Zwischen Wien und Santa Fe

Porträt. Der Mathematiker und Wissenschaftsautor John L. Casti hat sich in unterschiedlichsten Arbeiten mit der Zukunft und der Prognosefähigkeit der Wissenschaften befasst.

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Vorhersagen sind nicht der Zweck der Wissenschaft", stellt John L. Casti im heureka!-Interview vorweg klar und setzt gleich noch eins nach: "Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, Leute zu entmutigen, die sich diesbezüglich zu viel erwartet haben." Der Amerikaner in Wien weiß, wovon er spricht: Als angewandter Mathematiker hat er sich mit einer Vielzahl praktischer Probleme beschäftigt - von ethnischen Zusammensetzungen in Stadtvierteln bis hin zu Fragen des atmosphärischen Strahlungsverhaltens.

Nach einem Mathematikstudium begann Castis Karriere bei der legendären RAND Corporation, die als erste systematische Zukunftsstudien durchführte. Im sonnigen Kalifornien hielt es den heute 57-Jährigen aber nicht lange: 1974 heuerte Casti als einer der ersten Forscher am damals neu gegründeten International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg bei Wien an (siehe heureka! 2/99). Was sich bei diesem Sprung über den großen Teich nicht veränderte, war seine Arbeit in interdisziplinären Forschungsprojekten zur Lösung globaler sozialer und ökologischer Probleme.

1986 verließ er das IIASA, wurde Professor an der TU Wien - und begann, seine interdisziplinären wissenschaftlichen Kenntnisse für Studenten und interessierte Laien aufzubereiten. In seinem Buch "Paradigms Lost" (dt.: "Verlust der Wahrheit") handelte er einige der Kernfragen der zeitgenössischen Wissenschaften ab und schrieb damit einen Bestseller. Ermutigt von diesem Erfolg, verfasste er weitere populäre Wissenschaftsbücher - unter anderem "Would-Be-Worlds", das sich mit Simulationen in der Wissenschaft befasst.

Darin zeigte er, dass für eine ganze Reihe von komplexen Systemen (wie Verkehrsnetze oder Finanzmärkte) durch den Einsatz von Computern erstmals kontrollierte Experimente durchgeführt werden können. Das Santa Fe Institute in New Mexico, wo Casti seit 1992 ebenfalls Professor ist, war eines der ersten Institute, an dem das praktiziert wurde. So haben zwei seiner Kollegen durch Computersimulationen neue Einblicke in das Funktionieren von Aktienmärkten erhalten. Wie Casti erzählt, gründeten die beiden eine Firma, hatten eine Schweizer Bank als einzigen Kunden, ehe diese ihnen schließlich alles abkaufte - und die beiden zu "Zillionären" wurden.

Der viel beschäftigte Pendler zwischen Wien und Santa Fe, der kürzlich auch wieder an das IIASA zurückkehrte und als Konsulent für die Austrian Research Centres Seibersdorf tätig ist, hält die Vorhersehbarkeit von praktisch jedem komplexen System dennoch nach wie vor für beschränkt, wie er bereits in seinem Buch "Szenarien der Zukunft" anhand der Prognostizierbarkeit des Wetters, der Börsenkurse oder dem Ausbruch von Kriegen gezeigt hatte.

"Was die Wissenschaft über die Zukunft weiß", so der Untertitel, sei sehr beschränkt. Doch unglücklicherweise habe sich die moderne Wissenschaft mit der Himmelsmechanik durchgesetzt. Das nämlich sei eines der wenigen Gebiete, wo sehr genaue langfristige Prognosen und Erklärungen möglich sind, so Casti: "Man kann sehr genau berechnen, wo der Jupiter in 1000 Jahren stehen kann. Dummerweise wurden die Vorhersagen in der Himmelsmechanik zum Standard, nach dem heute alles beurteilt wird."

Bücher von John L. Casti (Auswahl): Verlust der Wahrheit. Naturwissenschaften in der Diskussion. München 1992 (Droemer-Knaur) 687 S., öS 123,- (orig. 1989) Szenarien der Zukunft. Was die Wissenschaft über die Zukunft weiß. Stuttgart 1992 (Klett-Cotta). 570 S., öS 423,-.

Would-Be Worlds. How Simulation Is Changing the Frontiers of Science. New York 1997 (Wiley & Sons). 242 S., öS 309,- (bei Shakespeare & Co.)

Paradigms Regained. A Further Exploration of the Mysteries of Modern Science. New York 2000 (William Morrow). 287 S., öS 390,- (bei Shakespeare & Co.)

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