Die Zukunft der Universitäten

Kommentar. Trotz einer seit den Neunzigerjahren andauernden Reformwelle warten auf Österreichs Universitäten weitere Herausforderungen: Flexiblere Strukturen sind gefragt, die ein schnelleres Reagieren auf die neuen Rahmenbedingungen ermöglichen.

Elisabeth Gehrer | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, die das Umfeld für unsere Universitäten bilden, unterliegen einem immer rascheren Wandel. Dabei bewegen wir uns in einem Politikfeld, in dem heute beschlossene Strukturreformen frühestens bei Absolventinnen und Absolventen des Jahres 2005 greifen können. Es zeigte sich bereits in der Vergangenheit, dass die Politik der zentralen Steuerung auf die sich ständig verändernden Anforderungen kein probates Mittel ist: Die Entscheidungsabläufe waren zu kompliziert und damit zu langsam, um den Innovationserfordernissen von Wirtschaft und Gesellschaft gerecht werden zu können.

Diese Erkenntnis hat bereits zu Beginn der Neunzigerjahre zur Einleitung entscheidender Schritte in der Universitätsreform geführt. Die Antwort auf diese Herausforderung war Dezentralisierung und Deregulierung. Die Universitäten selbst sollten wesentliche Angelegenheiten in Autonomie gestalten können. Der Umstellungsprozess auf das neue Universitäts-Organisationsgesetz 1993 erfolgte in Phasen und erforderte intensive Vorbereitungen an jeder Universität. Erst seit Beginn dieses Jahres gilt auch für die größte österreichische Universität, die Universität Wien, das UOG 1993; das entsprechende Bundesgesetz über die Organisation der Universitäten der Künste aus dem Jahr 1998 ist in seiner Umsetzung noch nicht so weit vorangeschritten.

Es überrascht nicht, dass angesichts derart langwieriger Reformprozesse so mancher meint, es müsse nun erst einmal genug sein mit den ständigen Veränderungen. Die Folgen eines solchen Reformstillstands wären allerdings fatal, denn Bildung und Forschung sind Zukunftsbereiche. Die Investitionen und Strukturen von heute bestimmen die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand von morgen. Ein Stillstand in der Anpassungsbereitschaft kann sich daher sehr langfristig rächen. Weil sich die Anforderungen an unsere Absolventinnen und Absolventen und damit an die Institutionen, die sie ausbilden, rasch ändern, werden wir mit noch flexibleren Strukturen darauf antworten müssen.

Das nationalstaatlich verankerte, einheitliche System staatlicher Universitäten wird einem bunteren Bild weichen. Schon jetzt können international tätige Privatuniversitäten in Österreich akkreditiert werden und virtuelle Universitäten sind jedenfalls nur an den globalisierten Bildungsmarkt gebunden. Im Weiterbildungssektor konkurrieren private Anbieter mit den Universitäten. Weit über die Grenzen der heutigen Europäischen Union hinaus entsteht der europäische Forschungs- und Wissensraum. Dieser freiwillige Abstimmungsprozess wird getragen von der Einsicht, dass die Wettbewerbsfähigkeit Europas in erster Linie von seiner Fähigkeit abhängt, attraktive Rahmenbedingungen für das intellektuelle Potenzial zu schaffen. Das bedeutet mehr Mobilität, mehr Chancen, aber auch neue Anforderungen für Studierende, Lehrende und Absolventen.

Wahrscheinlich wird die Vielfalt der Anforderungen auch zu einer Vielfalt der dafür adäquaten Strukturen führen. Staat und Gesellschaft werden sich genauer als bisher überlegen müssen, welche Leistungen zu welchen Preisen an staatlichen Universitäten angeboten werden sollen.

In dem beschriebenen Umfeld werden die Universitäten zunehmend als europäische Anbieter auftreten. Damit werden Studierende verstärkt Ausbildungsangebote nachfragen, mit denen sie auf dem europäischen Markt konkurrenzfähig sind. Die Studienzeit wird kürzer als heute sein und das Bakkalaureat als Hochschul-Erstabschluss in vielen Fächern etabliert sein. Dieser Entwicklung entsprechend kommt es zu einer Akzentverschiebung von der Grundausbildung zur Fortbildung. Wenn sich wenige Jahre nach Ausbildungsabschluss das wirtschaftliche und technologische Umfeld völlig verändert darstellt, werden Phasen der Fortbildung zwingend ein integraler Bestandteil des Arbeitslebens.

Der Wechsel zwischen Phasen der Arbeit, der Fortbildung und der Familienarbeit wird selbstverständlich werden, was die Schaffung und Anpassung der entsprechenden Teilzeit- und Finanzierungsmodelle voraussetzt. Zu einem höheren Ausmaß als heute werden Absolventinnen und Absolventen auch selbstständig arbeiten: Schon jetzt gehört die lebenslange Anstellung in ein und demselben Arbeitsgebiet, womöglich noch beim gleichen Arbeitgeber, der Vergangenheit an. In Zukunft wird neben dem Wechsel des Arbeitsgebiets auch der Wechsel von der Rolle als Arbeitnehmer zur freiberuflichen Tätigkeit oder zum Unternehmer häufiger werden - "Entrepreneurship" ist gefragt.

Was bedeutet das für die Universitäten? Die Studierenden werden von ihrem Ausbildungsstand und ihrem Vorwissen deutlich heterogener als heute sein. Je nach Lebensphase und Bildungsziel werden die Anforderungen unterschiedlich sein. Die Universitäten werden sich in der Lehre mehr als moderne Dienstleister verstehen müssen und somit nicht umhinkommen, den Einsatz der neuen Medien in der Lehre sowie das verstärkte Eingehen auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und der Studierenden bei der Erstellung der Curricula und der Administration der Studienangelegenheiten in den Mittelpunkt zu stellen.

Im Studienangebot und damit in der Infrastruktur wird Schwerpunktbildung wichtiger werden. Jene Universitäten, die den Versuch unterlassen, die vielfältigsten (und manchmal auch widersprüchlichen) universitätsinternen Interessen gleichzeitig zu befriedigen, werden erfolgreicher sein als die anderen. Die Bündelung der Kräfte und Ressourcen und die Profilbildung über die Grenzen der eigenen Universität hinaus durch strategische Kooperationen und Zusammenarbeiten sind dafür wesentliche Erfolgsfaktoren.

Elisabeth Gehrer ist Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

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