Zwischen Euphorie und Apokalypse/Karlheinz Steinmüller: "Mögliche Zukünfte"

aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Karlheinz Steinmüller, 50, ist diplomierter Physiker und einer der wenigen Zukunftsforscher Deutschlands. Unter dem Titel "Visionen 1900 2000 2100" veröffentlichte er gemeinsam mit seiner Frau Angela bereits jetzt eine lesenswerte Chronik des 20. und auch schon des 21. Jahrhunderts. Als nebenberufliche Science-Fiction-Autoren wurden die beiden mit dem Prix Europeen de la Science Fiction ausgezeichnet.

heureka!: Wie wird man zum Zukunftsforscher? Als Studium wird dieses Fach hierzulande ja nicht angeboten.

Karlheinz Steinmüller: Im deutschsprachigen Raum gibt es keine entsprechenden Studiengänge, das stimmt - im Gegensatz zu den USA, Finnland oder Großbritannien. Das Problem liegt wohl darin, dass dieses Fach eine Querschnittsdisziplin ist und somit schlecht in das normale Raster der Fakultäten reinpasst.

Worin besteht der Unterschied zwischen Ihrem Fach und der so genannten Trendforschung?

Zum einen ist die zeitliche Perspektive der Zukunftsforschung meist längerfristig, während in der Trendforschung eher danach gefragt wird, ob im nächsten Jahr z.B. der Macho weiter im Kommen oder jetzt das Weichei angesagt ist. Da halten wir uns natürlich raus. Zum anderen versuchen wir in der Zukunftsforschung mit wissenschaftlicher Methodik an die Fragen heranzugehen.

Wie sehen diese wissenschaftlichen Methoden aus?

Man muss grundsätzlich davon ausgehen, dass man die Zukunft nicht prognostizieren kann. Es gibt einen ganzen Möglichkeitsraum, der sich vor uns aufspannt, und den muss man zu erfassen suchen. Und dafür gibt es unterschiedliche Methoden. Ein eingebürgertes Verfahren ist die Delphi-Methode, wo man versucht, Expertenmeinungen zusammenzubringen und dann einen einigermaßen stabilen Konsens herzustellen. Eine andere ist die Trend-Extrapolation, also die Hochrechnung heute vorhandener Entwicklungen. Und schließlich verwenden wir bei unseren Zukunftsstudien auch so genannte "Szenario-Techniken".

Was kann man sich darunter vorstellen?

Szenarien haben den Vorteil, dass bei ihnen nicht eine Zukunft beschrieben wird, sondern mehrere mögliche und wünschbare Zukünfte neben- und gegeneinander gestellt werden. Wir ergänzen diese Szenario-Konstruktion dann zumeist noch durch so genannte "Wild Cards".

Was bedeutet das wieder?

So nennt man im Angelsächsischen Störereignisse bzw. überraschende Einflussfaktoren, die auf den ersten Blick eine recht geringe Wahrscheinlichkeit, aber sehr große Auswirkungen haben. Beispiel: Radiosmog-Panik. Wenn bewiesen werden sollte, dass Radiosmog - also konkret: das Benützen von Handys - schädliche Auswirkungen auf das menschliche Gehirn hat, dann würden wir von heute auf morgen einen völlig anderen Kommunikationsmarkt haben.

Angela und Karlheinz Steinmüller: Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft. Frankfurt/Main 1999 (Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins). 598 S., zahlr. Farbabb., DM 59,

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