Zwischen Euphorie und Apokalypse

Futurologie. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Zukunftsdeutung zu einer eigenen Forschungsdisziplin. Der Ruf der Zukunftsforscher und die Verlässlichkeit ihrer Prognosen haben sich dadurch jedoch nicht wesentlich verbessert.

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Das Gewerbe der Zukunftsdeutung war von jeher von einem gewissen Mangel an Glaubwürdigkeit bedroht. Schon der alte Cicero fragte sich vor mehr als 2000 Jahren mit einigem Spott: "Woher kommt es, dass Delphi nicht nur heute, sondern seit langem keine derartigen Orakelsprüche mehr verkündet und es deshalb nichts gibt, das in größeren Misskredit geraten wäre?"

Die Prophetien hat man sich natürlich zu keiner Zeit nehmen lassen - gewandelt hat sich bloß die Art der Weissagung: War es im antiken Delphi eine Orakelpriesterin, die illuminiert von schwefelhaltigen Dämpfen die Zukunft verkündete, so berauschte man sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an literarischen Fiktionen dessen, was dereinst sein könnte.JulesVerne (1828-1905) war der einflussreichste Vertreter des neuen Genresund hat bereits in seinem ersten Science-Fiction-Roman, "Paris im 20. Jahrhundert" (1863, dt. 1996), Internet und Fax ebenso wie die Kommerzialisierung des Bildungswesens und die Herrschaft großer Firmen über den Staat vorhergesehen, dies allerdings bereits für das Jahr 1960.

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts begann sich dann eine Verwissenschaftlichung der Zukunftsdeutung abzuzeichnen. Der deutsche Politikwissenschaftler Ossip K. Flechtheimprägte 1943 den Begriff "Futurologie", um der alten Branche im neuen Gewand einen akademischen Anstrich zu geben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zunächst vor allem in US-amerikanischen Denkfabriken kühne Blicke in die Zukunft gewagt - unter ihnen die Rand-Corporation, der Think-Tank der US-Air Force oder das Hudson Institut, geleitet von seinem charismatischen Chefvisionär Herman Kahn. Mithilfe neu entwickelter Methoden wie der Delphi-Umfrage, aber wohl auch beflügelt vom technischen Machbarkeitswahn nach 1945 fielen die Prognosen der Zukunftsforscher entsprechend optimistisch und selbstsicher aus.

Euphorisch wurde von Kahn & Co. prognostiziert, dass die ersten bemannten Flüge zum Mars bereits für die Mitte der Achtzigerjahre zu erwarten seien - heute geht selbst die NASA im besten Fall vom Jahr 2019 aus. Und spätestens im Jahr 2000 würden Passagierflugzeuge mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit die Erde umkreisen. Auch in Sachen Medizin war man ähnlich optimistisch: Hätten sich die Zeitläufte an eine futurologische Studie aus dem Jahr 1966 gehalten, dann wären wir heute bereits längst im Genuss einer allgemeinen Immunisierung gegen Bakterien- und Virenerkrankungen.

Allmählich entwickelte sich in der weiter boomenden Zukunftsforschung ein Gegentrend zu den euphorischen Trendstudien der Fünfziger- und Sechzigerjahren. Der österreichische Publizist Robert Jungk (1913-1994) war nicht nur der Pionier der deutschsprachigen Futurologie - sein "Institut für Zukunftsfragen" wurde 1965 in Wien gegründet - Jungk war auch einer der ersten, der globale Krisenphänomene in den Blick nahm und Prozesse partizipatorischer Zukunftsgestaltung anregte.

Die europäischen Kassandras unter den Zukunftsforschern lagen allerdings zumeist ebenso daneben wie ihre optimistischeren Kollegen aus den USA: So etwa meinten die Autoren des Club-of-Rome-Berichts "Die Grenzen des Wachstums" (1972), dass die Gold-, Silber- und Quecksilber-Lagerstätten bis ins Jahr 1985 aufgebraucht sein würden, wenn man so weiter mache wie bisher. Man machte weiter - und schürft bis heute erfolgreich. Weniger ertragreich war diese Zeit indes für die Zukunftsforschung selbst - wohl auch angesichts ihrer Fehlerquote von 80 Prozent, die kürzlich eine US-amerikanischen Studie ermittelt hat.

Hatte man in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren von der Zukunft offenbar genug, so bescherte das Jahr 2000 den Futurologen wieder eine Hochkonjunktur, die aber nicht nur datumsbedingt war. "Die Globalisierung und das Internet kamen noch dazu", wie der deutsche Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller (siehe Kasten) meint, wodurch Unternehmen gezwungen wurden, sich mehr Gedanken über die Zukunft zu machen bzw. dieser nachzufragen." Über die Auftragslage seines "Sekretariats für Zukunftsforschung" in Gelsenkirchen könne sich Steinmüller jedenfalls nicht beklagen.

Eines zumindest kann man zumindest der seriösen Zukunftsforschung nicht vorwerfen: dass sie nicht ihre Lehren aus der Vergangenheit bzw. ihren Fehlprognosen gezogen hätte: Von selbstsicheren "Voraussagen" (forecasts) hat man sich längst verabschiedet und spricht nur noch vorsichtig von "Voraussichten" (foresights). Zugleich hat sich der Zukunftshorizont deutlich eingeengt, wie auch der Futurologe bestätigt: "In den Sechzigerjahren hat man schamlos Prognosen für die nächsten fünfzig Jahre gemacht. Heute sind wir sehr viel vorsichtiger und machen Szenarien nur noch bis 2015."

Und die Zukunft des eigenen Faches? Selbst da lässt Steinmüller Zweifel zu: "Natürlich kann man sich Gedanken machen, ob die Zukunftsforschung schon fit ist für das 21. Jahrhundert. Also, da kann man gewiss einiges hinterfragen."

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