"Denken erübrigt sich nicht"

Cyberscience. Die Wissenschaft befindet sich aufgrund der technologischen Umwälzungen in einem epochalen Umbruch. Internet und Datenbanken werden die Wissenserzeugung auf ein qualitativ höheres Niveau heben, aber auch blinde Flecken erzeugen.

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Während wir über Cyberscience reden, arbeitet der Computer. Länger und länger werden die roten Linien, die sich auf dem Bildschirm zu einer rätselhaften Grafik zusammenfügen. Der Rechner von Michael Nentwich bearbeitet Daten von SETI, dem NASA-Programm für die Suche nach außerirdischer Intelligenz. Signale aus dem fernen All werden analysiert und schließlich ins kalifornische Berkeley zurückübertragen. Die Rechenkapazitäten werden ausgelagert - hier in die Strohgasse, im dritten Wiener Gemeindebezirk, und an zwei Millionen weitere Orte weltweit. Das ist Cyberscience: ortlos, vernetzt, kollektivistisch, automatisiert. Und manchmal sogar erfinderisch: Das SETI-Programm ist ein Bildschirmschoner.

Der Sozialwissenschaftler Michael Nentwich sucht nicht nach extraterrestrischer, sondern nach irdischer Intelligenz und deren Neuformierung. In dem vom FWF geförderten Projekt "Cyberscience" untersucht er am Institut für Technikfolgenabschätzung (s. Kasten) die Auswirkungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Wissenschaften. Dabei versteht er unter Cyberscience weit mehr als nur beschleunigte Kommunikation via E-Mail: Das Spektrum reicht von Videokonferenzen, virtuellen Workshops, der Online-Begutachtung von Texten über global vernetzte Datenbanken, digitale Bibliotheken, "hypertextuellen Zettelkästen" bis hin zu neuen Berufsbildern ("Cybrarian"), flacheren Hierarchien und einer völlig neuen, autorlosen Ordnung des Wissens. Die ungeheure Zunahme der Kommunikationsdichte führt für Nentwich zu grundlegenden Veränderungen des Wissenschaftsbetriebs: "Wo schlägt Quantität in Qualität um?"

"Post-Gutenberg-Galaxis" Der Umbruch im Bereich der wissenschaftlichen Periodika ist bereits voll im Gang (vgl. heureka! 1/99). Nentwich glaubt, dass die "analogen" Zeitschriften eines nicht allzu fernen Tages aussterben werden: "Der Mehrwert von Online-Publikationen wird entscheiden. Diese sind ständig und überall verfügbar und bieten durch die Vernetzung eine Fülle von weiteren Vorteilen." Das Problem der Qualitätskontrolle sei lösbar. Schon jetzt würden viele E-Journals den strengen Kriterien der Fachbegutachtung unterworfen. "Wir befinden uns in einer Übergangszeit, sobald sich der Staub gelegt hat, werden sich die Formen des Peer-review im Netz reproduzieren."

Allerdings werden sich auch die realen Hierarchien der Scientific Community bis zu einem gewissen Grad reproduzieren, relativiert Nentwich den Glauben an die emanzipative Kraft des virtuellen Raumes. "Man darf die sozialen Beharrungstendenzen nicht unterschätzen. Aber die Basis wird breiter", sprich: Die Chancen für "Subkulturen", sich auszubreiten und Kristallisationspunkte für neue Ansätze oder Schulen zu bilden, steigen im Netz.

Wer aber soll da noch den Überblick bewahren? Das "Informationsüberflutungsargument" sticht für Nentwich jedoch nur für unsere Gegenwart, nicht für die nähere Zukunft. Es wird über Metasprachen und mit Markern versehenen Texten möglich sein, sehr viel gezielter auf Wissensbestände zuzugreifen. Zum Teil werden sogar "intelligente Suchagenten", so genannte Knowbots, die zurzeit oft noch mühsame Recherchearbeit für uns übernehmen.

Info nur gegen Bares "Instant-Wissen" auf Mausklick wird es dennoch nicht für jeden geben. Das Internet ist heute schon durchzogen von zahlreichen Zugangsbeschränkungen. Nur wer das Passwort kennt, die oft horrenden Gebühren bezahlt oder an der richtigen (gut betuchten) Institution forscht, kann sich in die entsprechenden Datenbanken einloggen. Die Digitalisierung der Information geht mit ihrer Kommerzialisierung Hand in Hand.

Nentwich sieht allerdings Unterschiede zwischen den wirtschaftsfernen und -nahen Disziplinen. In Physik oder Mathematik ist man in aller Regel sehr viel freizügiger im Umgang mit seinen Ergebnissen. In den so genannten Life Sciences aber, bei denen Patente und Nutzungsrechte auf dem Spiel stehen, ist eine absolut restriktive Informationspolitik oberstes Gebot.

3-D-Papyri Auch die Geisteswissenschaften werden sich laut Nentwich in Cybersciences verwandeln. Goethe und Co. sowie die gesamte antike Literatur sind ja längst auf CD-ROM gepresst und ermöglichen so einen viel schnelleren Zugriff mit interessanten Suchmöglichkeiten. Objekte, die zurzeit noch nicht kodierbar sind, können in Zukunft weltweit erforscht werden. Papyrologen etwa werden dank 3-D-Präsentationen ihre Schriftschnipsel auch "anfassen" und sie gegen das Licht halten können. Hochspezialisierte Journals, die wegen geringer Auflage sehr teuer und damit in ihrem Bestand gefährdet sind, können im Netz überleben. Da die Geisteswissenschaften notorisch knapp bei Kasse sind, sind Kooperationen und elektronischer Austausch zwischen weit entfernten Instituten bereits heute groß im Kommen.

Bei aller Ortlosigkeit ist aber daran zu zweifeln, dass der bei Wissenschaftlern so beliebte Kongresstourismus abnimmt. Im Gegenteil: Nentwich vermutet, dass aufgrund der intensiveren Zusammenarbeit in Zukunft eher mehr Konferenzen abgehalten werden. Neben Zeit und Raum löse sich im Cyberspace auch die bisherige Ordnung des Wissen zusehends auf: "Die wissenschaftlichen Einheiten von Buch bzw. Artikel verschwinden im Hypertext. Autorschaft kann man allenfalls noch mit Bezug auf einzelne Module behaupten. Das Wissen einer Disziplin verschwimmt im Netz."

Stimmen der Praktiker Von den Segnungen der Cyberscience sind aber nicht alle Wissenschaftler restlos überzeugt. "Der Erkenntnisgewinnungsprozess wird durch die Technologierevolution kaum beeinflusst, vielleicht sogar gebremst", meint etwa der Meteorologe Reinhold Steinacker von der Universität Wien. Der "Kreativität" und dem "Mut zum Einfachen, Eleganten" solle daher wieder mehr Beachtung geschenkt werden. "Das Nachdenken bleibt dem Einzelnen nicht erspart", gibt Gerhard Grössing, Leiter des Austrian Institute for Nonlinear Studies in Wien, zu bedenken.

Wer zu sehr aufs Internet fixiert ist, riskiert zudem Zeitverlust und blinde Flecken, so Architekt und Aufmerksamkeitsökonom Georg Franck: "Schon heute ist deutlich, dass das top-aktuelle Auf-dem-Laufenden-Sein hohe Zeit- und Aufmerksamkeitskosten hat, die es nur in besonderen Fällen einzugehen lohnt. Und wer nur noch wahrnimmt, was im Netz vorkommt, gehört zu den schlechter Informierten."

Rudolf de Cillia, Sprachwissenschaftler an der Universität Wien, sieht auch Probleme ganz anderer Art. Zwar sei die ungeheure Beschleunigung der Zeit gut für die Wissenschaft, aber nicht unbedingt von Vorteil für die Lebensqualität der Wissenschaftler. Mit den neuen Möglichkeiten steigen auch die Belastungen, so Grössing: "Der enorme Anstieg an Publikationen bzw. publikationsfähigem Material führt zu einer zunehmenden Überforderung im Gutachter-Bereich."

Dominanz des Digitalen Weitgehend Einigkeit besteht darin, dass der Cyberspace die wissenschaftlichen Gegenstände umformt und selektiert. Die wissenschaftliche Relevanz von Fragestellungen werde im ,Geist der Maschinenlogik' neu definiert, glaubt der Medientheoretiker Frank Hartmann. Und Grössing sieht gerade auch in der Naturwissenschaft die Tendenz, "Wesentliches aus dem (digitalen) Blickfeld zu verlieren. Nicht-digitalisierbare Effekte werden weitgehend ignoriert." Karl Kuchler, Molekularbiologe am Vienna Bio Center, hält dem entgegen, dass gerade in den experimentellen Biowissenschaften die Digitalisierung ein entscheidender Faktor für den rapiden Fortschritt gewesen sei, und verweist auf die dadurch allererst möglich gewordene Entschlüsselung des menschlichen Genoms.

Die Cyberscience wird aus dem Wissenschaftler einen Cyberscientist machen. "Persönliche Kreativität wird weniger wichtig. Der ,schrullige' Wissenschaftler wird es schwer haben, der Interaktion und Moderation wird ein entscheidender Stellenwert zukommen", sagt der Wiener TU-Professor Peter Fleissner, der bis vor kurzem am "Zukunftsinstitut" der EU in Sevilla einschlägig tätig war. Schlecht sieht es hingegen für Medienwissenschaftler aus, Frank Hartmann fürchtet um seine eigene Disziplin: "Was will man eigentlich mit einer funktionierenden Theorie der Medien angesichts der blind funktionierenden Praxis erreichen?"

Das Feature "Cyberscience" von Michael Nentwich ist unter www.bmwf.gv.at/cyberscience nachzulesen. Die ausführlichen Stellungnahmen der oben befragten Wissenschaftler finden sich im Diskussionsforum "Cyberscience" auf der "heureka!"-Homepage.

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