Interview mit Sigurd Höllinger: "Mit einem Schlag wird alles anders"

Interview: Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Sigurd Höllinger ist Sektionsschef im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und damit als oberster Beamter für die Universitäten und Fachhochschulen zuständig.

heureka!: Die Hochschulen befinden sich am Beginn des 21. Jahrhunderts international in einer tiefgreifenden Veränderungsphase. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Herausforderungen, denen sich die österreichischen Unis in Zukunft stellen müssen?

Sigurd Höllinger: Zum Ersten gibt es einen wirklich dramatischen Trend zur Europäisierung. Es wird sich meiner Meinung nach sehr rasch zeigen, dass Universitäten in Europa nur dann überleben, wenn sie auch als europäische Akteure tätig sein werden, und zwar sowohl als Forschungseinrichtung wie auch als Lehrinstitution. Zum Zweiten werden die neuen technischen Möglichkeiten an den Universitäten zu starken Veränderungen führen.

Was wird durch die neuen Medien anders werden?

Es gibt bereits seit 25 Jahren den Versuch, durch den Einsatz von Technik die Lehre und das Lernen zu unterstützen. Das war bisher allerdings nicht allzu erfolgreich. Mit dem Internet und den neuen Medien ist nun aber mit einem Schlag alles anders geworden: In den USA gibt es mittlerweile virtuelle Universitäten, die nur als solche tätig sind und als deklarierte Unternehmen Weltmarktführer werden wollen. Bildung wird damit zum Geschäft - und zwar nicht nur die Weiterbildung, sondern auch schon die Grundstudien.

Wie seriös sind solche Bildungsangebote?

Das ist nicht alles schlecht: Zum Teil sind das Tochterunternehmen von angesehenen Universitäten, an denen auch geforscht wird. Aber natürlich gibt es auch virtuelle Universitäten, deren Diplome de facto wertlos sind. Es gilt also, ein System der Qualitätssicherung zu entwickeln, das vor solchen bedenklichen Angeboten schützt. Mittlerweile gibt es auch gesamteuropäische Bemühungen, mit dem Problem umzugehen bzw. eigene europäische Aktivitäten gegen die Dominanz der USA in diesem Bereich zu entwickeln.

Und welche Aktivitäten sind da geplant?

Eine Initiative scheint mir jedenfalls wenig sinnvoll: nämlich in Europa eine große virtuelle Universität zu errichten, die kleinere US-amerikanischen Mitkonkurrenten aus dem Markt schlagen soll. Das halte ich deshalb für schlecht, weil die Verbesserungschancen für die Lehre, die durch das Internet gegeben sind, an allen Universitäten gleichermaßen genützt werden sollten.

An was denken Sie dabei konkret?

Es sollte vor allem darum gehen, den klassischen Frontalunterricht durch den Einsatz neuer Medien tendenziell zu ersetzen und die Universitätslehrer für wichtigere Aufgaben freizumachen, also den persönlichen Umgang mit den Studierenden und die Diskussion. Ich denke, dass man damit eine erhebliche Qualitätssteigerung zustande bringen könnte.

Seit kurzem liegt ein Handbuch des Ministeriums über den Einsatz neuer Medien in der Lehre an Österreichs Universitäten und Fachhochschulen vor, das für diese Internet-Offensive 100 Millionen Schilling vorsieht. Ist das genug - auch angesichts der Tatsache, dass man in anderen Ländern schon viel weiter ist?

Diese Internet-Offensive ist eine wichtige Initiative, die aber bei weitem noch nicht ausreicht. Ja, einzelne Länder in Europa, in denen es auch Fernuniversitäten gibt - wie die Open Univerity in Großbritannien oder Hagen in Deutschland -, haben schon mehr Erfahrung. Immerhin haben wir in Österreich mit dem ACONet schon jetzt ein leistungsfähiges Datennetz für Internetaktivitäten an unseren Hochschulen. Natürlich kostet das Engagement in diesem Bereich viel Geld. Trotz der budgetären Situation darf da nicht gespart werden, denn sonst kommt es zu einer schweren Beeinträchtigung unserer Zukunftschancen.

Mit der international absehbaren Kommerzialisierung des universitären Bildungsangebots stellt sich die Frage, wie das an österreichischen Universitäten künftig geregelt wird. Wird es auch in Zukunft einen gebührenfreien Hochschulzugang geben?

Noch ist nicht abschätzbar, welche Zwänge für die eigenen Universitäten entstehen. So könnten international operierende Universitäts-Unternehmen auch in Österreich tätig werden, die natürlich für ein Grundstudium Gebühren verlangen. Klar scheint, dass wir die Qualität unserer Universitäten gefährden, wenn wir diese Trends nicht auffangen bzw. ihnen gegensteuern.

Und wie sieht es mit dem Weiterbildungsbereich aus, der in Zukunft - auch durch den Einsatz neuer Medien - wohl weiter wachsen wird?

An den meisten Universitäten gibt es bereits solche Lehrgänge. Die bestehende Gesetzeslage sieht vor, dass für Universitätslehrgänge kostendeckende Gebühren eingehoben werden müssen - aber nicht mehr. Heute gibt es einen sehr starken Trend, das privatrechtlich zu organisieren. Man wird also in Zukunft für private und staatliche Anbieter gleiche Bedingungen schaffen. Weiterbildungsaktivitäten sind nicht nur im Interesse der Weiterbildungswilligen, sondern auch im Interesse der Dienstgeber und auch im staatlichen Interesse. Angesichts dessen müsste sich auch ein ausgewogenes Finanzierungsmodell machen lassen, das mit den Grundlinien unserer Politik verträglich ist und nicht eine totale Kommerzialisierung bedeutet.

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