher einen Bogen gemacht. Ich bin ein begeisterter Leser der US-amerikanischen "academic novel", der Campusroman scheint mir bloß ein deutscher Ableger. Dieses Vorurteil habe ich mir erhalten. Und da ich, wie ich glaube, die Verhältnisse im deutschsprachigen Raum einigermaßen zu kennen, brauche ich das nicht auch noch in Romanform.

Interview: O. H.

Wendelin Schmidt-Dengler (Hg.): Fiction in Science - Science in Fiction. Zum Gespräch zwischen Literatur und Wissenschaft. Wissenschaftliche Weltauffassung und Kunst Band 3. Wien 1998 (Hölder-Pichler-Tempsky). 137 S., öS 218,-.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige