Wissenschaftler - internett

Selbstdarstellung: Das Internet machts möglich: Seriöse und weniger seriöse Forscher begeben sich mit ihren oft hausgemachten Homepages in den allgemein zugänglichen öffentlichen Raum. Entsteht dadurch ein neues, "menschliches Antlitz" der Wissenschaft?

Richard Rogers | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Wie auf einem Tourismushochglanzprospekt steht er da, mit Sonnenbrille und Eispickel. Sein Blick schweift über die Gipfellandschaft, James R. Holton ist ganz oben. Kunstverdächtige Diagramme, Embleme, Buchcover - an Farbe und elaborierten grafischen Elementen hat der Meteorologe der University of Washington auch sonst nicht gespart bei der Ausgestaltung seiner persönlichen Homepage.

Zwei Mausklicks weiter offeriert Alex Chiu seinen neuen Darwinismus. "Full of animated GIF's and wonderful graphics", wird da versprochen. Eine unablässig blinkende blaue Leiste und eine handgezeichnete Darstellung chemischer Reaktionen geben einen Vorgeschmack auf die angekündigten Lehrstunden.

Wenn Wissenschaftler im Internet ihr eigenes Bild schaffen, dann verabscheuen sie es häufig, ein "wissenschaftliches" Image zu reproduzieren. Die Ergebnisse der Umsetzung ihres einschlägigen HTML-Wissens und ihre hausbackenen Vorstellungen von Design und Ambiente sind allerdings mitunter etwas verstörend: Welcher wissenschaftsinteressierte Surfer will einer sich automatisch abspielenden Musikdatei lauschen? Und wozu diese wackeligen, schlecht aufgelösten Grafiken? Wieso muss unbedingt ein Foto des Schoßhündchens mit dabei sein? Warum erzählen sie uns so viel über ihre Hobbys?

"Na und?", ist man geneigt zu fragen. Freilich, wer andererseits auf Sites von eher abgedrehten Forschern stößt, die mehr oder minder abstruse Erkenntnisse in den freien Raum des Netzes hinausposaunen, der beginnt sich Fragen zu stellen. Etwa jene nach der Legitimität dieser Theorien bzw. nach der wissenschaftlichen Qualitätssicherung im Internet. Bereits 1994 war im "Millennium Whole Earth Catalog" zu lesen: "Die demokratische Natur des Internet, wo ,echte' Wissenschaftler und eigenbrötlerische Schrulls Seite an Seite publizieren können, führt zu starken Veränderungen hinsichtlich der Selbstkontrolle der Wissenschaft. (...) Zu gewährleisten, dass eine Quelle die definitive und authentische Version ist, ist fast unmöglich." Was damals in der Jungsteinzeit des Internets hellsichtig konstatiert wurde, hat seitdem noch erheblich an Relevanz gewonnen.

Gehen wir einmal von der - nicht unproblematischen - Annahme aus, dass offline die Unterscheidung zwischen seriösen und unseriösen Wissenschaftlern relativ eindeutig ist, weil es zwei Autoritätsregimes gibt, die diese Unterscheidung gewährleisten. Auf der einen Seite gibt es das "Ancien Regime", das sich am (guten) Namen und Ruf von bestimmten Universitäten und Instituten orientiert und so Seriosität verleiht. Dieses Ancien Regime des guten Namens gerät jedoch zunehmend unter den Druck des "Index-Regimes", das Zitationen zählt und ermittelt, wie oft eine Publikation bzw. ein Wissenschaftler von anderen zitiert wird.

Auf dem großen Markt der Wissenschaft genügt der gute Name mittlerweile allein nicht mehr: Messbarer Output ist gefragt. In beiden Regimes sind die entstehenden Hierarchien eindeutig, sei es in den Jahresbänden des U.S.News & World Report mit den Rankinglisten der Universitäten oder im "Science Citation Index" des Institute for Scientific Information, der Zitationen zählt und die Impact-Faktoren der Zeitschriften errechnet (vgl. dazu heureka! 1/99).

In welchem Maße sind diese Regimes von Name und Zahl in der Lage, die Räume der neuen Medien erfolgreich zu besetzen? An diese Frage schließen sich aber noch einige weitere an: Lässt sich diese Trennung zwischen seriöser und unseriöser Wissenschaft online aufrechterhalten, oder bringt das scheinbar hierarchielose Nebeneinander der Homepages diese Unterscheidung zum Verschwinden? Oder noch einmal anders gefragt: Fördert das Internet den Schrull im Wissenschaftler zutage oder - umgekehrt - den Wissenschaftler im Schrull?

Tatsächlich gestaltete sich der Transfer des älteren Namen-Regimes und des jüngeren Index-Regimes in den neuen Raum des Internets, um es vorsichtig auszudrücken, als schwierig. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil es in der Online-Welt dafür keine direkten Entsprechungen gibt. Dies hat mit der Kulturgeschichte des Internets wie auch mit dessen öffentlicher Natur zu tun.

Dass Wissenschaft im Netz nun quasi in einem öffentlichen Schaufenster ausgestellt wird, darauf haben viele wissenschaftliche Institutionen auf der einen Seite ziemlich einfallslos reagiert. Oft reproduzieren sie lediglich ihre Verzeichnisse und Kataloge und übertragen die Symbole ihrer Verlässlichkeit, ihre Logos und die Kennzeichen ihrer wissenschaftlichen Autorität, auf ihre Homepages. Nur wenige Institutionen hatten bisher den Mut, kreative Sites zu schaffen.

Auf der anderen Seite scheint es, als ob einzelne Wissenschaftler die Netzkultur allzu sehr in sich eingesogen hätten - auch wenn die Gründe für das teils unverkrampfte, teils peinliche Auftreten einiger Forscher auf ihren selbst gestrickten Homepages wohl ebenfalls auf diese neuen Öffentlichkeiten zurückzuführen sind. Wenn sich Wissenschaftler an ein Publikum wenden, tun sie dies normalerweise in einem Umfeld, das maßgeschneidert ist für das Bild des Experten - sei es auf einer Konferenz mit Fachkollegen oder als Interviewpartner im Fernsehen oder für eine Tageszeitung. Ihr akademischer Grad und ihre institutionelle Zugehörigkeit werden dabei stets mittransportiert und legitimieren sie.

Bei der Selbstdarstellung im Internet fehlt genau das: Anders als bei wissenschaftlichen Tagungen, auf denen Forscher im Kreise ihrer Kollegen "wissenschaftlich" auftreten und lediglich ein einsamer Wissenschaftsjournalist sich für einen kleinen Artikel auf den hinteren Seiten einer Tageszeitung Notizen macht, ist die Wissenschaft im Netz allen zugänglich - ihr potenzielles Publikum ist multipel und undefiniert. Das Vorurteil, dass das Internet eher von "Surfern" als von "Lesern" frequentiert wird, lässt die Wissenschaftler zögern, in diesem neuen Raum wie gewohnt rein "wissenschaftlich" aufzutreten. Der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger etwa bietet auf seiner Homepage nicht nur einen fachwissenschaftlichen Text, sondern auch einen allgemein verständlichen Artikel aus der Neuen Zürcher Zeitung zur Lektüre an.

Entsprechend ist auch die "Webifizierung" der Wissenschaftler auf die Einsicht gegründet, dass ihre Site potenziell ein nicht wissenschaftliches Publikum hat. Prompt zeigen sich Wissenschaftler, die "webby" sein wollen, im Netz von einer bisher unbekannten Seite. Die virtuelle Welt scheint einen anderen, vielleicht einen "wirklicheren" Wissenschaftler hervorzubringen - und was dabei herauskommt, grenzt nicht selten an den "Schrull". Nur die einfallslosen Wissenschaftler scheinen ihre Selbstdarstellung nicht "internett" zu gestalten - wissenschaftliche Seriosität, Pedanterie gar sind verpönt.

Um es deutlicher zu sagen: Sie haben die Kultur der persönlichen Homepage verinnerlicht, es klimpert und blinkt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Sie geben der Wissenschaft ein "menschliches Antlitz", fast ist es, als ob man durch den Hintereingang in ihre selbst ausgemalte Küche einträte. Das Netz wird angesichts solcher Homepages zum heimeligen Ort einer sich genüsslich räkelnden Selbstrepräsentation.

So lässt sich die Selbstdarstellung der Wissenschaftler untersuchen, ohne dass man dagegen einwenden könnte, dass sie sich nur an ein internes wissenschaftliches Publikum wenden würden (im Sinne eines "wissenschaftlichen Intranets"). Ihr Internetauftritt ist "öffentlicher" Kritik zugänglich, und viele setzen sich dem Vorwurf der Tapsigkeit und der Kitschreproduktion aus.

Das heißt umgekehrt, dass nur noch jene Wissenschaftler, die auch ein Bewusstsein für ihre Selbstdarstellung außerhalb der Wissenschaft - sprich: im Netz - haben, als "webby" im besten Sinne gelten können. - Was immer die Wissenschaft selbst davon haben mag.

Richard Rogers (rogers@chem.uva.nl) unterrichtet Technologiekultur am Science-Dynamics-Institut der Universität Amsterdam und Computer Related Design am Royal College of Art in London.

Jüngste Buchveröffentlichungen: Technological Landscapes. London 1999 (Royal College of Art); und, als Herausgeber: Preferred Placement - Knowledge Politics on the Web. Maastricht 2000 (Jan van Eyck Editions).

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