Experte, Held, Märtyrer

Repräsentation. Die Medien sind längst keine Sprachrohre der Wissenschaft mehr. Sie selektieren und präsentieren Informationen nach ihren eigenen Maßstäben. Und sie stecken den Wissenschaftler in vorgezeichnete Rollenbilder.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/00 vom 03.05.2000

Wie lang darf die Antwort sein?" Mit dieser Gegenfrage und einem wissenden Lächeln wollen Wissenschaftler ihre Versiertheit im Umgang mit den Medien unter Beweis stellen. Charles Ingrao, derzeit Gastwissenschaftler am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien, fragt nicht mehr.

Als Balkan-Spezialist hat der US-Historiker in den letzten Jahren zahlreiche Fernsehauftritte absolviert und die ungeschriebenen Regeln verinnerlicht. Er weiß: "Experten werden nach ihrer Telegenität beurteilt." Ab und zu ein kleines Späßchen muss sein. Und länger als maximal vierzig Sekunden am Stück darf man weder über den Krieg in Bosnien noch über die Vertreibung der Kosovaren sprechen. Ein Kollege besaß die Dreistigkeit, eineinhalb Minuten (!) bei laufender Kamera zu dozieren - sein erster TV-Auftritt war zugleich auch sein letzter.

Die immer noch sehr verbreitete Vorstellung, dass die Medien lediglich die hehren Einsichten der Wissenschaft popularisieren, ist längst obsolet. Je bestimmender TV und Presse für den öffentlichen Diskurs werden, desto wichtiger wird es für die Wissenschaftler, deren Aufmerksamkeit zu erheischen. Wobei sie sich an den Kriterien der Medien orientieren müssen, sprich: Etwas muss neu, spektakulär und/oder relevant, erzählbar und möglichst auch personalisierbar sein. Die Abhängigkeit ist freilich gegenseitig. Mit geschickt lancierten Informationen weiß so mancher Wissenschaftler etwa die Kurse seiner Biotech-Aktien in die Höhe zu treiben.

Freiheit der Forschung?

Nehmen die Medien somit zumindest indirekt Einfluss auf die Fragestellungen und Hierarchien innerhalb der Wissenschaft, die doch immer so gerne auf ihre Autonomie pocht? Wie verhält sich Prominenz in den Medien zur Reputation innerhalb der Scientific Community? Diesen Fragen ist eine Studie des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld nachgegangen, bei der über mehrere Monate hinweg Presseberichte auf die Nennungen von Wissenschaftlern ausgewertet wurden.

Dabei konnten zwei gegenläufige Muster festgestellt werden. Der häufigere Fall ist der, dass die innerwissenschaftliche Reputation (gemessen an den Zitationsraten der Publikationen) der Medienpräsenz zeitlich vorangeht. In einer Reihe von Fällen war es jedoch gerade umgekehrt. Die deutschen Medien griffen etwa zu Beginn der Neunzigerjahre begierig die im wahrsten Sinne des Wortes brandaktuellen Arbeiten des Gewaltforschers Wilhelm Heitmeyer zur Ausländerfeindlichkeit auf. 85 Prozent der Zitationen durch seine Fachkollegen finden sich jedoch erst nach 1992, sprich: als Heitmeyer bereits in den Medien präsent war.

Scientist's Fiction Der Begriff des "visible scientist", des medial sichtbaren Wissenschaftlers, wurde schon in den Siebzigerjahren in den USA geprägt. Zu dieser Spezies gehört auch Steven Rose, Biologe an der englischen Open University, der sich mit seinem gerade erschienenen und kontrovers diskutierten Buch "Darwins gefährliche Erben" (C. H. Beck) wiederum an ein breiteres Publikum wendet. Rose arbeitet auch häufig mit der BBC zusammen und hat sich in einer Art Selbstreflexion immer auch für die Darstellung des Wissenschaftlers im Fernsehen interessiert. Die Grenzen zwischen Spielfilm und Wissenschaftssendung sind für ihn fließend, wie Rose im heureka!-Interview klarmacht. Die Einstein'sche Figur des genialen Wissenschaftlers etwa, den niemand versteht, tritt in beiden Genres auf.

Gleiches gilt auch für die Rollenverteilung der Geschlechter. Es ist der honorige männliche Wissenschaftler, der den Zuschauern die neuesten Fortschritte in der Genetik erklärt, und eine weibliche Assistentin, die beim Pipettieren im Labor gefilmt wird. Wie im Film soll sie möglichst hübsch sein, nur verzweifelt schreien muss sie im Dokumentarstreifen nicht, stellt Rose schmunzelnd fest.

Forscher aus dem Bilderbuch Die Rollen, in denen die Medien die Wissenschaftler auftreten lassen, sind zahlreich. Die US-amerikanische Wissenschaftsforscherin Marcel LaFolette hat in einer Untersuchung von Zeitschriften aus dem Zeitraum von 1910 bis 1955 bereits vier (Stereo-)Typen unterschieden: den Zauberer, den Experten, den Schöpfer bzw. Zerstörer sowie den Helden. Diese Typen finden sich auch heute noch, werden aber zunehmend variiert und um neue Figuren erweitert.

Der Typus des Nationalhelden wurde von den österreichischen Montagsmagazinen mit den Innsbrucker Chirurgen Raimund Margreiter und Hildegunde Piza unlängst gar im Coverformat zelebriert. Die geglückte Transplantation zweier Hände war Balsam für die verunsicherte österreichische Seele. Aber auch der selbstsüchtige und gewissenlose Forscher ist in der Figur des Betrügers mittlerweile medial fest etabliert - man denke nur an die zahlreichen Fälschungsskandale in den USA und in Deutschland der vergangenen Jahre und Jahrzehnte.

Im Rahmen der Auseinandersetzung über riskante Technologien ist zum unvermeidlichen Experten auch der Part des Märtyrers hinzugekommen, den der ungarisch-britische Forscher Arpad Pusztai im vergangenen Jahr perfekt spielte. Er sprach im Abendprogramm der BBC über mögliche Gesundheitsrisiken gentechnisch veränderter Kartoffeln und war am nächsten Tag seinen Job los.

Mit dem schillernden Craig Venter, Chef des Biotech-Unternehmens Celera, hat heuer eine neue Figur die Schlagzeilen erobert. Dank seiner Willenskraft schlägt der Privatmann im Wettlauf um die Entzifferung des menschlichen Erbguts quasi im Alleingang das öffentliche Forschungskonsortium HUGO. Gleichzeitig fragt sich der besorgte Leser, ob der "Herr der Gene" (profil) über entsprechende Patente eine unangreifbare Vormachtstellung in der Medizin erlangen wird. Nationalheld, Betrüger, Märtyrer, Selfmademan ...? Im Bilderbuch kultureller Repräsentationen sind noch Plätze frei.

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