Abschied aus Arkadien

Universitäten. Die künftigen Entwicklungen des tertiären Bildungsbereichs scheinen offener und vielfältiger denn je. Einige weltweite Trends - nähmlich in Richtung Massenuni, Autonomie, Kommerzialisierung und Internationalisierung - sind dennoch ablsehbar.

Mitchell G.Ash | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Am Beginn des 20. Jahrhunderts befindet sich die Universität - nach der römisch-katholischen Kirche die zweitälteste kulturelle Institution der so genannten "westlichen Zivilisation"-, in einer vielschichtigen Umbruchphase. Obwohl der Terminus "Universität" als Singular heute fragwürdiger denn je erscheint, kann eine Reihe von Entwicklungen aufgezeigt werden, die Universitäten weltweit gemeinsam sind und die das Bild dieser Institution im kommenden Jahrhundert prägen werden.

Die augenfälligste dieser Entwicklungen ist die Wende von der Eliten- zur Massenausbildung an den Universitäten, die sich sowohl in den entwickelten Industrieländern als auch in den so genannten Entwicklungsländern durchgesetzt hat. Entgegen tendenziöser Diagnosen sei jedoch gleich darauf hingewiesen, dass weder diese Entwicklung selbst noch der Krisendiskurs um sie erst in den Sechzigerjahren begonnen hat.

Masse statt Klasse?

Rein statistisch gesehen begann die eigentliche Wende zur Massenausbildung im Hochschulbereich im 20. Jahrhundert in den USA. Schon in den späten Fünfzigerjahren besuchten dort mehr als 50 Prozent der Jugendlichen der jeweiligen Altersstufe zumindest zeitweilig eine Institution im so genannten Postsekundar-Sektor. Dieser umfasst allerdings nicht nur die Universitäten, sondern auch Colleges, die lediglich das BakkAelaureat verleihen, und andere Einrichtungen. Die Gründe für diese Expansion der Universitäten sind in realen wirtschaftlichen Trends und gesellschaftlichen Bedürfnissen zu suchen. Seit der Entstehung des damals so genannten neuen Mittelstandes im späten 19. Jahrhundert ist die Bedeutung der Arbeitsformen, die Umgang mit intellektuellen Inhalten voraussetzen, ständig gestiegen.

Auch die demographische Öffnung der Universitäten auf dem europäischen Kontinent, die Anfang der Sechzigerjahre begann, wurde von einem breiten Konsens getragen, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Während politisch eher konservativ eingestellte Modernisierer die Anzahl und Qualifikation ausgebildeter Professioneller erhöhen wollten, befürworteten Linke eine soziale Öffnung und ein Recht auf Bildung für alle. Beide Begründungsformen sind heute noch wirksam; sie sind Teile eines weltweiten, unummkehrbaren Trends. Folglich ist eine Nostalgie für die gute alte Eliteneinrichtung völlig fehl am Platze.

Und auch die häufig vorgetragene Gleichung von Massenuniversität und Qualitätsverlust stimmt so nicht. Im Gegenteil: Es sollte darum gehen, vom sturen Gegensatz "Masse oder Klasse" Abschied zu nehmen und sich der eigentlichen Aufgabe der Zukunft zu stellen, die darin besteht, den Zugang möglichst breiter Bevölkerungsschichten zur weiterhin staatlich geförderten Universität zu sichern und gleichzeitig die Qualität von Lehre und Forschung nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zu verbessern.

Der Rückzug des Staates Die zweite globale Entwicklung, die beobachtet werden kann, besteht im allmählichen Rückzug des Staates aus der Finanzierung und Verwaltung der Universitäten. Wenn aus dem US-amerikanischen Beispiel etwas für die europäische Diskussion zu diesem Themenbereich zu lernen wäre, so lautete die Botschaft: Autonomie heißt Mischfinanzierung. An den staatlich geförderten Universitäten der USA werden gegenwärtig nicht einmal die Hälfte, in vielen Fällen sogar nur ein Viertel der laufenden Kosten unmittelbar aus den Etats der jeweiligen Bundesländer bezogen. Der Rest setzt sich aus Drittmitteleinwerbungen, dem Verkauf von Dienstleistungen, aus Spenden von den vielen ehemaligen, der "Alma Mater" dankbaren Absolventen sowie aus Studiengebühren zusammen.

Inwiefern all dies im Europa der Zukunft geschehen wird, bleibt ungewiss. Die US-amerikanischen Privatuniversitäten zum Beispiel sind finanziell und juristisch im Grunde niemandem außer sich selbst verantwortlich. So viel Freiheit wünscht sich wohl keiner der Diskussionsbeteiligten in Europa. Wer an den europäischen Universitäten wirklich etwas bewirken will, wird aber darüber nachdenken müssen, wie eine echte Autonomie zu erreichen wäre. Gemeint sind weder Globalhaushalte noch eine staatlich verordnete "Vollrechtsfähigkeit", sondern die rechtlich gesicherte Fähigkeit, über den Sockelbetrag vom Staat hinaus auch außerstaatliche Gelder einzuwerben und eigenständig zu verwalten.

Um diese wahre Autonomie zu verwirklichen, wird auch ein Wandel der Mentalitäten erforderlich sein. Für viele Hochschulangehörige scheinen sowohl die Abhängigkeit vom Staat im Allgemeinen als auch die Vorzüge wohlerworbener Beamtenrechte lieb gewordene Gewohnheiten zu sein. Eine Abnabelung vom staatlichen Topf und die Aneignung eines Begriffs von Eigenverantwortlichkeit, die sich nicht nur in der Gremienarbeit bzw. in einem Vor-sich-hin-Forschen erschöpft, wird zunächst wohl, wenn überhaupt, hauptsächlich bei jüngeren Hochschulmitgliedern auf Interesse stoßen.

Vielleicht wird es so auf längere Sicht möglich sein, aus dem Rückzug des Staates von der alleinigen Verantwortung für die Universitäten eine bewusste Verabschiedung vom Staate werden zu lassen; eine Handlung also, die nicht nur als Gnadenakt, sondern als Befreiung empfunden wird, ohne dass der Staat gänzlich von seiner Verantwortung für die Ausbildung und die Aufrechterhaltung des verfassungsmäßig verankerten Kultur- und Wissenschaftsauftrags entlassen wird.

Kooperationen mit der Wirtschaft Die gegenwärtige universitätspolitische Diskussion konzentriert sich trotz aller Bekenntnisse zu hehren Bildungsidealen fast ausschließlich auf die berufsbezogene Ausbildung und deren effiziente Umgestaltung. Befürworter dieser Entwicklung reden dabei von einer Professionalisierung, während Kritiker von einer Verbetriebswirtschaftlichung der Universitäten sprechen. Verständlicherweise: denn die europäischen Universitäten sind zu regionalen und internationalen Wirtschaftsfaktoren geworden.

Nichts Geringeres steht damit auf dem Spiel als das bisherige Verständnis der universitären Grundlagenforschung in modernen Industriegesellschaften. Seit dem 19. Jahrhundert behauptet man, dass sich gerade die so genannte "zweckfreie", vornehmlich an den Universitäten betriebene Grundlagenforschung auf Dauer als nützlicher erweist als die alleinige Konzentration auf zweckgebundene, wirtschaftlich schnell umsetzbare Forschung.

Aber vielleicht ist der sture Gegensatz zwischen "zweckfreier" und "zweckgebundener" Forschung ebenso obsolet geworden wie jener zwischen "guten" Elite- und "eher mediokren" Massenuniversitäten. Schon um die Jahrhundertwende waren sich Forscher wie der Chemiker Walter Nernst oder der Medizner Paul Ehrlich nicht zu schade, Verbindungen mit der Industrie einzugehen und die Erträge - im Falle von Nernst handelte es sich um Einkünfte aus Patenten - zur Finanzierung der eigenen Forschung zu verwenden.

Angesichts dieser Entwicklung ist das strikte Spartendenken, das nach wie vor an den Universitäten, aber auch in vielen Teilen der Wirtschaft dominant ist, problematisch geworden. Die einmal entstandenen disziplinären Strukturen der alten Universitäten haben sich indes als erstaunlich beständig erwiesen. Doch in der Forschung wie in der Berufswelt ist die Situation inzwischen weitaus dynamischer geworden. Heute halten sich Forschungsprobleme schon lange nicht mehr innerhalb von Disziplinengrenzen auf und lassen sich auch nicht inner- oder außeruniversitär abgrenzen.

Eine vierte zukunftsbestimmende Entwicklung heißt Internationalisierung. Der Terminus fasst Trends auf zwei Ebenen zusammen: Auf der Ebene der Studiengänge selbst ist eine zunehmend internationale Ausrichtung im Hinblick auf die Zirkulation von Studierenden zu beobachten: Bald wird ein Semester oder sogar ein Jahr im Ausland fast überall zum Studium gehören.

Mit dieser Tendenz geht eine Annäherung auch bezüglich der Studieninhalte einher. Eine Folge davon wird allerdings weitaus kontroverser diskutiert. Dass die Lingua franca der Wissenschaften weltweit ein schlechtes Englisch geworden ist, wird immer wieder - mal witzelnd, mal verärgert - festgestellt. Somit entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen der Tendenz zur inhaltlichen Vereinheitlichung einerseits und der Vielfalt der Sprachen, Kulturen und auch der Forschungsstile andererseits.

Dennoch ist die heutige Internationalisierung kaum unter der Rubrik eines US-amerikanischen Kolonialismus abzutun - auch dann nicht, wenn sich die Übernahme des dreigliedrigen, so genannten "angelsächsischen" Ausbildungsmodells mit Bakkaelaureat, Magister und Promotion durchsetzen sollte. Stattdessen wird auch in diesem Fall deutlich, dass Europa zurzeit eine weltweite Entwicklung nachvollzieht.

Eine extreme Form der Globalisierung stellt die potenzielle Aufhebung aller Ortsgebundenheit des Lernens durch die neuen Medien dar. Mit deren Hilfe wird es bald möglich sein, Abschlüsse von Universitäten zu erhalten, die man niemals betreten hat (siehe Seite 10-11). Ein dementsprechendes, weltweites Angebot wird bereits von mehreren US-amerikanischen Universitäten angeboten. Sollte sich dieser Trend durchsetzen, wird eine fundamentale Veränderung des Studienerlebnisses die Folge sein.

Allerdings gibt es auch eine gegenläufige Tendenz, nämlich die bereits erwähnte Bedeutung der Universitäten als regionale Wirtschaftsfaktoren, die nach wie vor gegeben ist und in Zukunft wohl noch stärker werden wird. Die überwiegende Mehrzahl der Austauschstudierenden kehrt nach wie vor in ihre Heimat zurück. Sollte die heimische Wirtschaft aber nicht schnell oder flexibel genug reagieren, indem sie beispielsweise Absolventen mit Auslandsaufenthalten bevorzugt einstellt, so könnte in wenigen Jahrzehnten von gut ausgebildeten Universitätsabsolventen als Exportartikel die Rede sein.

Vorbild an Vielfalt?

Somit gehört das traditionelle Bild der Universität als eine Art Arkadien, in dem sich junge Menschen in den vermeintlich besten Jahren ihres Lebens mit ihrer geistigen und beruflichen Identitätsfindung beschäftigen können, inzwischen der Vergangenheit an. Die nostalgische Rede von einer "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" nutzt hier wenig, insbesondere dann nicht, wenn sie dem Nachtrauern einer Zeit dient, in der die Universität als Reservat für Söhne des Bildungsbürgertums galt. Wird diese Entwicklung die Universitäten auch weltoffener werden lassen? Oder werden sie vielmehr zu Orten, an denen sich die Spannungen und Konflikte der übrigen Gesellschaft mit besonderer Intensität austoben?

Vielleicht könnte wenigstens in dieser Hinsicht ein Hinweis auf die USA nützlich sein: Dort herrscht nämlich unter dem Stichwort "diversity" die Überzeugung vor, dass der Umgang junger und auch älterer Menschen mit Mitgliedern vieler unterschiedlicher sozialer und ethnischer Gruppierungen an den Universitäten trotz - oder gar wegen - der unvermeidlichen Konflikte die beste Vorbereitung für das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft darstellt.

Im Hinblick auf die zunehmende Globalisierung des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens könnte gerade eine solche realistische Sichtweise, in der davon ausgegangen wird, dass die Universitäten Spiegelbilder einer vielfältigen Gesellschaft sind, wenigstens den Ton der Auseinandersetzung etwas sachlicher werden lassen. Für die Zukunft sind weder Krisengerede noch wirklichkeitsfremde Nostalgie hilfreich; stattdessen werden Offenheit, Flexibilität, Pragmatismus und Lernbereitschaft gefragt sein.

Mitchell G. Ash (Mitchell.Ash@univie.ac.at) ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien. Seine jüngste Publikation zum Thema ist der von ihm herausgegebene Sammelband "Mythos Humboldt. Vergangenheit und Zukunft der deutschen Universitäten". Wien 1999 (Böhlau).

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