Information als Mangelware?

Wissenschaftskommunikation. Die Wissenschaften gelten als Ideal des freien Austauschs von neuem Wissen, das in Vorträgen und Publikationen sofort allen Interessierten zugänglich gemacht wird. Die wirklich wichtigen Informationen werden jedoch auf eher informellen Kanälen vermittelt.

Gerhard Fröhlich | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Die Wissenschaft, so geht die Mär, ist eine durch und durch kooperative Unternehmung. Und die Wissenschaftler sind unermüdlich damit befasst, ihre Kollegen und sich selbst möglichst gut zu informieren. Das machen sie, indem sie - von anderen Wissenschaftlern begutachtete - Artikel für Fachzeitschriften schreiben oder auf wissenschaftlichen Kongressen Vorträge halten, sich so der Kritik ihrer Kollegen aussetzen, um das Wissen zu vermehren. Alle scheinen sich einig darin, dass die drei Ks - Kommunikation, Kooperation und Kritik - das A und O der Wissenschaften sind; und je mehr davon, desto besser.

Die Realität allerdings sieht wie immer ein wenig anders aus. Um es vorwegzunehmen: Die formelle Veröffentlichung von neuem Wissen mittels Vortrag oder formaler Publikation bildet nur die Spitze des wissenschaftlichen Kommunikationseisbergs. Viel bedeutsamer und gewichtiger scheint das, was darunter liegt bzw. in der mündlichen, informellen Kommunikation vermittelt wird. Doch diese Informationen sind nicht einfach "gratis" zu haben - Gegenleistungen müssen erbracht werden.

Ein Blick auf das wissenschaftliche Konferenzwesen mag verdeutlichen, was gemeint ist. Wirklich wichtige Neuheiten sind auf solchen Tagungen bei den offiziellen Referaten in den Vortragssälen eher selten zu erfahren. Tatsächlich scheint das "offizielle Programm" - das standardisierte Abspulen von Vorträgen, die in der Regel rhetorisch unprofessionell gestaltet sind, die chronische Überschreitung der Vortragszeit auf Kosten der vorgesehenen Diskussionszeit oder kaum lesbare Overhead-Folien - eher eine Form der Kommunikationsverweigerung darzustellen.

Doch was sind die Gründe dafür, dass Wissenschaftler oft Tausende Kilometer weit zu Fachtagungen anreisen? Zum einen geht es darum, selbst zu sehen und gesehen zu werden, Zugehörigkeit zu dokumentieren, und darum, der Konkurrenz nicht ungestört das Territorium zu überlassen. Zum anderen gilt es, vor allem die Pausen und geselligen Abende - das so genannte "social program" - informationsökonomisch gewinnbringend zu nützen. Denn in Wirklichkeit werden da (und nicht in den Vortragssälen) die wichtigen Informationen gehandelt.

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit tauscht man da nicht nur Klatsch über diesen und jenen Kollegen aus, sondern auch Tipps über förderungswürdige Forschungsthemen, kommende Schwerpunktprogramme, bald auszuschreibende Stellen und vieles andere mehr. Jene, die es vorgezogen haben, zu Hause zu bleiben, erfahren erst über Inserate oder Mailinglisten von all diesen Neuigkeiten - und sind damit oft bereits rettungslos im Nachteil. Denn eine der wichtigsten Formen der Informationsvorenthaltung ist schließlich Informationsverzögerung.

Informationsvorenthaltung findet aber nicht nur auf wissenschaftlichen Kongressen statt - bzw. trifft nicht nur solche, die gar nicht erst hinfahren. Auch in ihren Publikationen verschweigen oder verfälschen Wissenschaftler oft genug kleine, wichtige Details ihrer Versuchsreihen (z.B. dass die chemische Suppe kurz auf 60 Grad zu erhitzen und wieder abzukühlen ist), um gegenüber ihren Kollegen Wissensvorsprünge zu behalten. Mit anderen Worten: Die zum Verstehen eines Verfahrens oder gar zur Wiederholung eines Experiments erforderlichen Details werden durch die Lektüre eines Fachjournalartikels eher selten klar.

Diese Informationen müssen stattdessen über informelle Kanäle beschafft werden. Hier sind Personen bzw. Gruppen, die Gegengeschäfte anbieten können, im Vorteil. Als Objekte des einfachen Warentauschs fungieren dabei unter anderem die Mitbenützung von Geräten bzw. Laboreinrichtungen, aber auch die Reputation (von Personen, Institutionen). Dieses soziale Kapital in Form von guten Beziehungen ist wichtig, denn oft lassen sich erst über sie die mageren offiziösen Informationen vervollständigen.

Um Kommunikation zu unterbinden bzw. Kritik zu vermeiden, haben sich im wissenschaftlichen Publikationswesen aber auch bestimmte Phraseologien entwickelt (siehe Kasten) bzw. "Geheimsprachen" herausgebildet. So zogen einige Herausgeber physikalischer Zeitschriften erst kürzlich die selbstkritische Bilanz, dass in jeder kleinsten physikalischen Subdisziplin - sachlich weder notwendig noch gerechtfertigt - eine eigene Sprache entwickelt würde. Dadurch wiederum verkomme aber der Großteil der Beiträge zu "communication fog", also völlig undurchsichtigem Kommunikationsnebel.

Stattdessen scheint die mündliche Kommunikation weiterhin die wichtigste Form effektiver Informationsvermittlung zu sein, wie die Wissenschaftsethnographin Sharon Traweek bei ihren Beobachtungen von Hochenergiephysikern herausfand: Die neu beginnenden Forscher würden mittels mündlich weitergegebener Erzählungen in diese Kultur eingeführt; und die erfolgreichen "Senior Scientists" des Faches seien wahre Meister des informellen Gesprächs. Sie lesen kaum etwas, sondern greifen, wenn ihnen interessante Aktivitäten von Kollegen zu Ohren kommen, allenthalben zum Telefon.

Hochenergiephysiker gehen laut Traweeks Studie "Beamtimes and Lifetimes" (1988) außerdem davon aus, dass Kollegen niemals "die ganze Story" veröffentlichen würden, zumal diese aufgrund langwieriger Gutachterprozeduren in einem rasanten Feld wie der Teilchenphysik bei Erscheinen immer schon veraltet sei. Die Beschränkung des wirklich Wichtigen auf das Gespräch biete die Möglichkeit der Grenzziehung. Die Zurückhaltung wichtiger Information sei ein effektives Mittel zur Bildung geschlossener Gemeinschaften - was nichts Neues unter der Sonne ist: In vielen Kulturen ist die mündliche Kommunikation dazu da, das Wissen auf die Elite zu beschränken. Schon Platon (7. Brief) mahnte, die wichtigen Sachen nie aufzuschreiben.

Fließt die wissenschaftliche Kommunikation wenigstens in und zwischen den Laboratorien ungehindert? Die Ergebnisse diesbezüglicher Untersuchungen sind ernüchternd. Informationsvorenthaltung ist sowohl zwischen Labors als auch innerhalb von Laboratorien eine gängige Praxis. Oft wird dies auf die zunehmende Kommerzialisierung der Forschung zurückgeführt - doch allem Anschein nach ist die innerorganisatorische Konkurrenz gerade in Universitäten am stärksten ausgeprägt.

Die universitären Belohnungsmechanismen sind immer noch auf Einzelkämpfertum ausgerichtet, und die starre Stellenpyramide ermöglicht kaum Aufstiegschancen ohne Untergang der Kollegen. Aus diesen Gründen - aber auch wegen der zermürbenden Sisyphusarbeit der Antragstellung - setzen sich immer mehr Wissenschaftler in private Forschungsfirmen ab. Oder gründen welche. Das Argument, die private, an gewinnträchtigen Patenten interessierte Forschung behindere die Öffentlichkeit der Forschungskommunikation, scheint jedenfalls nicht mehr wirklich zu ziehen: Auch die - als Einzelunternehmen konkurrierenden - US-Universitäten möchten Patente horten und mahnen die eigenen Wissenschaftler eindringlich, keine verräterischen Details preiszugeben.

Manche meinen nun, dass das alles nicht so schlimm sei, denn in Kürze würden Kongresse und Journale ohnehin durch offenere, digitale Diskussionsformen im Internet ersetzt werden - ja, einige träumen gar vom Netz als wissenschaftlichem Gesamtautor. Doch das ist kaum zu erwarten: Untersuchungen über Internetkommunikation weisen die von Angesicht zu Angesicht begonnenen und dann digital fortgesetzten Beziehungen als die intensiveren wissenschaftlichen "Connections" aus: Kaum ein Wissenschaftler verrät Unbekannten, mit denen er noch nie - je nach Geschmack - gepflegtes Bier, erlesenen Rotwein oder noblen Champagner getrunken hat, wertvolle Ideen oder Tricks.

Anfragen in den offen zugänglichen Internet-Mailinglisten sind zwar Versuche, die bei den Teilnehmern versammelte Intelligenz und ihr Gedächtnis anzuzapfen. Meist bewegt sich dieser Informationsaustausch aber auf einer eher belanglos-philologischen Ebene ("Wer kennt eine deutsche Übersetzung von ..."). Dass das Internet wohl nicht die Lösung der wissenschaftlichen Kommunikationsprobleme sein wird, zeigt sich schon jetzt an den vielen nutzlosen digitalen Informationen, von denen Wissenschaftler tagtäglich überflutet werden: Kaum jemand von ihnen kennt sie nicht, die Kongressankündigungen zwei Tage vor dem Event oder die Mitteilung eines "Call for papers" einen Monat nach Ablauf der Frist - so z.B. geschehen mit dem Aufruf zum vergangenen deutschen Philosophentag in der offiziellen Mailinglist der österreichischen Philosophen. Das verwundert nicht. Auch digitale Netzwerke von Wissenschaftlern sind soziale Felder, in denen die Beteiligten Ansehen erringen und Gruppen bilden möchten. Und eben: andere davon ausschließen.

Gerhard Fröhlich (gerhard.fröhlich@iwp.uni-linz .ac.at) ist Assistenzprofessor am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Universität Linz und Leiter des Kulturinstituts ebenda.

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