Nachhaltige Verhübschung

EXPO. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen Weltausstellungen. Bei der Expo 2000 in Hannover werden die multimedialen Inszenierungen dem Generalthema "Mensch - Natur - Technik" nur teilweise gerecht. Ein Rundgang.

Alexander Kosz | aus HEUREKA /00 vom 14.06.2000

Die Bäume schweben frei und tragen doch die Decke über ihnen. Oben dann Dünen auf dem Dach und ein See über der City - Holland als Sandwich der Landschaften. Im dichtest besiedelten Land Europas ist der Lebensraum knapp, es bleibt nur der Weg nach oben. Und wenn man auf die Natur nicht verzichten will, muss man sie mit einbauen. Der niederländische Pavillon ragt nicht nur wegen seiner 40 Meter Höhe heraus. Die Rotterdamer Architekten haben mit ihrem Greenhouse in provokanter Weise die vorgegebenen Leitbegriffe "Mensch - Natur - Technik" durcheinander gewürfelt.

Nach den Vorstellungen der Expo-Veranstalter sollten die 173 teilnehmenden Nationen und Organisationen - natürlich mehr als bei jeder bisherigen Weltausstellung - ihre eigenen Lösungen für Zukunftsfragen präsentieren. Doch selten gelingt die Umsetzung so "zukunftsweisend" wie bei dem holländischen Denk-Gebäude, das auf zentrale Fragen des 21. Jahrhunderts verweist. Die Interpretationsbedürftigkeit des Leitthemas eröffnet nämlich nicht nur kreative Freiräume, sondern auch das weite Feld der Beliebigkeit. Was lässt sich nicht auf die ein oder andere Weise unter die Trias "Mensch - Natur - Technik" subsumieren?

Der italienische Beitrag erinnert an Leonardo da Vinci, Griechenland paraphrasiert irgendwie das Zitat "Der Mensch ist das Maß aller Dinge", über dem Pavillon Estlands hängt eine Reihe von Tannen in orangenen Stanitzeln. Abu Dhabi hat ein "originales" Wüstenkastell nachgebaut, mit Wüstensand und 60 echten Palmen. Im chinesischen Pavillon wurde ein Bruchstück der chinesischen Mauer eingebaut, die Schweizer "Hütte" besteht aus rohem, unbehandeltem Holz, das (wie bei Sägearbeiten üblich) übereinander geschlichtet wurde. Einzig der Pavillon von Monaco legt ein deutliches, ehrliches Bekenntnis ab: In einem nachgebauten Mini-Hafen lädt eine Yacht zum Besuch ein - natürlich nur für auserlesene Gäste. Was auch immer die Nachhaltigkeit in Zukunft bringen möge - die Reichen und die Schönen werden sich immer in Monaco amüsieren.

Der von der Expo thematisierten "Nachhaltigkeit" wird vor allem dadurch Rechnung getragen, dass die Bauherren der Länderpavillons viel Holz verwenden (also viele Bäume gefällt haben). Manchmal mit wirklicher Funktion, zumeist aber nur als Behübschung. Die wirklich innovativen Projekte hingegen hatten mit der deutschen Gründlichkeit zu kämpfen: Ein großes Haus aus Bambus durfte erst errichtet werden, nachdem ein Prototyp in Kolumbien seine Festigkeit unter Beweis gestellt hatte, und der japanische Pavillon, der der Tradition entsprechend vor allem aus Papier und Pappe besteht und vollständig recycelbar ist, musste mit einer Folie aus PVC überzogen werden, um der deutschen Bauordnung zu entsprechen. So viel erstmal zur Nachhaltigkeit.

Dieser "klassische" Teil der Weltausstellung, also die einzelnen Pavillons und Ausstellungen von Ländern und Organisationen, macht nur einen von insgesamt vier Bereichen der Expo 2000 aus. Dazu kommt zweitens eine Reihe von über 700 weltweit bestehenden oder neuen Projekten, die das Gütesiegel "Expo-Projekt" verliehen bekamen und deren Entwicklungen auf der nächsten Expo weiter verfolgt werden sollen. Von diesen "Expo-Projekten" war in Hannover recht wenig zu sehen; und welche Hilfe es für derartige Projekte ist, solcherart ausgezeichnet zu werden, ist zumindest fraglich (denn Geld bekommen sie keines).

Das Kultur- und Ereignisprogramm wiederum umfasst drittens die ganze Bandbreite an "Events", von Konzerten bis Theater, von Volksgruppen bis Tanz - in Summe rund 15.000 Veranstaltungen während der gesamten Laufzeit der Weltausstellung vom 1. Juni bis 30. Oktober.

Das inhaltliche Herzstück der Expo soll aber der so genannte Themenpark sein (siehe Kasten). Diese insgesamt elf Ausstellungen auf rund 100.000 Quadratmetern Fläche lassen kein auch nur halbwegs "zukunftsfähiges" Thema aus: Arbeit, Mobilität, Energie, Gesundheit, Wissen, Information und Kommunikation, Energie, Umwelt, "Basic Needs", Ernährung, "Mensch", sowie als Höhepunkte die beiden Ausstellungen "Das 21. Jahrhundert" und "Planet of Visions".

Ein ganzes Heer von Firmen, Instituten, Museen und Wissenschaftlern haben mitgearbeitet und verschiedene Teile konzeptuell betreut, von Unternehmerverbänden angefangen bis hin zu amnesty international, NGOs aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, die Shoa Foundation, die Weltgesundheitsorganisation WHO, die UNESCO oder die Weltbank.

Auch inhaltlich ist - zumindest wenn es nach den Konzepten geht - jeder auch nur annähernd positiv besetzte, innovative und zeitgeistige Begriff im Spiel: angefangen vom Verhältnis von Innovation und gesellschaftlicher Veränderung über Mensch, Gesundheit, Energie, Wasser als Symbol des Lebens, Klimaveränderung, Ozon, Bevölkerungswandel, Migration, Gesundheit, Nahrungsmittelversorgung bis hin zu Verstädterung, Globalisierung und Arbeitswelt - die Liste ließe sich lange fortsetzen. Doch leider finden alldie theoretischen Überlegungen in den Inszenierungen des Themenparks nur eine klägliche Entsprechung.

So wird etwa der zentrale Begriff der Nachhaltigkeit nur als Ersatz bestehender Technologien durch neue Technologien verstanden, nicht im eigentlichen Sinne. Sprich: dass es eben nicht mehr darum geht, verbesserte Produkte anzubieten, sondern an ihre Stelle neue Systeme von Dienstleistungen zu setzen. Besonders deutlich wird das in den Ausstellungen zu Mobilität und Energie. Nachhaltigkeit müsste hier bedeuten, dass es nicht darum geht, ein verbessertes Auto zu produzieren, sondern dem Kunden die Dienstleistung einer optimalen Beförderung von A nach B anzubieten; das wäre ein systemischer Ansatz. Doch die Expo präsentiert bloß ein paar Prototypen des Altbekannten: besonders kleine Autos oder solche mit Wasserstoffantrieb. Und angesichts des Eigenlobes für "zero emission cars" verstummt die Überlegung, woher eigentlich die Energie zur Gewinnung des Wasserstoffes kommt und ob diese Energie ebenfalls ohne Emissionen gewonnen wird.

Die Antwort dafür sollte die Ausstellung zum Thema "Energie" liefern (für die große Elektrizitätsversorgungsunternehmen als Sponsor gewonnen wurden), allein, sie tut es nicht. Auch hier wird die Energieversorgung der Zukunft als technisches Problem illustriert, für das es technische und nicht systematische Lösungen gibt. Die Nachhaltigkeit endet bei der Expo spätestens beim allabendlichen Feuer- und Multimediaspektakel "Flambee". Da in Deutschland Feuerwerke aus Umweltschutzgründen nur in beschränktem Ausmaß zulässig sind, wurde es einfach in "Feuerspiel" umgetauft. Am Ergebnis ändert das wenig: Es raucht, es stinkt, es brennt - Nachhaltigkeit hin oder her.

Somit stellt sich die viel grundlegendere Frage, ob eine Expo heutzutage nicht fast zwingend an der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen autonomer Themensetzung und den Versuchen der Vereinnahmung, scheitern muss. Das Tauziehen begann bekanntlich bereits im Vorfeld. Partner und Sponsoren aus der Wirtschaft kritisierten die ihrer Meinung nach zu starke Betonung des ökologischen Aspekts, Öko-Lobbyisten und alternative Gruppierungen wiederum sahen in der Expo nur eine Verherrlichung von Technologie und globalisierter Wirtschaftskraft.

Die Lösung, die man in Hannover gewählt hat, ist der klassische Kompromiss, ohne zukunftsweisenden Visionen, ohne Standpunkte: viel Inszenierung, ein bisschen ökologische Behübschung und Tausende Seiten an "wissenschaftlicher" Grundlage. Der Versuch, sich in der Sache unangreifbar zu machen, hat zu einer lähmenden Äquidistanz zu allen wirklichen Positionen geführt.

Der Verzicht auf eine inhaltliche Auseinandersetzung bietet nur die Inszenierung als Ausweg. Die Expo macht nur dann ein Thema zum Thema, wenn es sich technisch-ästhetisch aufbereiten lässt. "Es muss rauchen, krachen, blinken" - so beschrieb Martin Roth, verantwortlich für die Themenparkentwicklung, sein pädagogisches Konzept. Unterhaltung wird damit zur Affirmation, gerade auch wenn die Expo um Sponsoren in der Wirtschaft wirbt: "Mit fantasievoll gestalteten Erlebniswelten bietet sich hier (im Themenpark) die Gelegenheit, Denkhaltungen und Wertvorstellungen deutlich zu machen und Images und Einstellungen nachhaltig (!) zu optimieren ..."

Fragen der Makroökonomie, der globalen Verteilungsgerechtigkeit, zukünftiger Gesellschaftsordnungen oder alternativer Technologien sperren sich gegen die vereinnahmende Ausstellungsästhetik der Expo und werden daher nicht gestellt. Damit wurde in Hannover auch eine Chance vertan: Wo sonst wäre der Ort, kulturell unterschiedliche Wirtschafts- und Zukunftskonzepte zu präsentieren, als auf einer Weltausstellung, die sich noch dazu dem Thema der Nachhaltigkeit verschrieben hat?

Bei der Expo 2000 jedenfalls verkommt Interkulturalität zur oberflächlichen Folklore. Wobei - nebenbei bemerkt - die Weltausstellung eine relativ klare topographische Trennung zwischen den Ländern Asiens und Afrikas (im westlichen Teil) und den Länder-Pavillons aus Europa (im östlichen Teil) zeigt. Das sei natürlich nicht programmatisch, sondern habe sich so ergeben, versichern die Organisatoren.

Alexander Kosz (kosz@bit.ac.at) ist Wissenschaftsjournalist und Mitarbeiter des Büros für Internationale Forschungs- und Technologiekooperation in Wien.

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