Leben im 21. Jahrhundert: Das Gehirn herunterladen

aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Der vollautomatisierte Chirurg öffnet ihre Schädeldecke und trägt mit einer hoch empfindlichen Apparatur Schicht für Schicht ihres Gehirns ab. Ihre chemisch-neuronale Struktur wird in ein digitales Programm übersetzt, das auf den bereits wartenden Roboter heruntergeladen wird. Während sich ihr Kopf leert und ihr Körper schließlich stirbt, kann sich ihr "Geist" in der neuen Hülle erst so richtig entfalten.

Mit dieser radikalen Technoutopie erregte der aus Österreich gebürtige Hans Moravec bereits vor über zehn Jahren die Gemüter. Mit "Computer übernehmen die Macht" legt der Direktor des Mobile Laboratory der Carnegie Melow University in Pittsburg nun nach. Moravec, der sich in seinem Forscherleben mit der Entwicklung von Haushaltsrobotern zufrieden geben muss, geht letztlich von der Unvermeidlichkeit dieser Entwicklung aus, vertritt also einen "historischen Computer-Materialismus". Das einzige geschichtsmächtige Prinzip ist die exponentiell sich beschleunigende Rechengeschwindigkeit, der der Mensch nichts mehr entgegenzusetzen haben wird. Die überlegene Spezies wird sich durchsetzen.

Inhaltlich ließe sich dagegen sehr viel einwenden. Die Rechenleistung eines Computers, die auf 0-1-Verbindungen basiert, lässt sich nicht ohne Weiteres mit der Informationsverarbeitungsleistung des Gehirns vergleichen. Was wäre bei Letzterem Soft-, was Hardware? Aber lassen wir diese Nebensächlichkeiten.

Noch interessanter ist nämlich das zugrunde liegende Denken, dass in seiner Leibfeindlichkeit die katholische Kirche um Längen schlägt.Nichts ist überflüssiger im Cyberspace als Arme, Beine und Sexualorgane. Man kann ja alle Erfahrungen beliebig simulieren, sich an ferne Wirtskörper anschließen, während "man selbst" mit einem Kubikzentimeter Raum auskommt. Diese Technoträume erweisen sich somit als säkularisierte Unsterblichkeitsfantasien, die der Seele einen sicheren Hafen bieten, jenseits seiner leiblichen Existenz.

Was bleibt vom Menschen", fragt auch Ray Kurzweil im Untertitel seines "Homo S@piens". Wie Moravec versteht der US-amerikanische Computerpionier Kurzweil die technologische Entwicklung als Fortsetzung der Evolution. Unsere Neuronen und Synapsen, platzfressende Kohlenstoffverbindungen, werden durch viel schnellere Siliziumchips ersetzt. Im Laufe des 21. Jahrhunderts werden Mensch und Maschine zunehmend miteinander verschmelzen. Diese Wesen sind in einer völlig vernetzten Welt nicht mehr an die Lokalität einer Prozessoreneinheit gebunden. Auch hier wird also der Geist von seiner allzu menschlichen Hülle befreit.

Kurzweil macht, was die Lesbarkeit des Buches angeht, seinem Name übrigens alle Ehre. Flüssig und anekdotenreich erzählt, schließt jedes Kapitel mit einer Diskussion zwischen einer fiktiven Leserin und dem Autor (quasi-interaktiv!), um offen gebliebene Fragen anzusprechen und in einer Zeitreise die kommenden Entwicklungen zu kommentieren. Spätestens um das Jahr 2020, da liegen Moravec und Kurzweil mit ihren Prognosen gleichauf, werden die Bit-Monster die "Rechenleistung" des menschlichen Gehirns erreichen. Sehen wir uns also vor! O. H.

Hans Moravec: Computer übernehmen die Macht. Vom Siegeszug der künstlichen Intelligenz. Hamburg 1999 (Hoffmann und Campe). 352 S., öS 364,- .

Ray Kurzweil: Homo S@piens. Leben im 21. Jahrhundert - Was bleibt vom Menschen. Köln 1999 (Kiepenheuer & Witsch). 508 S., öS 364,- .

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