Kristallluster und Kaplanturbine

Inszenierungen. Die Weltausstellungen waren immer schon ein Panorama nationaler Selbstdarstellungen. Die österreichische Identität schillerte dabei seit jeher zwischen lieblicher Kulturnation und einer erfolgreichen technologischen Aufholjagd.

Elke Krasny | aus HEUREKA 3/00 vom 14.06.2000

Die ganze Welt auf einen Blick - so könnte man die Zielsetzung der Weltausstellungen trotz der mannigfaltigen Veränderungen des Mediums in den letzten 150 Jahren auf den Punkt bringen. Hier überlagern sich die Ordnungen des Realen und Symbolischen, vermengen sich Technologie und Ökonomie, Ästhetik und Politik, Kultur und Inszenierung. Entsprechend wandeln sich im Laufe der Zeit auch die Bilder, die einzelne Nationen von sich entwerfen.

Schon aufgrund seiner bewegten Geschichte ist Österreich ein ungewöhnlicher Weltausstellungsgast: Von der Monarchie über die Zwischenkriegszeit bis zur Zweiten Republik musste das Selbstbild immer wieder neu konstruiert werden. Mit unterschiedlichsten Produkten stellte sich Österreich auf diesen Veranstaltungen ein: Bugholzstühle, neue Apfelsorten, Indianer mit Schlag, Kristallluster, die Kaplanturbine, Tabakwaren, Skianzüge, der Marcuswagen oder ein Skisimulator. Unternehmen wie Thonet, Lobmeyr oder Bösendorfer wurden durch die Ausstellungen ebenso international bekannt wie die Künstler Johann Strauß, Hans Makart, Gustav Klimt oder Fritz Wotruba.

Die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts umfassten unzählige verschiedene Abteilungen, vom Maschinenbau bis zum Buchdruck, von der Landwirtschaft bis zur Kunst. In diesen lebendigen Enzyklopädien wurde das Wissen der Welt nach Nationen geordnet. Das technologisch und wirtschaftlich rückständige Österreich nutzte die Gelegenheit zur Entsendung von Fachmännern und Experten, die ihre gewonnenen Erfahrungen in Berichten veröffentlichten und so in den Produktionskreislauf einspeisten - Wissens- und Technologietransfer würde man heute dazu sagen.

Es ging jedoch bereits im 19. Jahrhundert nicht nur um die Ausstellung von Waren oder Maschinen, sondern auch um die Entwicklung identitätsstiftender Gesamtensembles. So hinterließ Österreich auf der Weltausstellung in London 1851 einen kolossalen Bücherschrank im gotischen Stil als dynastisches Geschenk. Der Schrank bildete die Behausung für deutsche, ungarische, slawische und italienische Literatur, Musik, aber auch für bildende Kunst mit Sittenbildern, Landschafts- und Architekturdarstellungen: der Vielvölkerstaat als kulturell produktive Gesamtheit.

Bereits 1852 verfolgten österreichische Eliten die Idee einer Wiener Weltausstellung. 1873, nach umfangreichen Investitionen in Verkehrswesen und Hotels, war es dann so weit.

Die Welt in Wien Im Vergleich zu Großbritannien oder Frankreich konnte man aber kaum mit vergleichbaren industriellen Leistungen aufwarten. Also feierte sich Wien als Drehscheibe zwischen Okzident und Orient: Marokko und Tunesien nahmen erstmals an so einer Schau teil, Japan betrieb seine Beteiligung mit großem Engagement. Eine langfristige Orientmode war die Folge. Neu waren ethnographische Präsentationen, vom ungarischen Bauernhaus bis zum orientalischen Viertel. Folklore und Exotismus, das globale Dorf im Stile eines Freilichtmuseums.

Tradition und Innovation Auf den Ausstellungen des 20. Jahrhunderts ging es nicht mehr um eine spartenbezogene Leistungsschau, sondern um die ausgeklügelte Inszenierung nationaler Selbstbilder in eigens errichteten Pavillons. Österreich versuchte immer wieder, technische Kompetenz zu beweisen. So auch auf der Pariser Ausstellung von 1937. Der von Oswald Haerdtl gestaltete Pavillon gab durch eine Glasfront den Blick auf ein riesiges Alpenpanorama frei. Die kunstvoll gestaltete Landschaft feierte das Zusammenspiel von Tourismus und Technik und bot den idealen Rahmen für industrielle Pionierleistungen wie Modelle neuester Schnellzuglokomotiven oder der Kaplanturbine. Auch der heurige EXPO-Beitrag in Hannover setzt unter dem Label "Land der LebensKunst" auf simulierte Landschaft im Hightech-Outfit.

1958 in Brüssel, bei der ersten Nachkriegsweltausstellung, bemühte sich Österreich, wie es in einem internen Positionspapier heißt, sich in "einer Zeit der psychischen und physischen Überbelastung des Menschen durch die Technik" als "Oase der Erholung und der Entspannung" zu präsentieren: "Seine Landschaft, sein gesellschaftliches Klima, machen es in besonderer Weise hierfür geeignet. In der Gesamtkonzeption der Ausstellung soll nicht so sehr die nationale Eigenart Österreichs in den Mittelpunkt gestellt werden, sondern vielmehr seine geistige und wirtschaftliche Eingliederung in die europäische Völkerfamilie." Mit der Form der Brücke fand Pavillonarchitekt Karl Schwanzer die entsprechende architektonische Metapher.

Entspannte Technik Gleichzeitig suchte Schwanzer mit dem "Raum der Technik" den Anschluss an die neuesten Entwicklungen. Durch die Verbindung historischer Erfindungen mit zeitgenössischen Produkten wurde eine durchgängige österreichische Technikgeschichte suggeriert. Neben Maderspergers Nähhand von 1817 fand sich eine Präzisionsnähmaschine und neben Kravogls Elektromotor von 1867 ein ELIN-Leichtmetallmotor. Technik als traditionsreiche kulturelle Leistung, um internationale Konkurrenzfähigkeit zu demonstrieren.

So setzte Österreich im 20. Jahrhundert immer wieder zu Imagekorrekturen an und versuchte, mit unterschiedlichem Erfolg, Technologie ästhetisch zu inszenieren und den festgefahrenen Klischees von Rückständigkeit und Gemütlichkeit das Bild eines zur Innovation fähigen Landes entgegenzusetzen.

Elke Krasny (elke.krasny@blackbox.net) ist Kulturtheoretikerin und Ausstellungsmacherin. Jüngste Buchveröffentlichung gemeinsam mit Ulrike Felber und Christian Rapp: Smart Exports. Österreich auf den Weltausstellungen 1851 - 2000. Wien 2000 (Christian Brandstätter). 240 S.,220 Abb., öS 790,

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