Nachhaltige Verhübschung/EXPO-Themenpark: "Kratzen, bevor es juckt"

Stefan Löffler | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Quer durch Halle 7 führt eine Art Geisterbahn. Man nimmt in einem viersitzigen Wägelchen Platz und setzt ein Polster mit Lautsprechern an beiden Seiten auf die Schultern. Dann fährt der Zug ins Dunkle. Die Wägelchen machen mal eine Vierteldrehung nach links, mal nach rechts, mal hält der Zug abrupt an. Die Gespenster sind multimedial auf dem neuesten Stand - Filmchen, Dias, Animationen. Dazu Belehrungen aus dem Schulterpolster: Chemie ist die Antwort. Ohne Chemie geht nichts. Mit Gentechnik zu einem besseren Leben. Es ist erschreckend. Man will widersprechen, aber man sitzt ja in einer Geisterbahn.

Das Chemodrome läuft Expo-intern unter dem Namen "VCI-Ride". Die Lobbyisten vom Verband der Chemischen Industrie sind stolz auf ihren Beitrag. Obwohl er mit dem Expo-Leitziel "Nachhaltigkeit" wenig zu tun hat, hat Martin Roth, einer der Verantwortlichen des Themenparks, nichts einzuwenden. Er bedauert im heureka!-Gespräch, dass die Plattform in Hannover von anderen nicht in gleichem Maß genutzt werde wie von der Industrie. Die Wissenschaft sei an allen Ecken und Enden vertreten, aber meist als Auftragnehmer oder Berater, sagt Roth.

Nur die Max-Planck-Gesellschaft hat einen eigenen Beitrag gestaltet: eine inmitten der inszenierten Erlebnisräume langweilig konventionell geratene Galerie namens "Science Tunnel". Am Geld kann die Zurückhaltung der Wissenschaftsorganisationen nicht gelegen haben. Das zuständige Ministerium hätte weitere Beiträge großzügig gefördert. Roth erklärt es mit dem in der deutschen Wissenschaftslandschaft unzureichenden Verständnis für "public understanding of science".

Einige Umweltorganisationen boykottieren die Expo wegen ihrer vermeintlichen Anbiederung an die Industrie. Nur der WWF ist mit eigenen Mitteln engagiert. Das sei mit Sicherheit nicht auf Druck der Industrie zurückzuführen, versichert Roth. Im Gegenteil hätten sich viele Unternehmen gerne mit der Nachbarschaft von Greenpeace geschmückt. Stark präsent sind Umweltthemen und Lösungen für Umweltprobleme auch so, vor allem durch die von der Expo geförderten weltweiten Projekte.

Die Folgen der ungleichen Beteiligung zeigen sich vor allem im Bereich Energie. Dort sind wirtschaftliche Zusammenhänge nahezu vollständig ausgeblendet. Der jährliche Energieverbrauch eines Österreichers wird mit 35 Millionen Kilowattstunden schmerzhaft überschätzt. Man erfährt, dass große Meereswellen so viel Energie haben wie ein Kernkraftwerk, aber nicht, warum die Kraft der Ozeane praktisch ungenutzt bleibt. Aktuelle Bezüge, etwa zum Streit um Benzinpreis und Ökosteuer in Deutschland oder zur freien, aber kaum genutzten Wahl des Stromlieferanten, lässt die Schau nicht zu.

Der Konzeption ist anzumerken, dass sie bereits vor fünf Jahren entstanden ist. Das Internet ist kein Thema und nur sporadisch im Dienst der Präsentation. Die Raumeinteilung wirkt so großzügig, als wären Teile der Ausstellung ausgefallen. Dabei sind die Eingänge der Hallen nur in Erwartung von Besucherschlangen mit platzsparenden "Preshows" gestaltet worden.

In einer solchen "Preshow" liest man auch eine schöne, von Peter Sellars stammende Definition von Zukunftsforschung: Kratzen, bevor es juckt. Hätte ein schönes Motto für den Themenpark abgegeben und ihn vielleicht vor einigen Gemeinplätzen und vor Fantasiemangel bewahrt.

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