Institutsporträt: Wie man Techno-Trends timed

aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Die Suche nach der Zukunft ist nicht immer leicht, vor allem nicht im Schilderwald. In der Strohgasse 45 im dritten Wiener Bezirk sind gleich mehrere Einrichtungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften untergebracht: das Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens, die Kommission für Iranistik und, im 3. Stock, das Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA).

Oben angekommen belehren mich die Sozialwissenschaftler Walter Peissl und Georg Aichholzer, dass Zukunft nicht gleich Zukunft ist. Zwar sind Prognosen ein wesentliches Element der Technikfolgenabschätzung (TA), aber von der Futurologie sucht man sich dennoch abzugrenzen. So ist zum einen der Zeithorizont - die nächsten fünf bis 15 Jahre - der TA kürzer. Und Aichholzer führt weiter aus: "Die Futurologie zeichnet mehr Bilder und unterliegt weniger der Verpflichtung, sich mit Empirie abzugeben, während unsere Gegenstände âentscheidungsreif' sind und wir überprüfbare Indizien zusammenstellen müssen."

Die TA hat also den Touch des Konkreten, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie vor allem Politikberatung ist. Verschiedene Bundesministerien und die EU gehören zu den Hauptauftraggebern des 1988 als Forschungsstelle gegründeten und seit 1994 als Institut geführten ITA. Die zwölf wissenschaftlichen Mitarbeiter des ITA kommen aus fast ebenso vielen Fächern - die TA, angesiedelt an der Schnittstelle von Technik und Gesellschaft, ist eine interdisziplinäre Angelegenheit par excellence.

Methodisch bedient man sich der Arbeitsweisen der empirischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und ergänzt diese zum Beispiel um bestimmte Szenariotechniken. Hinzu kommt die Delphi-Methode, bei der zahlreiche Experten befragt, (simulierte) Diskussionen geführt und die Zwischenergebnisse wieder an die Befragten zurückgespielt werden.

Ziel ist es, eine gewisse Bandbreite an möglichen Entwicklungen einzufangen, das vorhandene Wissen zu sammeln und zu resümieren und diese Information dann den Entscheidungsträgern zur Verfügung zu stellen, kurz: den Irrtum auf eine höhere Ebene zu heben, wie Peissl augenzwinkernd bemerkt. Zur Selbstironie gesellt sich die Vorsicht.

Man spricht mittlerweile von foresight, nicht von forecast, wenn am ITA etwa die Chancen der Telemedizin oder des E-Governments, des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologie in der Verwaltung, ausgelotet werden. Beim Monitoring relevanter technologischer Trends ist das Timing entscheidend, auch "Kontrolldilemma" genannt: Prognostiziert man eine bestimmte Entwicklung zu früh, liegt man leicht daneben, ist man zu spät dran, kann man nur mehr sehr beschränkt steuernd eingreifen.

Die Wissenschaft von der Zukunft blickt mittlerweile auf eine mehr als 30-jährige Geschichte zurück. Neben der so genannten instrumentellen TA, die sich stark auf Experten stützt, hat in den letzten Jahren die so genannte diskursive oder partizipative TA an Bedeutung gewonnen. Gerade wird am Institut ein EU-Projekt zur partizipativen TA abgeschlossen. Mittels Planungszellen, Bürgergutachten und Konsensus-Konferenzen soll das reine Expertenwissen ergänzt und korrigiert werden. "Dafür braucht man interessierte, aber interesselose Laien", erklärt Aichholzer. Sprich: Sie dürfen nicht direkt an der geplanten neuen Landebahn wohnen. Während die partizipative TA in Dänemark oder den Niederlanden bereits sehr verbreitet ist, findet sich das hierzulande aber noch wenig. Die Art der Prognostik ist also auch eine Frage der jeweiligen Kultur.

Und welche Auswirkungen hat die Arbeit für den persönlichen Umgang mit der Zukunft? "Man ist weniger expertengläubig, weil man um die Uneinheitlichkeit von Expertenmeinungen weiß", sagt Georg Peissl. "Aber", so Walter Peissl, "überdurchschnittlich viel Wissen über die Zukunft führt nicht zu überdurchschnittlich viel Angst vor der Zukunft." O. H.

Institut für Technikfolgenabschätzung, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Strohgasse 45/5, 1030 Wien, Tel. 01/710 25 10-65 82, www.oeaw.ac.at/ita

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